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Zwischenbericht Luise

Seit fast drei Monaten bin ich nun hier im Whitchurch Hospital in Cardiff. Ich muss ehrlich sagen, dass die Zeit wie im Fluge vergangen ist... Es scheint mir erst ein paar Wochen her zu sein, als ich im Flugzeug sass und feststellte, dass Wales von oben wie eine gruene Wiese mit weissen Punkten (Schafen) aussieht. Doch dann denke ich daran, dass ich doch schon ganz schoen viel gesehen und erlebt habe in den "paar Wochen". Schonmal vorab: Es gefaellt mir hier und es laesst sich wirklich gut leben!

Ich wohne mit 10 anderen Freiwilligen (ausser mir noch eine Deutsche, eine Oesterreicherin, zwei Italiener, ein Spanier, eine Griechin, eine Ungarin, ein Daene, eine Schwedin und eine Estonin) in einer Art WG, die sich "West Homes" nennt und sich (was schon zu vielen erstaunten bis geschockten Gesichtern gefuehrt hat...) in der Psychiatrie befindet, in der die Meisten von uns arbeiten. Um aber die Vorurteile aus dem Weg zu raeumen: Wir wohnen NICHT Tuer an Tuer mit den Patienten, sie haben auch keinen Zugang zur Wohnung und nein, wir sind nicht verrueckt, nur weil wir in einem "Hospital for mentally ill people" wohnen. Das Zusammenleben hier macht echt Spass, auch wenn man meist nie so frueh ins Bett kommt, wie man es sich vorgenommen hat, weil einfach immer was los ist. Ich finde es sehr praktisch, dass man immer Leute um sich haben und Party machen kann, wenn man Lust hat, und wenn nicht, macht man eben die Zimmertuer zu. Oder man verkriecht sich ins Fernsehzimmer (wo man aber oft auch auf 2 bis 5 Mitbewohner stoesst, was den Abend dann noch lustiger macht). Wir haben bisher auch schon mehrere Ausfluege gemacht, nie alle zusammen, aber halt immer in unterschiedlichen Gruppen, sodass man die Leute immer noch besser kennenlernen kann.
Zwei Mal haben wir uns schon zu fuenft ein Auto gemietet und die Freiwilligen in Aberystwyth und Fishguard besucht und dabei noch viel von Wales gesehen - beides sehr schoene Erlebnisse! Ausserdem war ich schon ein paar Tage in Dublin und London. Wir haben ja 12 Tage in den 6 Monaten, die wir uns frei nehmen koennen, da reisen wir natuerlich gerne auf der Insel rum (oder wahlweise fuer ein paar Tage nach hause... zum Beispiel ich ueber Weihnachten). Wenn wir gerade keinen Wochenendausflug machen oder Besuch bekommen, gehen wir am Wochenende gern abends weg, Cardiff ist ja die Landeshauptstadt und dementsprechend gross, um haufenweise Clubs und Pubs zu bieten. Leider gibt es hier keinerlei "Subkultur" oder alternative Szene und die Maedels huepfen noch bei 5 Grad mit Minirock und Top ueber die Strasse. Daher fahr ich gerne mal 15 Minuten mit dem Zug nach Newport, wo in "le pub" viele schoene Konzerte geboten werden.

