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Zwischenbericht Andre

Mein europäischer Freiwilligendienst fing am 18.03.07 an; die nächsten sechs Monate sollte ich in Italien in einem Heim für straffällig gewordene männliche Jugendliche arbeiten, denen - sie kamen meist direkt aus dem Gefängnis, um ihre übrige Haftzeit hier zu verbringen - laut Projektbeschreibung eine Alternative mit besseren Resozialisierungschancen geboten werden sollte. Keine einfache Arbeit, dessen war ich mir schon vor meiner Abreise bewusst.

Die ersten zwei Wochen in Italien verbrachte ich mit 20 anderen europäischen Freiwilligen derselben Aufnahmeorganisation in einer Art Herberge, wo wir alle sowohl sprachlich als auch individuell hinsichtlich den jeweiligen Anforderungen unseres Projekts vorbereitet werden sollten. In dieser Zeit des Italienisch-Unterrichts von sechs Stunden pro Tag à zwei Wochen bei einem Anfangswissen nahe Null wurde dennoch so viel Grammatik und Wortschatz auch im Speziellen vermittelt, dass später im Projekt lediglich der Wortschatz noch zu erweitern war, den Rest hatte man schon in diesen zwei Wochen mitnehmen können. Weiterhin konnte in dieser Zeit die Gelegenheit genutzt werden, sich mit den anderen Freiwilligen über die Motivation, Befürchtungen und Erwartungen auszutauschen, was der ganzen ungewissen Aufregung nochmal die Luft aus den Segeln nahm.

Zwei Wochen später dann sass ich im Zug zu meinem Projekt. Vorbereitet - so schien mir - war dort keiner auf Freiwillige. Aber die Erzieher bemühten sich umgehend um mich und nach der zweiten Woche schon hatte ich einen Plan mit festen Arbeitszeiten, eine persönliche Ansprechpartnerin für Fragen, Schwierigkeiten und Änderungswünsche aller Art und durch viele aufklärende Gespräche mit dem Hauptverantwortlichen der Community ein wesentlich klareres Bild vom Heim und meiner Arbeit darin sowie ferner ein eigenes Fahrrad und eine teils neue Zimmerausstattung, die das Wohnen darin angenehmer machte.
So wie ich nun langsam anfing, mich in die Community einzuleben, so fingen auch die ersten Probleme mit den Jugendlichen an, die mich bis dahin einfach nur eiskalt und stur ignoriert hatten. Indem wir aber vermehrt zusammen arbeiteten, hatte ich diese Grenze der Distanz und der Stille zu ihnen überschritten und sie reagierten darauf zunächst sprachlich, brachten mir falsche Wörter bei (meist vulgäre anstelle der am öftesten gebrauchten Arbeitsbegriffe) und fanden sichtlich Spass daran, mir (zu diesem Zeitpunkt) unverständliche Fragen zu stellen, in denen es meist um ziemlich primitive sexuelle Aufforderungen ging - kurzum: Sie verhielten sich in meinen Augen wie Kinder. Vielleicht haben sie diese meine innere Einstellungen zu ihnen gemerkt, vielleicht störte es sie auch einfach, dass ich mich davon nicht provozieren liess, jedenfalls wurden die Beschimpfungen mit der Zeit zur Regel und lauter und ausfälliger. Die Betreuer unternahmen in solchen Momenten relativ wenig, ich war der erste männliche Freiwllige dort, und solch ein Verhalten seitens der Jugenlichen waren die Betreuer einfach nicht gewohnt. Sie wiessen die Jugendlichen auf ihre Unfreundlichkeit hin und liessen, als sie dann ihrerseits mit lautem Protest gegen mein Dasein übertönt wurden, mich weiterhin schweigend mit ihnen zusammen arbeiten, ohne etwa später in einer beruhigten Situation erneut das Gespräch zu suchen.
