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Schlussbericht Martina

Nach der langen Bewerbungsprozedur und Erledigung sämtlicher Formalitäten, bin ich am 24.9. 2007 endlich nach Italien aufgebrochen.
Bei meiner Aufnahmeorganisation (IBO Italia) war anfangs ein 2-wöchiges Vorbereitungsseminar mit Sprachkurs in Norditalien angesetzt. Das Seminar war super, denn man konnte Freiwillige aus aller Welt kennen lernen und somit erste Kontakte in Italien knüpfen, aus denen teilweise Freundschaften wurden.
Da das Seminar aber auch in der Einöde stattfand und das Programm sehr locker war, wollte und wollte die Zeit nicht vergehen. Jeder saß auf Kohlen, war gespannt auf sein Projekt und die bevorstehende Zeit, wollte endlich wissen, ob die Ängste und Hoffnungen bestätigt werden.

Schon am Ende der 1. Woche in Italien sollte sich bei mir eine entscheidende Veränderung ergeben. Für jeden von uns war während der Zeit des Sprachkurses ein Einzelgespräch mit der Leiterin von IBO (Francesca) vorgesehen. Da ich ein "besonderer Fall" sei, wollte sie gleich mit mir beginnen. Beworben hatte ich mich für ein Projekt in Rom, bei dem ich mit Kindern arbeiten sollte - was ich auch im Hinblick auf meinen Beruf als Lehrerin als hilfreiche Erfahrung eingestuft habe. Dass es in diesem Projekt in der Vergangenheit Probleme mit Freiwilligen gben hatte, wusste ich bereits aus e-mails mit der IBO-Koordinatorin. Um es kurz zu halten: Sie teilte mir bei diesem Gespräch mit, dass sie bei einem gestrigen Telefongespräch mit meiner gewählten Einrichtung erfahren hatte, dass es dort Probleme (persönlicher Art) gibt und ich nicht dort hin kann... Es war wirklich ein ziemlicher Schock. Sie bot mir als Alternative ein Projekt in Ferrara an, bei dem ich mit Obdachlosen und Immigranten arbeiten würde. Seit Monaten hatte ich mich darauf vorbereitet, ein halbes Jahr in Rom zu leben. Reiseführer war gekauft, mein Freund hatte schon Flüge gebucht um mich zu besuchen (je früher man bucht, desto günstiger ist es ja... eigentlich... ). Und ROM - FERRARA... der Unterschied ist doch ziemlich groß. Das milde, eher warme Klima und Flair einer antiken Metropole gn eine kleine, sehr feuchte Stadt im Norden... Und dann in einem Projekt arbeiten, das ich von mir aus nie gewählt hätte... für meine berufliche Zukunft völlig irrelevant... Nachdem der erste Schock überwunden war, habe ich die Herausforderung hinter all dem gesehen, vor die ich gleich zu Beginn gestellt wurde. Die Gelnheit, etwas komplett anderes zu tun, mit einer Gruppe von Menschen, mit denen ich bisher nie in Kontakt gekommen bin. Ich bekam außerdem die Möglichkeit geboten, sowohl dieses Projekt zu besuchen, als auch ein Alternativprojekt in Rom, das allerdings noch weniger in Frage kam. So sah ich wenigstens, was mich erwarten würde und die Entscheidung fiel mir leichter. Mit Francescas Hilfe habe ich einen Brief an die Italienische Nationalagentur geschrieben, mit Bitte um Projektwechsel. So bin ich also nach Beendigung der 2-wöchigen "formazione" nach Ferrara gefahren.

