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Zwischenbericht Marianne

Einige Daten vorweg.

Wer: Marianne , 19 Jahre, aus Thüringen
Wo: Finnland - Kokkola - Tankkari 1
Wann: Angekommen am 16.02.07 - Abgeflogen voraussichtlich Ende November 07
Was: Freiwillige für neun Monate in Isojärven Nuorisotalo (Jugendhaus Isojärvi) - Da sein ist alles.

Kokkola hat vier Jugendhäuser. Hansa, Isojärvi, Kirkonmäki und Halkokari. Und jedes hat seine ganz eigenen Kids und Regeln.
Herrscht in Halkokari zum Beispiel Straßenschuhfreie Zone, schallt durch Isojärvi den lieben langen Tag "Lakki pois!" ("Mütze weg!"). Nur Hansa, das Jugendhaus im Zentrum der Stadt, scheint etwas weniger Durchsetzungsvermögen bei Regeln zu haben - Ich hatte das Vergnügen, einen Monat dort zu arbeiten und wenn es bei den Kids dann Gang und Gebe ist, das Radio mindestens neun mal am Tag mit voller Lautstärke und Bass laufen zu lassen und schon mal mehr als zehn Minuten vergehen, ehe jemand das Wort erhebt, sehnt man sich doch ziemlich nach den pseudocoolen, pokerspielenden 13-jährigen aus Isojärvi. Die machen wenigstens nicht so einen Krach. =]

Normalerweise arbeite ich sechs Stunden am Tag, Montag bis Donnerstag von 14 - 20 Uhr, Freitag von 17 - 23 Uhr. Wobei wir Jugendhaus-Freiwilligen (Ruth - Hansa, Anja - Halkokari und ich) uns nie ganz sicher sind, ob man das, was wir tun, überhaupt Arbeit nennen kann. Ich meine, als ich hier ankam hatte ich natürlich keine super stressige, total Zeit ausfüllende Arbeit erwartet, aber das es im Endeffekt SO relaxet zugeht, dass es einem schon ziemlich oft langweilig werden kann, hätte ich nicht gedacht.

Schon in der Projektbeschreibung war die rede von "just be around the kids". Und das ist sehr genau das, was ich auf Arbeit mache: Da sein! Ich sehe den Kids beim Billard oder Poker spielen zu, warte auf kleine Aufgaben von Marja-Leena, Mika oder Sari (meine Chefs), wie zum Beispiel kopieren, etwas abtippen und ausdrucken, irgendwo irgendwas aufräumen oder sauber machen, und ab und zu starte ich auch ein paar Annäherungsversuche bei den Kids.
Letzteres ist bei finnischen Jugendlichen und, mir scheint, gerade bei denen in Isojärvi nicht das leichteste der Welt. Anfangs bekommt man für "You wanna play cards"-Fragen nur apathisches Kopfschütteln und einen flüchtenden 13-jährigen zu sehen (Isojärvi wimmelt nur so von etwa 13-jährigen Jungs. Mädchen sind Mangelwahre). Wenn die Jugendlichen ins Haus kommen und ein "Hei" rausquetschen, merkst du genau, wie sie versuchen, bloß nicht in deine Richtung zu schauen - Ich könnte ja plötzlich Anfangen, sie auf englisch anzusprechen! Und davor haben die eine Heidenangst! Dass sie's nicht verstehen oder Fehler beim antworten machen. Aber dafür bin ich ja hier. Damit sie sich an so was gewöhnen. Das wird allerdings lange dauern…

ABER! Billard spielen die meisten mit mir. ICH muss natürlich fragen und wenn ich Glück habe, springt eine Runde für mich raus. Meistens bleibt es dann aber auch bei einer, weil ich so grottig spiele, mich JEDER besiegt und dann meistens schon ein anderer da steht, der spielen möchte. Was mir das sagt: Ich muss lernen, Billard zu spielen! Außerdem gibt es für die Kids Freitags immer kostenlos Kaffee, Saft und was zu Essen, wo mir dann schon manchmal das Herz anschwillt, wenn die Jungs ankommen und MICH in gebrochenem englisch fragen, ob denn die Eierkuchen schon fertig sind!

Highlights in den 5 Monaten, die ich jetzt schon hier bin, waren:

  • International Day in Halkokari Youth House - Anja, Ruth und ich haben mit Hilfe von Postern und vielen Bildern einigen Kindergartenkindern unsere Heimatländer vorgestellt
  • ein Besuch beim Power Park (Entertainment Park) mit allen Jugendhaus-Kids
  • Jyvä - den ganzen Juni haben wir Ferienarbeit für ein Kids angeboten, sind durch die Vorgärten und Innenhöfe von Koivuhaka gekrochen, haben Unkraut gezupft und alles auf Fordermann gebracht. Ich habe intensives "collecting scratches" betrieben! Dank an all die Rosenbüsche =]
  • Urlaub mit Anja und Ruth in Turku, Stockholm und auf den Aland-Inseln
  • Euromance - Gruppen mit Jugendlichen von Ungarn, Russland, Spanien usw. kamen nach Kokkola/Villa Elba und haben dort "The Race", ein Musical, eingeübt. Es gab Tänzer, Sänger und die News-Gruppe, die für jeden Tag der Woche eine kleine Zeitung zusammengestellt haben.

Was habe ich bis jetzt gelernt?