Das Verhältnis zwischen mir und den Jugendlichen wurde also spannungsgeladen und heizte sich noch weiter auf. Der Umstand, dass mein Zimmer nur eine Wand von zwei weiteren Zimmern entfernt war, in denen ein paar der Jugendliche wohnten, und keine zehn Meter entfernt von den übrigen Räumen der restlichen Jungs, trug auch nicht mildernd zur Gesamtsituation bei: Ich lag mit meinem Zimmer direkt im Zentrum der Community, war so pausenlos immer präsent. Nächte häuften sich, während der ein Jugendlicher so lange und heftig an meine Zimmertür klopfte, bis zu hören war, dass ich aufgewacht war, oder auch einfach Stühle, Tische oder Wäscheständer vor meine Tür stellten, einmal auch stapelten. Zu dieser Zeit griffen dann auch die Betreuer verstärkt ein, suchten einzelne Gespräche mit den bestimmten Jungendlichen, baten sogar - wie ich selbst erst viel später erfuhr - die Psychologen der entsprechenden Jungs um Mithilfe. Doch dafür war es nun ein bisschen zu spät, jede weitere Diskussion über das Fehlverhalten zog nur noch mehr Hass auf mich. Die Jugendlichen waren den Erziehern einfach aus den Händen geglitten.
Bald darauf dann kam die allgemeine Situation im Heim völlig ins Entgleisen, als ich eines Nachmittags auf Grund der damaligen Unterzahl an Erziehern mit einem Jungen zusammen zu arbeiten angehiessen war, der - trotz eines generellen Musikverbotes während der Arbeit - nicht gewillt war, auf meine mehrfachen Bitten hin die Musik des Radios wenn nicht ganz ab-, so zumindest leiser zu stellen. Ich ermächtigte mich daher kurzer Hand, die Musik selbst leiser zu drehen. Das brachte den Jugendlichen völlig in Rage, was mir wiederum jede Menge Ärger einbrachte, denn unverzüglich erntete ich verständnisloses Geschrei unverständlicher Worte mit einem abschliessenden gut ausgeholten und nicht gerade zimperlichen Schlag auf die Wange. Das war der erste körperliche Angriff. Noch am selben Tag wurde ich zum Zwecke der Beruhigung von der Community isoliert und verbrachte die nächsten fünf Tage soz. in Quarantäne bei einem der Betreuer zu Hause.
Als ich danach wieder ins Heim kam, zeigte sich, dass das Problem sich dadurch nicht hatte lösen lassen. Es ereigneten sich von neuem Schläge und Tritte gegen meine Zimmertüre während der Nacht (mein Zimmer schloss ich ab diesem Zeitpunkt immer ab, selbst wenn ich mich darin aufhielt) sowie der Versuch, mit einer gestohlenen Schlüsselkopie in meinen Raum einzudringen, selbst Drohungen von Körperverletzung, sofern ich die Community nicht verliesse, kamen ebenso vor wie Sachbschädigungen im Heim. Eine Lösung dieser äusserst gravierenden Probleme schien unmöglich, dazu war der allgemeine Zustand nun zu sehr aufgeheizt und verstrickt. Die Erzieher beharrten trotz aller Probleme darauf, dass sich die Jugendlichen in einem Heim befanden und sich also auch dementsprechend zu verhalten hatten, die Jugendlichen beharrten trotzdem darauf, dass dieses Heim auch nicht anders als die Strasse war. Es war recht aussichtslos fand ich.
Knappe zwei Wochen dann, nachdem ich in die Community zurückgekehrt war, ereignete sich der zweite körperliche Übergriff. Jetzt entschieden sich die Betreuer zu einem Rundumausschlag: Die drei schwierigsten Jugendlichen sollten sofort die Community verlassen. Einer wechselte nach zwei Wochen das Heim, bei den anderen beiden stoppten die zuständigen Sozialarbeiter das Verfahren, da die Gründe für einen Wechsel nicht stark genug gewesen seien. Doch wie auch immer; der Hinauswurf des einen Jungen hatte gewirkt und die Jugedlichen wurden für die nächste Zeit stiller.
Diese Phase des Schweigens hielt recht lange an und war für mich keinesfalls befriedigend. Ich war da im Heim, ich arbeitete fortan mit den Jugendlichen zusammen, konnte jedoch kein tieferes, festeres Verhältnis zu ihnen aufbauen und arbeitete letztlich ebenfalls still aber gewissenhaft vor mich hin. In der Tat kamen auch während dieser Zeit Ausbrüche gegen mich vor, allerdings hatte ich in der Zwischenzeit nun mehr Erfahrungen gesammelt und wusste besser, d.h. konfliktmildernder darauf zu reagieren, auch um einen dritten Angriff schon von vornherein abzuwehren. Im Allgemeinen jedoch hatte sich zwischen den Jugendlichen und mir eine Art von eisernem Schweigen ausgebreitet. Durch diese Leblosigkeit während meiner Arbeit verlor ich alsdann langsam meine Motivation für das Projekt. Ich arbeitete, sah aber nicht wofür, arbeitete, weil ich mich eben für diese Art von Projektarbeit entschieden hatte, sah aber keinen Sinn in meinem Aufenthalt in diesem Heim und war nicht mehr mit Herz bei der Sache.

