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Zwischenbericht Julia

Verschnaufpause, juhu! Ich bin gerade zum ersten und voraussichtlich einzigen Mal während meines Dienstes auf Urlaub zuhause und das war dringend nötig. Ich kann mich nicht mal damit trösten, dass mein Tief nur ein temporäres Problem sei, denn ich hänge jetzt schon seit April in den Seilen.

Meine Arbeit mit den Kindern der Altersgruppe von 9-12 im Foyer de Jour (Tagesstätte) Pinocchio in Luxemburg-Stadt zehrte von Anfang an an meinen Kräften. Da der Hort Kinder der Problemviertel Gare und Bonnevoie aufnimmt, ist er nicht mit einer Friede-Freude-Eierkuchen-Tagesstätte auf dem Land zu vergleichen. Keines unserer Kinder ist luxemburgischer Abstammung, fast alle sind Immigranten in der ersten oder zweiten Generation, kaum eines unserer Kinder empfängt genügend Wärme und Geborgenheit im Elternhaus. Viele Kids haben mit den Folgen von Arbeitslosigkeit, mit Gewalttätigkeit oder Alkoholismus der Eltern zu kämpfen. Und das zieht nicht spurlos an ihnen vorüber. Ich habe aggressive, lernschwache und verhaltensauffällige Kinder in meiner Gruppe und das macht die Arbeit so anspruchsvoll. Es hat lange gedauert, bis ich mir ein klein wenig Autorität erkämpft hatte und momentan habe ich eher das Gefühl, auch diese wieder eingebüßt zu haben.

Doch ich möchte nicht aufgeben, weil mir die Kinder trotz allem so sehr ans Herz gewachsen sind. Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben, aber jeder Freiwillige in Pinocchio erlebt das wohl so. Es hilft mir auch ungemein, zu wissen, dass meine Kollegen an mich glauben und mir immer mit Rat und Tat zur Seite stehen.

Ich habe eine fantastische Tutorin, die auch gleichzeitig meine engste Kollegin ist und mit der ich all meine Probleme teilen kann und die mich immer wieder aufrichtet.
Ich habe mittlerweile gelernt, Arbeit und Privates zu trennen, anstatt meine Probleme immer mit heim zu tragen. Doch ich bin noch immer glücklich, dass in dem Freiwilligenhaus, wo ich lebe, jederzeit sechs Leute mit offenen Ohren sitzen und für mich da sind. Einige von ihnen arbeiten mit mir im gleichen Projekt, allerdings in der Gruppe mit den Kindern von 4 bis 6 Jahren, andere arbeiten in anderen Projekten, aber wir alle sind EVSler und eine geniale interkulturelle Gemeinschaft.

Unser recht baufälliges Haus bietet zwar kaum Komfort, aber jede Menge Charme. Wir teilen uns eine große Küche und ein kleines Bad und jeder hat sein eigenes Zimmer. Ich hatte anfänglich sehr nervige Probleme mit meiner Heizung, die nicht abzustellen ging, aber nach langer Zeit fand man zumindest eine Notlösung.

Da es in ganz Luxemburg “nur” 45 EVSler gibt, kennen wir uns alle und treffen uns regelmäßig. Allerdings habe ich eine richtig enge Bindung bisher nur zu meinen Mitbewohnern aufgebaut, aber das sind dafür unersetzliche Freunde geworden.

Luxemburg ist übrigens ein oft unterschätzes, wunderschönes Land mit einer kleinen, sympathischen Hauptstadt. Unser Freiwilligenhaus ist das einzige, das zentral in der Stadt gelegen ist. Das heißt, man kann das Nachtleben in vollen Zügen genießen und man kommt jederzeit an fast jeden Ort im Land (bei 50x70 km ist die Auswahl aber auch nicht riesig ;-), zumal man dank der JumboKaart, einer ermäßigten Jahresfahrkarte für Jugendliche, nichts dafür bezahlen muss.

 

Schlussbericht Julia

„Ich mache jeden Job, solange er nichts mit Kindern zu tun hat!“ – Das war mein Credo, als ich mich im April 2006 für den Freiwilligendienst bewarb. Vier Monate später stand fest: Ich werde neun Monate lang im Foyer de Jour Pinocchio, einem Hort im Problemviertel Gare in Luxemburg-Stadt, in den Löwenkäfig von dreizehn neun- bis zwölfjährigen Kids geworfen. Das Schicksal wollte es irgendwie so. Und da ich meinen Perfektionismus nicht mal in Extremsituationen abschütteln kann, wollte ich die kleinen Bestien nicht nur überleben, sondern auch zähmen.