Die Arbeit in der Caritas war o.k., wenn auch nie das, was ich mir unter meinem Projekt vorgestellt hatte. Meine Kolln waren nett, aber die Arbeit wenig anspruchsvoll. In die Caritas kommen Obdachlose, Immigranten, Drogenabhängige oder anderweitig Bedürftige und bekommen Essen und Kleidung. Vormittags können sei gn Vorlage des Ausweises Kleidung bekommen und duschen, nachmittags Lebensmittel für den häuslichen Gebrauch holen. Zudem ist zweimal täglich "mensa". Im Schnitt kamen mittags 150-180 Leute zum Essen, abends unter 100 Personen. Die Aufgaben der Freiwilligen sind, den Klienten die Dinge zu geben, Essen auszugeben, nach dem Essen alles zu putzen und an den Vormittagen und Nachmittagen (man hat nie beide Schichten, sondern entweder die eine, oder die andere) die Kleidung und die Lebensmittel, die ankommen einzusortieren, zu räumen, zu putzen, teilweise auch Erledigungen mit dem Auto zu machen. An die Klienten heran zu kommen und persönliche Kontakte zu knüpfen fand ich eher schwierig. Die meisten holen nur ihre Dinge und gehen dann sofort wieder. Viele können außerdem sehr schlecht italienisch. Das Projekt hat aber auch klare Vorteile gnüber anderen Projekten in Italien. Man wohnt nicht, wie meistens sonst, in der Einrichtung, sonder in einer WG und kann sich so leichter von der Arbeit abgrenzen und das Privatleben sehr unkompliziert gestalten. Die Kolln sind nett, ebenso der Chef Paolo, bei dem es auch nie Probleme mit freien Tagen und dergleichen gab. Die Arbeit ist locker, aber leider erschien sie mir auch oft sehr wenig anspruchsvoll und erfüllend. An manchen Tagen habe ich mich gefragt, warum ich eigentlich nach Italien gegangen bin. Nicht, um nur zu putzen und Dinge hin und her zu räumen... Insgesamt aber hat es mir gefallen. Es war sicher nicht mein Traumjob, aber ich weiß, dass andere Freiwillige sich dort sehr wohl gefühlt haben. Es ist in jedem Fall ein Projekt, bei dem es in der Rl keine größeren Probleme gibt.