Die entscheidende Wende kam erst mehrere Wochen später, als ich mich einige Tage über bei der Verantwortlichen meiner koordinierenden Aufnahmeorganisation aufhielt - um über ein Projekt nachzudenken, in das ich wechseln könnte, sagte sie; um nach einem Projekt zu suchen, in das ich wechseln werde, sagte ich. Ich war mir komplett sicher, mein altes Projekt in den Wind zu schiessen und in einem neuen weiter zu arbeiten. Dennoch hielt die Leiterin meiner koordinierenden Aufnahmeorganisation von schnellen, sie sagte: vorschnellen, Entscheidungen ab und ich arbeitete nun eine Woche zunächst nur auf Probe in einem Alternativ-Projekt.
Als ich nach dieser Woche wieder vor der Tür meiner ursprünglichen Community stand, hatte ich eine andere Entscheidung gefasst. Die Arbeit im Alternativ-Projekt war zwar recht schön und nett, jedoch, erkannte ich, war es nicht meine Usprungsabsicht weshalb ich mich überhaupt für den EVS entschieden hatte. Meine eigentliche Motivation lag noch in diesem Projekt. Ich hatte mich entschieden, dieses Projekt, in dem ich begonnen hatte, auch zu einem Ende zu führen. Erstaunlicher- und erfreulicherweise hatten die knappen zwei Wochen, während der ich in der Community nicht anwesend war, auch in der Einstellung der Jugendlichen zu mir gefruchtet, von denen mich einige mit ihrer Freundlichkeit überraschten und sich - ich kann mir nicht erklären weshalb - über meine Rückkehr freuten. Das untermauerte zusätzlich meine Entscheidung, nach mehr der Hälfte nicht mehr zu wechseln.

Andre

 

Schlussbericht Andre

Wie im Zwischenbericht beschrieben, war die erste Hälfte meiner Freiwilligenzeit im Jugendheim nahe Mailands für strafffällig gewordene, vorwiegend ausländische Jugendliche alles andere als einfach. Die zweite Hälfte empfand ich etwas, womöglich weil ich unweigerlich Erfahrung für Erfahrung sammelte und so begann, alltägliche Situationen in der Community besser zu überblicken und besser abschätzen zu können. Doch diese innere Perspektivenänderung trat erst später ein. Zunächst nämlich war ich, nachdem ich einige Wochen in einem möglichen Alternativprojekt verbracht hatte, wieder in dieses ursprüngliche Projekt zurückgekehrt mit dem vielleicht verwunderlichen Willen, das Projekt trotz aller auftretenden Probleme nicht zu wechseln. Eine Entscheidung, die ich zu dieser Zeit mehr aus dem Bauch heraus fällte und sie selbst nicht ganz verstand, bzw. die wesentlichen Beweggründe dafür nicht erklären konnte. Heute, gute zwei Monate nach Beendigung und Rückkehr von meinem Aufnahmeprojekt, sehe ich diese Entscheidung bedeutend klarer und als völlig richtig an: Ich wollte erstens nicht die Handvoll vager Kontakte, die ich bis dato in Mailand geknüpft hatte, aufgeben, und zweitens hauptsächlich sah ich meine Projektarbeit als eine Form von Herausforderung, durch die ich glaubte menschlich und sozial mehr lernen zu können, als in einem Projekt, in dem ich in einer relativ kurzen "Rest-zeit", die mir bis zum Ende des EFD noch blieb, als völliger Neuankömmling nur Gartenarbeiten und Tierfütterungen verrichtete. Das war im Wesentlichen ausschlaggebend dafür, dass ich mich auf ein neues Projekt nicht einlassen konnte. Der Aufenthalt im Alternativprojekt fern von meinem eigentlichen nützte mir vielmehr auf andere Art: Er eröffnete mir die Sichtweise, zu meinem eigentlichen Projekt mehr Abstand einzunehmen, den ich bis dahin nicht gewahrt hatte. Diese Erfahrung war wichtig.