Trotz allem startete ich blöderweise nicht nur mit Respekt, sondern mit Angst die Arbeit mit den Kindern. Am ersten Tag beäugte ich jedes Kind misstrauisch und erwartete, dass es mich im nächsten Moment niederstrecken würde. Aber natürlich waren die Kinder am Anfang genauso unsicher wie ich selbst. In der ersten Woche tasteten sie sich schüchtern bis interessiert an mich heran und ich war völlig baff, dass alles so viel besser als erwartet funktionierte. Deshalb blieb die berüchtigte Anfangsdepression bei mir aus. Im Gegenteil. Plötzlich kam ich auf die Idee, dass ich möglicherweise nicht nach zwei Wochen kapitulieren müsste, sondern dass ich den Job vielleicht irgendwie schaukeln würde.

Ich fühlte mich auch vom ersten Augenblick an in meiner Hausgemeinschaft unendlich wohl. Als Pinocchio-Freiwillige wohnte ich im Freiwilligen-Haus meiner Host Organisation Inter Actions, was wir immer liebevoll „Crazy House“ nannten (und es machte seinem Namen alle Ehre). Ich hatte ein großes, gemütliches Zimmer , in dem ich mich aber in der ganzen Zeit fast nie aufhielt, denn es gab ja unsere wundervolle Küche, in der man nach dem morgendlichen Aufschließen in Pinocchio frühstücken konnte, während die Sonne durch die große Fensterfront strahlte oder bis nachts um fünf bei Kerzenschein mit den Mitbewohnern philosophieren. Ja, meine Mitbewohner . Sie sind neben den Kindern und meiner Tutorin wohl die wichtigsten Menschen meines EVS gewesen und fantastische Freunde geworden. In Crazy House wohnten, feierten und stritten wir zu siebt – drei Deutsche, eine Österreicherin, zwei Esten und eine Italienerin. Alle meine Mitbewohner integrierten mich von Anfang an mit einer absoluten Selbstverständlichkeit, obwohl sie schon drei Monate ohne mich „Nachzügler“ zusammen gelebt hatten. Nach einer Woche fühlte ich mich komplett zuhause. Und das in unserem wirklich baufälligen Haus, in dem, wenn der Trockner wieder lief, garantiert die Spülmaschine den Geist aufgab und umgekehrt. Das größte Problem war allerdings die Heizung, die in meinem Zimmer zwei Monate lang nicht abzustellen ging und es so zu einer unbewohnbaren Sauna machte. Nach unzähligen Reparaturen konnte man sie zwar endlich abschalten, aber nicht wieder an. Aber irgendwie war unser Leben in Crazy House so perfekt, dass wir blind für die Fehler wurden.

Und die Arbeit nahm mich eh genug in Beschlag, sodass ich gar keine Zeit hatte an Luxus zu denken. Ich arbeitete meist sechs Stunden pro Tag, von zwölf bis sechs. Zweimal pro Woche musste ich zusätzlich morgens die Kids zur Schule bringen. Mittags begleitete ich meine Kollegen, um die Kinder von der Schule abzuholen. Im Foyer aßen wir gemeinsam mit ihnen Mittag und brachten sie dann entweder zurück zur Schule (drei Mal wöchentlich) oder sie blieben bis sechs bei uns. Wenn sie noch ein zweites Mal Unterricht am Nachmittag hatten (zwei Mal wöchentlich), holten wir sie erst um vier ab. In der Zeit zwischen dem Ende des Mittagessens und dem Abholen hatten wir zwei Stunden Pause, in denen wir allerdings auch oft fürs Foyer arbeiteten. Nachmittags machten wir Hausaufgaben mit den Kindern, spielten mit ihnen oder machten Ausflüge. Ein Mal wöchentlich betreute ich auch abends noch alleine eine kleine Gruppe von Kindern, deren Eltern einen Luxemburgischkurs in unserer Einrichtung besuchten.

