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Zwischenbericht Juliane

Viereinhalb Monate sind nun um, die Hälfte meines EFD's habe ich schon hier in Wiers, Belgien, verbracht, kaum vorstellbar.
Seit dem 12. September 06 arbeite ich in Wiers, in einem Heim für geistig behinderte Erwachsene, das sich "Charmilles" nennt. Es ist alles sehr ländlich und überschaubar. In dem Wohnheim wohnen 26 "résidents" (so werden die Behinderten genannt) im Alter von 18 bis 60 Jahren. Die Art der Behinderung ist von résident zu résident sehr unterschiedlich, es sind Autisten dabei, aber auch Fälle, wo die geistige Entwicklung auf dem Niveau eines sieben Monate alten Kindes stehen geblieben ist.

Als ich das erste Mal hier ankam, war ich doch etwas geschockt, alles so alt, alle haben auf einen eingeredet,...
Mein erster Gedanke war: "Oh Gott, hier willst du 9 Monate bleiben??"
Aber schon mein erster Arbeitstag hat meine Meinung sofort geändert, da einfach alle super nett und hilfsbereit waren und mir die Arbeit mit den résidents sofort gefallen hat. Sie sind alle sehr herzlich und haben mich sofort akzeptiert. Dank meiner Arbeitskollegen habe ich auch sehr schnell den Umgang mit den ihnen "erlernen" können.
Viele meiner Freunde haben mich gefragt, wie ich es schaffen würde, in so einem Zentrum zu arbeiten, aber ich bin überzeugt, dass das im Grunde jeder könnte. Es kostet zwar viel Energie immer gut gelaunt auf die résidents zuzugehen, sie alle gleich und gerecht zu behandeln, zu versuchen, mit jedem Einzelnen eine Beziehung aufzubauen, aber dafür bekommt man auch einfach sehr viel zurück! Ich habe sogar das Gefühl, dass ich persönlich mehr durch die Arbeit mit den résidents lerne, sogar über mich, als sie von mir...

Ich arbeite 32 Stunden die Woche. Morgens helfe ich beim Waschen und Anziehen, dann wird gemeinsam gefrühstückt und danach beginnt auch schon die erste "activités". Jeder éducateur bietet ein Projekt an, an dem die résidents teilnehmen: Basteln, Malen, Musizieren, Spazierengehen, Kochen, Sport, Computer, Gartenarbeit, kleinere Lese- und Schreibübungen,..…. Ich als volontaire kann bei einem éducateur mitlaufen und ihn in seiner Gruppe unterstützen, ich kann aber auch selbst ein Projekt anbieten oder mich mit einem speziellen résident beschäftigen.
Ich muss zugeben, dass ich selber noch nicht viele eigene Projekte durchgeführt habe. Einerseits, weil es mich am Anfang ziemlich deprimiert hat, dass man keine oder nur wenige Fortschritte erzielen kann. (Die résidents sind vom Verstand und vom Verhalten her wie Kinder, jedoch sind Kinder im Gegensatz lernfähig.) Andererseits fehlen mir ab und zu die passenden Ideen, da vieles schon angeboten wird, und ich musste auch erst die résidents besser kennen lernen.

Für mich war auch ein Problem, dass ich gerade anfangs gar nicht wusste, was von mir alles erwartet wird. Als Freiwilliger ist man weder Praktikant noch éducateur, ich musste lernen, dass man einen eigenen Status hat, den sich jeder/ jede selber erarbeitet. Wir Freiwilligen haben nicht die nötige Ausbildung und von daher haben wir das Privileg viele Fragen zu stellen und auch Fehler zu machen. Ich habe (zum Glück) auch gelernt, dass es den résidents egal ist, ob ich eine perfekte éducatrice bin, oder nicht, für sie ist es wesentlich wichtiger, dass da jemand ist, der Zeit und auch Lust hat, sich um sie zu kümmern, sich mit ihnen zu unterhalten, mit ihnen zu spielen,...

Abgesehen von der Arbeit hat man als Freiwilliger, finde ich, auch eine ganz angenehme Zeit. Ich wohne in Bon Secours, ebenfalls einem kleinen Ort in der Nähe von Wiers. Dort habe ich eine Wohnung, die ich mit einer ehemaligen französischen Freiwilligen teile, bei einer sehr netten Familie. Es war zwar eine Umstellung von der Stadt auf's Land zu ziehen, aber Belgien ist ja ein recht kleines Land und die recht fairen Zugpreise laden dazu ein, zu reisen. Somit besuche ich am Wochenende häufig die anderen 26 Freiwilligen in Wallonien oder wir entdecken zusammen Belgien.

Belgien. Am Anfang hatte ich überhaupt keine Vorstellung von diesem Land. Okay, man kannte das Atomium von Abbildungen, ansonsten die NATO, EU,... Aber sehr schnell ist mir das Land der Fritten, der Schokolade, des Bieres und der leckeren Waffeln ans Herz gewachsen! Es lässt sich immer wieder was entdecken, da Belgien sowohl Berge als auch Meer zu bieten hat, die Teilung in die drei Sprachgebiete scheint auch unterschiedliche Kulturen mit sich zu ziehen, die Städte im Norden unterscheiden sich sehr von den Städten im Süden und auch in Brüssel lässt sich immer wieder was Neues entdecken. Die Stadt lädt auch geradezu zum Feiern, Shoppen und Anschauen ein!