Distanz zum stressvollen und spannungsgeladenen Alltag im Jugendheim einzunehmen klingt wahrscheinlich sehr einfach daher gesagt. In der Tat war es das für mich nicht, schließlich brauchte ich auch drei Monate samt zeitweiliger Isolation vom Projekt dazu. Als es mir nun fortan gelang, in bestimmten Situationen innerlich Abstand zu nehmen, wurde für mich einiges einfacher. Ich bemerkte so beispielsweise schneller, wann die Jugendlichen mich mit ihrer Provokation testen wollten und wo sie nur aus schlechter Laune provozierten. Wo ich mich früher bei Kleinigkeiten und Dingen, die selbstverständlich erscheinen sollten, naiv auf eine Diskussion über "Richtig" und "Falsch" einließ und somit auf ihre "Spielregeln" und mich ihnen damit unterordnete, reagierte ich nun möglichst nüchtern und trocken. Ich ging daher unter anderem nicht mehr auf Diskussionen ein, die ich ein paar Tage zuvor schon einmal mit ihnen geführt hatte. Bei manchen Jugendlichen half das, bei anderen änderte es nichts an der allgemeinen schlechten Situation.
Zudem begann ich, sie als ebenbürtig anzusehen, nicht als schlecht erzogene Proleten, mit allzu niedriger Aggressionsschwelle, sondern als das, was sie waren: Erwachsene, oder zumindest welche, die es fast waren, in jedem Fall aber ganz sein wollten. Ein konkretes Beispiel: Fuhr ich mit getanen Einkäufen im Auto in den Hof hinein, so kam es mehrmals vor, dass mir die Jungen den Weg versperrten. Ich stellte nun nicht mehr den Motor ab und begann zu diskutieren, sondern riskierte, sie trotz Rufen und Geschreie anzufahren, denn ich sah nicht ein, weshalb ich ihnen erklären musste, dass nur Kinder vors Auto laufen. Einmal geschah es wirklich, dass ich einen Jugendlichen leicht mit der Stoßstange anfuhr, sodass er weichen musste. Dem vehementen Vorwurf, ich würde ihn nicht respektieren und in seiner Person ernst nehmen, entgegnete ich anschließend damit, dass ich es erst recht tat, indem ich ihn eben nicht wie eine Person weit unter seinem Alter zur Seite bat, sondern ihm die Fähigkeit zugetraut hatte, wie ein Erwachsener zu handeln und sich zu verhalten. Das schien Eindruck auf ihn gemacht zu haben, denn noch am selben Abend kam er auf mich zu und entschuldigte sich für sein absichtliches Versperren des Weges.
Weiterhin und vielleicht dadurch begann ich, manche Streitereien und deren Auslöser oder Ursache mit Humor zu sehen. Ich stieß nicht mehr leichtsinnig und naiv eine unnötige Diskussion an. Aus der Distanz betrachtet erschienen viele Streite nämlich geradezu absurd und somit lächerlich. Nicht selten verfolgte ich es innerlich dann mit einem gewissen Spaß, weshalb und worüber in heftigem, wutentbrannten Ton gestritten wurde und wie geschickt die Jungs darin waren, aus einer Fliege einen Elefanten zu machen: Grüßte ich sie am einen Morgen, reagierten sie wütend, ich solle sie gefälligst noch mal in Ruhe lassen und grüßte ich sie also am andern Morgen nicht, so waren sie ernsthaft aufgebracht, weshalb ich sie nicht gegrüßt hatte, sie also nicht respektiert gehabt hätte - solche Dinge folgten einem Gesetz, das ich nie durchschauen konnte und es gelang mir zunehmend öfter über den dann folgenden Beleidigungen und Provokationen zu stehen und es mit Humor aufzufassen und so zu sehen wie es war: verrückt und zum Lachen. Manchmal gelang mir das und es war dann amüsant mit anzusehen, manchmal aber noch nervte es mich einfach nur, wie aus einer Kleinigkeit oder Selbstverständlichkeit ein hitziger, maßloser Streit entstand.