Was die Arbeit betrifft, bin ich auch ueberaus zufrieden. Ich arbeite zusammen mit der Freiwilligen aus Griechenland in der Neuro-Psychiatrie, einer Station fuer Tagespatienten, die frueh kommen und nachmittags wieder gehen. Wir arbeiten von 9.30 bis 16.00 Uhr und unsere Aufgabe besteht darin, fuer die Patienten da zu sein, uns mit ihnen zu unterhalten, Spiele zu machen (Kreuzwortraetsel, Galgenraten und Bingo sind momentan sehr gefragt) und dem Personal zur Hand zu gehen. Momentan helfe ich zum Beispiel dienstags der Gestaltunsgtherapeutin dabei, mit zwei Patientinnen Weihnachtskarten zu basteln, montags kochen wir was mit 2 Patienten und donnerstags gestalten wir Weihnachtsdekoration fuer die Station. Mittwochs und Freitags ist die Station fuer Patienten geschlossen - da besuche ich mit einer Krankenschwester zusammen einen der Patienten zu Hause und dann gehen wir meistens Kaffee trinken oder machen andere Dinge, die er sich alleine nicht traut (Konto eroeffnen, Bus fahren, ...).
Freitagnachmittags arbeite ich im Patientencafé - eine einfache, aber sehr unterhaltsame Arbeit. Die Patienten in der Neuro sind uebrigens sehr sympathisch und zugaenglich. Natuerlich sind sie nicht "gesund", sie haben verschiedene Gehirnverletzungen und dadurch koerperliche und geistige Beeintraechtigungen, aber man kann sich mit allen unterhalten und beschaeftigen.
Im Gegensatz zu der Griechin bin ich nicht die ganze Woche in der Neuro: Dienstag- und Donnerstagvormittags bin ich bei einem "Creative Workshop", quasi Gestaltungstherapie in einem anderen Gebaeude des Krankenhauses. Der Workshop geht von 10.15 bis 12.00 Uhr und es kommen Patienten von verschiedenen Stationen, die unter Aufsicht der Gestaltungstherapeutin basteln, malen, zeichnen, toepfern oder Mosaike legen. Mir macht der Workshop grossen Spass, weil die Atmosphaere sehr entspannt und locker ist und ich selber auch kreativ werden kann. Waehrend wir "kuenstlerisch aktiv" sind, trinken wir Tee (mindestens 2 Tassen schwarzer Tee mit Milch pro Tag ist hier ein Muss!), reden und hoeren Musik. Ich denke, dass dieser Workshop den Patienten auch viel bringt, da es ganz ungezwungen ist und sie auch frueher gehen duerfen, wenn sie wollen.
Also, die Arbeit hier gefaellt mir sehr gut - ich muss aber dazu sagen, dass sie einen nicht unbedingt ueberanstrengt und wir viel Freizeit haben. Daher war ich sehr erpicht darauf, mir einen Kurs oder ein Hobby zu suchen, dem ich hier nachgehen kann. Nach den ersten drei Monaten habe ich bisher einen 5-Wochen-Jogakurs gemacht, versuche jede Woche ein Mal schwimmen zu gehen und habe einen Chor gefunden bei dem ich ab Januar richtig einsteige. Vor allem der Chor macht mir grossen Spass, weil es eine Abwechslung zu den Leuten ist, die mich hier umgeben und ich muss sagen die Waliser sind einfach so freundliche, aufgeschlossene Menschen, mit denen man sehr schnell ins Gespraech kommt, vor allem natuerlich, wenn man ein Hobby teilt. Ansonsten ist es aber gar nicht so einfach, hier Freunde zu finden, das Krankenhaus liegt naemlich etwas ausserhalb von der Innenstadt (20 Minuten mit dem Bus) und wenn ich in die Stadt gehe, dann meistens mit einem oder mehreren von den "West Home-people"... und die Arbeit bietet auch nicht die optimalen Moeglichkeiten Freundschaften zu knuepfen. Aber da hier in West Homes ja immer was los ist, ist man nie einsam und hat auch immer wen zum Reden in der Naehe. Daher habe ich auch gar kein Heimweh und bereue es ueberhaupt nicht, hierher gekommen zu sein.

Mein Leben hier ist schon deutlich anders als zu hause, aber ich fuehle mich wohl und fuer ein halbes Jahr ist es auf jeden Fall mal interessant, etwas ganz Anderes und Neues zu erleben.