Man lernt aber nicht nur Belgien und die belgische Kultur kennen, sondern durch den EFD auch "Europa"! Wir sind zwar 15 deutsche von den 26 Freiwilligen, aber ansonsten sind Spanier, Italiener, Polen, Ungaren, Bulgaren, Dänen, Esten, Portugiesen,… mit dabei! Während meiner Zeit hier in Belgien habe ich schon die italienische Pasta, spanische Tortillas, Sangria und polnische Bonbons probiert, einen dänischen Trinkspruch und einen estnischen Tanz gelernt, erfahren, dass Finnland zweisprachig ist,...

Alles in allem freue ich mich auf die Monate, die ich noch hier verbringen darf und auf die vielen Erfahrungen, die ich hoffentlich noch machen werde!
Klar, es gab immer wieder Momente, in denen ich am Verzweifeln war. Ein Problem, und sei es nur eine Fahrradpanne, kommt einem im Ausland wie die größte Katastrophe überhaupt vor, aber bisher gab es immer liebe und hilfsbereite Menschen, die mir wieder Mut gegeben bzw. mein Fahrrad geflickt haben. ;-)
Ich habe es bis jetzt nie bereut den EFD angefangen zu haben und nach Belgien gegangen zu sein!

Juliane

 

Schlussbericht Juliane

Wieder einmal im Zug, im Zug nach Belgien. Mittlerweile kenne ich schon alles, den Café- to- go- Verkäufer am Bahnhof, die Gleise,… Und wie ich diese Atmosphäre im Zug Köln- Brüssel liebe! Man weiß nie, ob man seinen Nachbarn auf deutsch oder französisch ansprechen soll und dann die ganzen Leute, die anscheinend alle in das Land wollen, was ich so lieb gewonnen habe: Belgien. Studenten, alte Leute, Weiterreisende, Deutsche, Belgier,… andere Freiwillige?

Es ist nun exakt ein Jahr her, dass auch ich meine Reise nach Belgien angetreten habe, genauer gesagt nach Bon Secours/ Peruwelz. Ich weiß noch genau, wie traurig ich war, alle verlassen zu müssen, wie unsicher und auch ängstlich bezüglich der nächsten 9 Monate, aber auch neugierig, was mich erwarten würde! Dann vor circa 3 Monaten dasselbe Gefühlschaos: unendlich traurig, mein Leben in Belgien wieder aufgeben zu müssen, unsicher bezüglich meiner Zukunft (in Göttingen? Studium??), aber natürlich auch wieder etwas neugierig, wie sich alles weiterentwickeln würde…

Die letzten Monate in Belgien waren mit Abstand die schönsten. Ich hatte das Gefühl, nach 6 Monaten endlich Freundschaften geschlossen zu haben, ich konnte mich problemlos an Unterhaltungen beteiligen, in meinem Projekt war ich ein "fester Bestandteil" geworden und ich fühlte mich vollkommen integriert.
Aber wie es immer ist, wenn man sich wohl fühlt, dann verfliegt die Zeit regelrecht und plötzlich stand der 18. Juni vor der Tür: der Tag meiner Abreise! Der Abschied war sehr tränenreich, obwohl es auch sehr schön war, zu sehen, wer alles so an einem hängt.

Dann, wieder zu Hause.
Es war toll, Familie, Freunde, Bekannte,… wieder zu sehen, aber dennoch hatte ich das Gefühl, einen Teil von mir in Belgien zurückgelassen zu haben. Ich fühlte mich noch nicht bereit, wieder in mein altes Leben einzutauchen. Ich hörte den ganzen Tag französische Musik, hängte mein Zimmer mit Erinnerungen der letzten 9 Monate voll, suchte die Videothek verzweifelt nach französischsprachigen Filmen ab, schrieb Mails nach Belgien, und machte beim Einkaufen fast einen Luftsprung, als ich DEN Käse entdeckte, den ich mit meiner Mitbewohnerin immer gegessen hatte! -> vollkommen bekloppt! ;-)

Na ja, aber wie immer holt einen der "Alltag" schneller wieder ein, als man denkt und die Zeit verging. Belgien rückte für mich in immer weitere Ferne und immer noch frage ich mich manchmal: "Hast DU wirklich all das erlebt? Oder war das nur ein Traum… ?"

Aber nun, nach 3 Monaten ist es wieder so weit: Ich sitze im Zug nach Belgien. Dieses Mal komme ich als "Urlauberin" und auch nur für eine Woche. Die Freude ist groß, ich freue mich schon riesig aller wieder zu sehen und umgekehrt scheint es auch so. Klar, kleine Ängste spuken schon wieder in meinem Kopf herum: Werden auch die Residents, die ich persönlich so vermisse, mich wieder erkennen?

9 Monate voller Eindrücke, Erfahrungen, Emotionen, Bekanntschaften und Freundschaften, Höhen und Tiefen, aber ganz klar: die schönste und auch prägendste Zeit meines Lebens!

Juliane