In anderen Situationen gab ich den Versuch auf, den Jungen gegenüber eine Autoritätsperson sein zu wollen. War ich beispielsweise alleine mit einem Jungen bei Familienbesuchen, Arztbesuchen oder Friseurbesuchen, etc. unterwegs, so kam es fast jedes Mal vor, dass er anschließend dies oder jenes noch erledigen wollte, plötzlich noch einen alten Freund treffen wollte, oder einfach nur länger bleiben wollte - was natürlich alles vorher nicht mit den Erziehern abgesprochen worden war, somit verboten war - und sich partout weigerte, ins Auto einzusteigen, um heimgefahren zu werden. In solchen Situationen begann ich nicht mehr damit: "Wir müssenů" oder "Wenn nicht, dannů", was früher nur zu einem großen Streit geführt hatte, mich der eigentlichen Aufgabe (ihn pünktlich und ohne Umschweife nachhause zu bringen) aber kein Stückchen näher brachte. Ich erinnerte ihn nun mehrmals seiner Pflicht und rief dann im Heim an und sagte Bescheid, dass er noch andere Pläne im Kopf hatte und ich ihn nicht dazu bringen konnte, mit mir heimzufahren. Danach begleitete ich ihn noch zu den nicht vorhergesehenen Treffen und Orten - sobald der Junge nämlich begriffen hatte, dass nicht vorwiegend ich mich für ihn verantwortlich fühlte, wurde er meist gar freundschaftlich oder mindestens freundlich oder zumindest nicht mehr unfreundlich. Die Erzieher sahen das Problem ebenfalls ein, vor dem ich in solchen Situationen stand, und tolerierten eine solche Entscheidung meinerseits, stellten sobald wir dann zu Hause waren, den Jungen zu Wort und planten mich zukünftig weniger in solche Aktivitäten ein. Als ich den Leiter des Heimes einmal um Rat fragte, was ich in so einer Situation am besten tun solle, erstaunte er mich sehr, indem er gelassen antwortete: "Diese Jugendlichen sind teilweise schon volljährig und daher selbst für sich verantwortlich, wenn sie nicht mehr mitkommen wollen, dann kannst du auch nichts tun. Fahr das nächste Mal doch einfach ohne sie Heim wenn du willst. Wir oder die Polizei finden sie schon wieder - wenn sie sich nicht von selbst wieder melden."
Hier begriff ich langsam, dass das in der Tat wohl nicht so sehr falsch war: Es waren Jugendliche, die im Grunde genommen kaum eine Jugend erlebt hatten, wie ich es hatte, da die meisten von ihnen mind. ein, meist mehr Jahre ihrer Jugend im Gefängnis verbracht hatten, teils auf der Straße aufgewachsen waren und meist nur ein Elternteil (sehr oft die Mutter) kannten, die (oder der) in sehr vielen Fällen ebenfalls viele Jahre im Gefängnis verbracht hatte und/oder drogenabhängig war und/oder obdachlos. An wen hätten sie sich also wenden können, wenn sie abgehauen wären? Von den wenigen Familienbesuchen, die ich schon miterlebt hatte, wusste ich, dass die Mutter nur unzureichend wenig Zuneigung und Interesse am Schicksal ihres Kindes zeigte. Das Jugendheim war also der einzige Ort mehr oder weniger behüteter Verhältnisse, den die Jugendlichen kannten. In den folgenden Monaten merkte ich öfter, wie ich in gewissen Situationen statt Ärger über sie Mitleid empfand.