Luise

 

Schlussbericht Luise

Ich bin nun seit über einem Monat wieder in Deutschland und habe mich gut wieder eingewöhnt, doch werde ich Wales und die sowohl schönen als auch wichtigen Erfahrungen, die ich dort gemacht habe, nie vergessen.
Rückblickend kann ich sagen, dass dieser Europäische Freiwilligendienst wirklich ein bereicherndes Erlebnis war und wenn ich noch mal vor der Entscheidung stehen würde, einen EFD zu machen, würde ich mich sofort wieder dafür entscheiden. Anfangs sah ich den EFD ja vor allem für eine gute Möglichkeit die Wartezeit für das Studium zu überbrücken, aber zunehmend wurde mir klar (zumal ich nach drei Tagen Aufenthalt in meinem Projekt die Nachricht von zu hause bekam, dass ich eine Zusage für eine Uni in Deutschland erhalten hatte, die ich dann aber ablehnte), dass es mir einfach wichtig war, vorm Studieren noch "etwas von der Welt" gesehen zu haben. Ich bin eigentlich ganz froh, dass ich schon zu Anfang direkt vor die Wahl gestellt wurde, ob Studium oder erstmal EFD, weil mir dadurch klar wurde, wie wichtig mir diese Auslandserfahrung war.

Mein Projekt bestand in der Betreuung von Patienten einer Tagesstation der Neuropsychiatrie im Whitchurch Hospital Cardiff. Da ich den Wunsch habe, Psychologie zu studieren, konnte ich in diesem Projekt viel lernen und mir klar darüber werden, ob mein Studienwunsch tatsächlich das Richtige für mich ist. Ich kann nun mit gutem Gewissen sagen, dass ich mich durch das Projekt in meinen Plänen noch mehr ermutigt fühle, denn auch wenn es natürlich auch schwierige und herausfordernde Situationen während der Arbeit gab, habe ich mich im Großen und Ganzen sehr wohl gefühlt und meine Arbeit hat mir Spaß gemacht. Die Tatsache, jegliche Kommunikation in Englisch zu betreiben, was bei manchen sprachbehinderten Patienten recht knifflig werden konnte, fand ich sehr spannend und ermunternd. Ich denke auch die Patienten haben in gewisser Weise davon profitiert, weil sie es beruhigend fanden, dass wir (die Freiwilligen) auch nicht "perfekt" waren.

Auch außerhalb des Projektes habe ich meinen Aufenthalt sehr genossen, da ich viele neue Leute aus verschiedenen Ländern und Kulturen kennen lernen konnte (damit meine ich die zehn anderen Freiwilligen mit denen ich zusammen gewohnt habe). Durch den verschobenen Wechsel der Freiwilligen hat jeder von uns zwei "Gruppen" von jungen Leuten kennen gelernt, also insgesamt 16 verschiedene Jugendliche. Auch außerhalb unserer Gemeinschaft habe ich in Cardiff gut Anschluss gefunden - ich bin in einen Chor eingetreten, wo ich auf viele nette, offene Menschen getroffen bin, die mir das walisische Lebensgefühl näher bringen konnten. Ich habe neben meiner Arbeit im Krankenhaus auch noch ehrenamtlich in einem "Wohltätigkeitsladen", der für die Krebsforschung Geld sammelte, gearbeitet und somit wiederum noch andere Einblicke in Leben und Beruf bekommen. An den Wochenenden haben wir mit den anderen Freiwilligen das Nachtleben in Cardiff erkundet und manchmal auch mit einem Mietwagen oder per Zug Ausflüge gemacht. So habe ich in den sechs Monaten auch viel von Wales und Großbritannien im Ganzen sehen können.

Ich kann den Europäischen Freiwilligendienst auf alle Fälle jedem empfehlen, der nach der Schule gerne eine Auslandserfahrung machen möchte und neugierig auf andere Kulturen und Lebensstile, prägende Erfahrungen und spannende Erlebnisse ist. Mich persönlich hat dieses halbe Jahr sehr bereichert und noch mehr Lust aufs Reisen gemacht, sodass ich mir auch durchaus vorstellen könnte, noch mal ins Ausland zu gehen.

Luise