Die Finnen sind SEHR schüchtern und vor allem die Kids brauchen SEHR viel Zeit, um sich an einen Fremden, der noch dazu englisch spricht, zu gewöhnen.
Ich muss mich noch an die finnischen Definitionen von "Arbeit" und "busy" gewöhnen. Die sind um einiges seichter als die deutschen.

Easy going!

Marianne

 

Schlussbericht Marianne

Es ist soweit. Ich bin wieder zuhause. Mein Europäischer Freiwilligendienst ist vorbei. Und es war geil!

Um kein Geld der Welt will ich die 9 ½ Monate in Finnland, Kokkola missen. Ich habe so viele tolle Leute kennen gelernt und mich so mit dem "Finnish Way of Live" angefreundet, dass ich direkt nach einem Monat Heimat wieder nach Finnland zurückgehe! Diesmal als Au Pair. Diesmal nach Vantaa (Helsinki). Unter anderem mit dem Ziel so oft wie möglich Abstecher nach Kokkola zu machen, um meine Freunde dort zu besuchen, und, um mehr finnisch zu lernen.

Auf Arbeit wurde es die letzten Monate immer besser. Wir hatten zwei Mädels als Praktikanten da, dann ist da noch Leena, die jetzt in Isojärvi arbeitet und mit der ich mich super verstanden habe. Ihr ist es, glaube ich, auch zu verdanken, dass es mit den Jungs in Isojärvi und mir besser geklappt hat. Habe ich vorher die meiste Zeit mit Sari und Mika in der Küche gesessen und die Kids beim kommen und gehen beobachtet, bin ich mit Leena meist direkt in den Billardraum gegangen und habe dort versucht Konversation zu betreiben - was VIEL einfacher ist, wenn da jemand ist, der immer mal übersetzen kann. Leena hat mir und den Jungs Sicherheit gegeben. So, dass es für mich ein wenig traurig ist, dass sie erst so spät gekommen ist und es erst JETZT, zum Schluss, mit den Kids bergauf geht.
Natürlich reden sie noch kein "richtiges" Englisch. Meistens sind es nur pseudocoole Einwürfe, die man von pubertierenden Jungs halt erwarten kann, und trotzdem: Sie versuchen es auf englisch!!! Ich bin so glücklich!

Die letzten zwei Monate war ich dann jeden Donnerstag im Kirkonmäki Jugendhaus. Und jetzt das Erstaunliche!: Nach diesen paar Tagen habe ich mit den Kids dort wahrscheinlich mehr geredet, als mit denen in Isojärvi!
Meine Theorie: Kirkonmäki hat erstens etwas ältere Jugendliche - heißt, sie sind nicht mehr ganz so schüchtern - und zweitens eine kleine Fläche. In Kirkonmäki ist alles gedrungener, gemütlicher, familiärer. Wobei Isojärvi ein echt großes Jugendhaus mit vielen Räumen ist. Außerdem kam von Anfang an immer Maria, die zweite Chefin von Kirkonmäki mit mir zu den Kids und hat übersetzt und vermittelt. Also irgendwie viel besser Voraussetzungen, um an die Youngsters ranzukommen!

Nach den Sommerferien wurden in Isojärvi dann auch wieder verschiedene Aktivitäten angeboten. Jeden Montag und manchmal Dienstags Handarbeitskurs, Donnerstag Kochen und Freitags Sport (meistens Floorball/Unihockey). Und es war wieder mal erstaunlich, dass dann sogar die Jungs ankommen, um sich beim Basteln Armbänder zu machen!

Meine Freizeit wurde im laufe der Zeit immer Finnen-lastiger. Was einen natürlich auch Stolz macht! ("Ich hab echte Finnen als Freunde!") Ende September war dann auch das Ende von Anjas und Ruths Projekt. Für mich wieder eine Umstellung, weil ich bis dahin SO viel Zeit mit den zweien verbracht habe und wir uns so ans Herz gewachsen waren. Der Abschied war dadurch leichter, dass wir schon Pläne für ein Wiedersehen gemacht haben. Einmal alle zu Anja nach Österreich, dann zu Ruth nach Spanien und dann auch mal Urlaub bei Marianne in Deutschland! =D

Natürlich ist man in Kokkola als Freiwilliger nie alleine! Deutschen Nachschub war nämlich schon ein paar Tage vorher eingetroffen: Der Simon. Ich glaube, ich hatte echtes Glück, dass ich während meines gesamten Projektes immer jemanden da hatte, mit dem ich deutsch reden konnte. Das macht viel aus, wenn man sich in einem fremden Land zuhause fühlen will!

Der Abschied in Kokkola war total schön und nicht so schwer, aber trotzdem viel schwerer als der von Deutschland. Denn wenn man sein Projekt antritt, dann weiß man ja, dass man in neun Monaten wieder zuhause ist, seine Freunde und Familie wieder sieht. Wenn man allerdings sein neu gewonnenes Zuhause im fremden Land verlässt, dann ist es nie klar, ob man die ganzen Menschen, die einem so wichtig geworden sind, wieder sieht. Zum Glück weiß ich es genau! Zum Glück komme ich schon im Januar wieder. Ich freue mich, jetzt zuhause zu sein und Weihnachten und Silvester in Deutschland zu feiern aber dann ist es genau so super wieder nach Finnland zu kommen.

I would say, I am addicted. =]

Marianne