Dennoch: Probleme gab es noch genügend und auch vereinzelte gelegentliche Situationen, in denen ich wirkliche Angst um mein körperliches Wohl hatte, traten weiterhin auf, insbesondere sehr sehr unwohl wurde mir zumute, als an einem Tag ein Junge mehrere Werkzeuge im Arbeitsraum nach einem neuen Betreuer warf und am selben Abend ein großes Messer und ein kleineres Klappmesser im Raum zweier anderer Jugendlicher gefunden wurden. Ich fühlte mich nicht mehr sicher im Jugendheim, obwohl die Waffen und Arbeitswerkzeuge danach ja alle weggeschlossen wurden, die Jugendlichen also nichts Gefährliches mehr in der Hand hatten und so theoretisch Sicherheit und Kontrolle zurückgekehrt waren. Dennoch wurde ich sehr still und ging den Jugendlichen in den folgenden Tagen aus dem Weg. Vermutlich zu sehr, denn sie merkten das und fanden Gefallen daran, dass ich mich ihnen augenfällig unterordnete und - ungewollt - Furcht vor ihnen zeigte. Als sich die allgemeine Lage einige Tage später wieder stabilisiert hatte und ich einen Jungen erstmals wieder zu etwas aufforderte, erforderte es sehr sehr viel Zeit und die Hilfe eines Erziehers bis die ursprüngliche Rollenverteilung und mein eigentlicher Status wieder halbwegs akzeptiert wurde. Auch wenn solch krasse und gefährliche Ereignisse wie eben beschrieben während meiner Zeit glücklicherweise nie mehr auftreten sollten, so zeigte mir diese Diskussion um eine einfache Aufforderung doch, dass ich meine Furcht zu sehr gezeigt hatte und ich bemühte mich zukünftig, sie besser zu verdecken in den Momenten, in denen sich ein Streit so weit aufschaukelte, dass ich mich gefährlich nahe an der Grenze befand, hinter der die Jugendlichen handgreiflich wurden. Ob das in gewünschter Weise wirkte, weiß ich nicht. Die Handgreiflichkeiten mir gegenüber nahmen jedenfalls ab, aber Grund dafür kann genau so gut sein, dass sich die Jungen zunehmend an mich als einen fremden, komischen, aber weitgehend neutralen Freiwilligen gewöhnten.
Wichtig für mich war noch folgendes: Ein zweites Jugendheim befand sich ca. 15 Minuten mit dem Auto entfernt. Dieses Jugendheim war fast genau gleicher Art, wie das, in dem ich arbeitete, die Unterschiede waren bloß, dass dort Mädchen anstelle von Jungs betreut wurden und es nicht Teil im europäischen Jugendprogramm war, also nicht die Möglichkeit eines EFD anbot. Da der Leiter meines Heims eng mit diesem zweiten Jugendheim zusammenarbeitete, konnte ich nach Absprache die letzten zweieinhalb Monate regelmäßig einen Nachmittag in der Woche in dieses Heim gehen, um mit den strafffällig gewordenen weiblichen Jugendlichen zu arbeiten, was angenehm war, denn im Gegensatz zu den Jungen wollten sie sich nicht andauernd mit mir messen und auch die Aggressionsschwelle schien mir dort nicht so niedrig wie bei den Jungs zu liegen. Ich konnte also relativ gut mit ihnen zusammen arbeiten, meist begleitete ich sie einzeln zum Arzt oder zum Psychologen oder auf Treffen mit der Familie. Zwar spürte ich auch hier, dass sehr viel Frust vorhanden war, aber sie entluden diesen nicht auf andere Personen in Form von Zorn und Provokation, sondern suchten oft das Gespräch. Dort zu arbeiten fand ich angenehm und interessant, da ich vieles mit den Jungen bei mir vergleichen konnte und mir viele Unterschiede auffielen und ich weitere Erfahrungen sammelte. Ca. einen Monat vor Ende meines Freiwilligendienstes verreiste ich mit meiner Community schließlich noch in die Alpen, es waren offiziell Ferien in Italien. Der Urlaub, den ich dort verbrachte, war teilweise sehr schön, teilweise sehr interessant, weil ich manche der Jugendlichen von einer ganz anderen, plötzlich sozialeren, geselligeren Seite her erlebte, teilweise gab es allerdings auch dort schwerwiegende Probleme zwischen ihnen, den Erziehern und mir, da sie scheinbar der Ansicht waren, auch im Jugendheim zäh antrainierte gute Verhaltensweisen "machten Urlaub". So beispielsweise verbrachte ich mit Beistand eines Erziehers einmal einen ganzen, kompletten Abend nur damit, drei Jungen auseinanderzusetzen, weshalb ich ihnen während ihres Urlaubs nicht ihr Geschirr spülte und ihre Wäsche wusch - ein Streitgespräch, das ich nicht nur des großen Zeitverlusts wegen nervig fand, sondern geradezu lächerlich. Aber die Jungs fanden es nicht zum Lachen, sie wollten diese ungerechte Arbeitsverteilung nicht akzeptieren und wurden es nie müde, die ihnen zugefügten "Unrechte" groß und breit anzuklagen: Am nächsten Abend schon stand bereits die Diskussion auf dem Programm, weshalb wir nur in Zelten und nicht in Herbergen übernachteten, woran ich allerdings nicht mehr teilnahm und stattdessen einen Abendspaziergang durch die wirklich schöne Berglandschaft unternahm.