Leider hat mein Projektwechsel dann aber doch noch weitreichendere Folgen gehabt. Ich denke jedoch, dass mein Fall diesbezüglich wirklich eine Ausnahme war.
Ca. einen Monat nach Projektbeginn hat Francesca mich angerufen und mir mitgeteilt, dass die italienische Nationalagentur sehr verärgert ist, weil Francesca nicht den richtigen formalen Weg beim Wechsel eines Projektes eingehalten hat. Sie hätte mich nicht sofort nach Ferrara anstatt nach Rom schicken dürfen, sondern erst den Bescheid der Nationalagentur abwarten müssen, ob ein Projektwechsel bewilligt wird. Sie teilte mir mit, dass sie glaubt, man möchte mein Projekt schließen, sagte mir aber auch, dass es für mich keine Konsequenzen hätte. Sie hätte bereits mit Paolo, dem Verantwortlichen der Caritas gesprochen und ich kann als private Freiwillige bleiben, bekomme weiter Taschengeld (von der Caritas), bin dann eben nur für einen Monat europäische Freiwillige gewesen, habe aber ansonsten keine Nachteile. Mein Rückflug an Weihnachten würde dann also gleich als mein Heimflug gelten und danach würde ich privat nach Italien zurückkehren. Auch die Nationalagentur hat mich angerufen, weil sie den Fall aus meiner Sicht hören wollte. Sie waren wirklich verärgert und haben immer wieder betont, dass nicht Francesca entscheiden kann, ob ein Freiwilliger ein Projekt wechselt oder nicht. Wenn es Probleme in einem Projekt gäbe, würde die Agentur das überprüfen, aber Francesca sei nicht befugt zu entscheiden. Sie sagten mir, sie würden sich in den nächsten Tagen bei mir melden, um mir die Entscheidung mitzuteilen. Ca. 2 Tage später riefen sie mich auch wieder an und teilten mir mit, dass mein Projekt geschlossen worden sei und dass ich nie europäische Freiwillige war, da ich nie bei meinem Projekt in Rom war, so wie es wie es vertraglich vereinbart war. Sie waren sehr nett und beteuerten auch, dass es ihnen leid für mich tut, da ich ja wirklich nichts dafür kann, aber es sei leider so ....WIE? NIE europäische Freiwillige gewesen? Geht das so einfach??
Wäre das der Fall gewesen, so hätte ich ein echtes Problem gehabt. Nie europäische Freiwillige gewesen heißt, nie etwas Offizielles begonnen zu haben. In Deutschland gilt das wie nichts tun. Die Folgen wären nicht nur eine hässliche Lücke im Lebenslauf und keine Kindergeldberechtigung mehr, sondern ich wäre auch aus der privaten Krankenversicherung meiner Mutter herausgefallen. Das heißt, sich zu 100% selbst privat versichern zu müssen, da eine gesetzliche Versicherung in diesem Fall nicht möglich ist. Das wäre finanziell schlicht-weg nicht möglich gewesen! Ich hätte in diesem Fall sofort abbrechen und mich um irgend-eine Verdienstmöglichkeit in Deutschland kümmern müssen. Und dafür habe ich meine Ausbildung für 1 Jahr unterbrochen? Ein Gutes hat es aber auch. Man lernt wirklich, nicht gleich alles nur schwarz zu sehen, sondern erstmal Geduld zu haben.
Ich habe sofort mit René Kontakt aufgenommen, denn ich musste wissen, ob es sein kann, dass ich nie europäische Freiwillige war. Denn immerhin hatte ich den ganzen Rest des Vertrages ja eingehalten: Seminar in Apolda, Ankunftsseminar, ich bin in ein Projekt von IBO gegangen... René hatte so einen Fall auch noch nicht gekannt und wollte sich anderweitig Rat und Hilfe holen. Und für mich hieß es warten! Es war eine extrem schwierige und belastende Zeit für mich und ich habe mich auch von allen Seiten sehr im Stich gelassen gefühlt. Ich habe wochenlang auf Antworten gewartet und schlichtweg keine klare Aussage auf meine Fragen bekommen. Es hat sich über Monate hingezogen, bis ich mich entschlossen habe nicht länger zu warten und mich auf andere zu verlassen. Da ich von Italien aus nur unter Schwierigkeiten telefonieren konnte, hat meine Mutter dann mit der Deutschen Nationalagentur direkt Kontakt aufgenommen. Die zuständige Mitarbeiterin wusste eigentlich gar nicht so richtig worum es geht, hat sich dann aber unbürokratisch und zügig um den Fall gekümmert. Da die Italienische Nationalagentur sich bei der deutschen Seite nie gemeldet hatte und mich nie offiziell als europäische Freiwillige gestrichen hatte, bekam ich von deutscher Seite aus letztlich die Zusage, dass ich von ihrer Sicht aus den Vertrag erfüllt habe, also weiter europäische Freiwillige bin und eine Bestätigung über einen offiziellen Einsatz bekomme. Endlich war alles für mich in Butter, aber inzwischen war es JANUAR! Es ging zum Glück gut aus, hat aber mir und meiner Familie einiges an Nerven und Anspannung gekostet!

Alles in Allem war es aber trotz (oder genau wn) all der Schwierigkeiten eine sehr intensive und lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte. Ich denke man kann nur gewinnen und auch aus Steinen, die einem in den Weg gelegt werden etwas bauen.

Ich selbst habe dann meine "Ungebundenheit als private Freiwillige" genutzt und bin für den letzten Monat doch noch nach Rom gegangen - auf eine Faust! Es hat mich nichts mehr gehalten, das Programm bis zum Ende durchzuziehen, in einem Projekt, in dem ich nicht sehr glücklich war. Aber nicht nur das war das positive Resumé, das ich aus all den Schwierigkeiten ziehen konnte.

Ich wünsche jedem, der den Schritt ins Ausland wagt, eine erfüllende Zeit, die mit Sicherheit voller neuer Erfahrungen stecken wird.

Martina