Im Allgemeinen übrigens bestand darin ein Problem, das ich nie ganz zu lösen schaffte: Die wohl selbstverständlichsten, einleuchtenden Dinge wurden von den Jugendlichen nicht als selbstverständlich angenommen. Selbst die, wie ich finde, besten Argumente meinerseits konnten sie nicht vom Gegenteil überzeugen. Weshalb selbst Wäsche waschen? Weshalb selbst kochen? Weshalb selbst abwaschen? Ja, es waren ihre Sachen, na und? Ich war ja Freiwilliger. Ja, ich tat Anderes, aber sie irgendwohin zu begleiten, die Gemeinschaftsräume zu fegen oder Ähnliches war keine Arbeit, fanden sie, es war ja nicht körperlich anstrengend und ohne Arbeit kein Essen - Fazit: Ich war in ihren Augen nicht berechtigt, mitzuessen. So beispielsweise verliefen viele Diskussionen und es geschah einige Male, dass die Jungen beim gemeinsamen Essen nicht für mich den Tisch mit deckten (was ich noch verschmerzen konnte), nicht für mich mit kochten (was ich am lustigsten fand, denn da ich trotzdem immer mitaß, war es eine Kollektivstrafe) oder beabsichtigt ausschließlich Fleischgerichte kochten (was mich am schmerzlichsten traf, denn ich war langjähriger Vegetarier). Wie auch immer: Entweder ich alleine oder mit Hilfe der Erzieher setzte mich letzten Endes durch, doch sie mit Worten zu überzeugen glückte mir nie. Wahrscheinlich ließ ich mich zu sehr auf Diskussionen ein anstatt auf unumstößliche Gesellschaftsregeln zu verweisen, die durch keine Diskussion ausgehebelt werden konnten.
Während dieser zweiwöchigen Ferien jedenfalls ereignete es sich auch noch einmal, dass ein Jugendlicher in einer Auseinandersetzung mit mir handgreiflich wurde vor den Augen eines Erziehers (!), der zu meinem Entsetzen überhaupt nichts tat. Dieses Mal wurde ich ebenfalls handgreiflich und der Erzieher ging dazwischen. Im Nachhinein stellte ich fest, dass mich diese Handgreiflichkeit weitaus weniger beschäftigte, als es vor einigen Monaten noch der Fall war. Ich fühlte mich faktisch kaum davon angegriffen, sondern sah es als normal an, dass ich in diesem Umfeld körperlich angegriffen wurde und mich dementsprechend auch kraft meines Körpereinsatzes wehrte.

Sehr schöne Momente während der Ferien kamen ebenfalls vor: Mit zwei Jungen, zu denen sich das Verhältnis seit der Hälfte (fast) kontinuierlich gebessert hatte, konnte ich auf meinen Vorschlag hin mit einem Betreuer einen Tagesausflug unternehmen, um bis über die Schneefallgrenze zu einem der nächsten Gletscher hinauf zu steigen, was mir sehr gefiel.
Das war im Groben der Urlaub, den ich mit meiner Community verbrachte, anschließend blieben mir noch etwas mehr als zwei Wochen Freiwilligenzeit im Jugendheim übrig, dann war er vollständig vorüber. Einen Tag nachdem wir aus den Bergen zurückgekehrt waren, verstarb unsere Köchin. Für viele Jugendliche war dies ein tiefer Schock und obwohl sie schon seit geraumer Zeit im Krankenhaus lag und fest stand, dass sie sterbenskrank war, glaubten die Jugendlichen doch nicht daran, dass es so kommen würde und sie waren zutiefst entsetzt. In diesen restlichen zwei Wochen meines Freiwilligendienstes schienen die Jugendlichen so sehr damit beschäftigt, dass fast überhaupt keine großen Probleme zwischen mir und ihnen auftraten. Ich merkte, dass sie allein gelassen werden und nachdenken wollten und dementsprechend ich verhielt mich. In dieser Zeit half ich auch viel dabei mit, die Beerdigung zu organisieren, denn unsere Köchin war ohne Mann oder Verwandtschaft mit ihren drei Kindern von Kolumbien nach Italien übergesiedelt, es gab also niemanden, der sich wesentlich um diese Dinge gekümmert hätte, wenn nicht die Betreuer unseres Jugendheims.

Die letzten Tage meines Freiwilligendienstes war ich hauptsächlich mit Packen und verschiedenen Abschieden beschäftigt - ich hatte zuvor gar nicht gemerkt, wie viele verschiedene Personen ich kennen gelernt und lieb gewonnen hatte und es tat mir Leid, das alles nun hinter mir zu lassen. Ich hatte mich schon sehr eingelebt in das Leben hier und fühlte mich gewöhnt ans außergewöhnliche Leben im Jugendheim. Ich spürte: Ich wollte nicht mehr zurück.

Am Tag vor meiner Abreise bat mich meine Tutorin und stellvertretende Heimleiterin zu einem Gespräch, in dessen Verlauf ich vieles Wichtige erfuhr, was sie als Ursache für die heftigen Probleme zwischen den Jungen und mir ausmachte: 1) Ich war der erste männliche Freiwillige in diesem Projekt gewesen, zuvor waren noch nie andere männliche Jugendliche von außerhalb, also von der "normalen" Welt hineingekommen 2) Ich war im Durchschnitt nur zwei Jahre älter als die Jungen (18 zu 20); ein Altersunterschied der in diesem Zusammenhang vernachlässigt werden kann, ich also von den Jugendlichen als einer von ihnen erfahren wurde, mit dem sie sich erfahrungsgemäß messen und konkurrieren zu müssen glaubten 3) Die Jugendlichen wurden vor meiner Ankunft nicht auf Freiwillige vorbereitet. Unverständlich für mich, wie man unter diesen Voraussetzungen einen Freiwilligen für sechs Monate annehmen kann - denn nach etwas mehr als fünf Monaten hatte ich erst das Gefühl, zu wissen, wie ich mit den Jugendlichen und Konfliktsituationen ungefähr umzugehen hatte - davor sammelte ich nur Erfahrungen, wie ich es besser nicht tun sollte. Jedenfalls hielt meine Tutorin als Quintessenz fest: Für die Community sei mein Aufenthalt auch unter dem Gesichtspunkt von Nutzen gewesen, dass sie sehr vieles und wichtiges über die Jugendlichen erfahren hätten, indem sie gegen mich und mein Dasein Sturm liefen und dabei Sachen offenbarten, die sie den Erziehern gegenüber zuvor immer verschwiegen hatten. Eine interessante Sichtweise, dachte ich. Jedenfalls sei das nächste Mal sowohl für die betreuten Jungen als auch für die kommenden Freiwilligen ein intensiveres Vorbereitungsprogramm vorgesehen. Das freute mich zu hören, ich hoffe, es funktioniert und trägt Früchte.
Der Abschied von den Jugendlichen dann passierte, wie so vieles dort, anders als erwartet: Bis auf wenige Ausnahmen waren sie in der Tat sichtlich über meine Abreise enttäuscht und baten mich, sie wieder einmal besuchen zu kommen - auch sie hatten sich wohl merklich an mich gewöhnt.

Allerdings: Wie sehr mich der EFD verändert hatte, fiel mir erst auf, als ich, wieder zu Hause angelangt, auf meinen alten Freundeskreis traf und ich plötzlich nicht mehr in meine alte Rolle hineinpasste. Das trug in besonderem Maße dazu bei, meinen EFD nochmals zu überdenken und insbesondere die immer da gewesenen, nervigen, lästigen und unangenehmen Probleme und Streitereien zwischen mir und den Jungen dort in einem anderen, besseren Licht zu sehen.
Zusammengefasst erlebte ich den EFD als eine sehr intensive, volle und reiche Zeit, in der ich sehr viele sehr außergewöhnliche Erfahrungen sammelte, die mich selbst sehr veränderten. Würde ich noch einmal vor der Entscheidung stehen, ob ich am EFD teilnähme oder nicht, würde ich mich für eine Teilnahme entscheiden, jedoch darauf drängen, im Projekt länger als sechs Monate bleiben zu können oder gleich ein einfacheres Projekt wählen, das nicht so viel Zeit nur zur Einarbeitung beansprucht.

Andre