Diesen Kurs boten wir deshalb an, weil keines der 80 Kinder des ganzen Foyers aus einer luxemburgischen Familie stammt. Die meisten sind portugiesische oder kapverdianische Immigranten und leben in finanziell und sozial schwierigen Situationen. Die meisten meiner Kinder – das assoziieren viele Leute nicht mit Luxemburg, dem reichsten Staat Europas - sind mit Armut vertraut, viele auch mit Gewalt und Alkoholismus in der Familie. Wir hatten Kinder, die zwei Wochen lang die gleiche Unterwäsche trugen oder deren Socken aus mehr Löchern als Stoff bestanden. Manche wollten abends nicht nach Hause gehen, wenn sie ihre Jacke schmutzig gemacht hatten. Und die Bildungs- und Wertarmut der Familien spiegelte sich natürlich auch im Verhalten der Kinder. Da machten manche sich noch mit zehn regelmäßig in die Hose. Andere kannten kein anderes Mittel außer ihrer Fäuste, um Streit zu lösen.
Ab der zweiten Woche bekam ich das alles zu spüren. Die Kinder legten richtig los und übermannten mich vollkommen. Kaum war meine Tutorin aus dem Raum, brach völlige Anarchie aus. Alle schrien durcheinander, sie fingen an sich vor meinen Augen zu prügeln, sie beschimpften mich – es herrschte komplettes Chaos. Ich war in diesen Situationen so verzweifelt. Und zu diesem Zeitpunkt wusste ich weder, dass ich strafen darf, noch wie genau ich das machen soll. Deshalb wehrte ich mich verzweifelt, indem ich schrie und drohte, aber die Kinder merkten schnell, dass es bei mir keine Konsequenzen gab. Und umso weniger funktionierte, umso verbissener wurde ich und umso skrupelloser die Kinder. Das war ein Teufelskreis , aus dem ich nicht ausbrechen konnte. Es ging so weit, dass die Kids mir ins Wasserglas spuckten und heimlich mein Besteck ableckten, bevor ich aß.
Ich kann mich nicht entsinnen, wie oft ich im ersten Monate heulend nach Hause kam und wie oft ich mit dem Gedanken spielte aufzugeben, das Projekt zu wechseln oder heim zu fahren. Aber glücklicherweise fand ich in meiner Tutorin Ersatzmama, Freundin und Krisenmanagerin zugleich. Bei Sylviane konnte ich meine ganze Wut und Verzweiflung abladen und obwohl sie mich jeden Tag verzweifeln sah, richtete sie mich unermüdlich wieder auf und hörte unbegreiflicherweise nie auf an mich zu glauben. Dabei hatte ich so oft das Gefühl für sie mehr Klotz am Bein als Hilfe zu sein. Sie war ja nicht nur meine Tutorin, sondern auch meine direkteste Kollegin. Mit ihr arbeitete ich in einer Gruppe – und sprach Französisch!
Man sollte nämlich nicht dem Trugschluss erliegen, in Luxemburg ließe sich auch gut Französisch lernen. Dadurch dass Luxemburg offiziell dreisprachig (Luxemburgisch, Französisch, Deutsch) ist, sprechen die meisten Leute zu gut deutsch, als dass man gezwungen wäre, sein französisch zu praktizieren. Ich habe allerdings einen sehr guten Französischkurs belegt und mit Sylviane und einem anderen frankophonen Kollegen von Anfang an nur französisch gesprochen, wodurch ich die Sprache verbessern konnte. Im Haus haben wir uns auf englisch unterhalten.
Genauso wie mit den 40 anderen Freiwilligen, die man in dem Mini-Staat Luxemburg (50x70km) natürlich in Windeseile kennen gelernt hatte. Wir haben – wie sich das gehört- oft gemeinsam Partys, Fahrradtouren, interkulturelle Kochaktionen,… gemacht. Trotzdem blieben für mich meine Mitbewohner meine absoluten Bezugspersonen, mit denen ich über alles reden konnte. Wenn ich völlig zerstört von Arbeit kam, war da immer jemand, der zaghaft klopfte, wenn ich die Zimmertür zukrachte. Das war so genial an Crazy House: Wir standen immer alles gemeinsam durch.
Als eins meiner Kinder mich einmal fragte: „Sag mal, Julia, lachst du eigentlich nie?“ war für mich der Wendepunkt gekommen. Ich merkte, wie ich mich in meinen Kampf um Autorität verfahren hatte und dass ich nicht nur erfolglos, sondern auch total unglücklich war. Ich glaube, zu diesem Zeitpunkt habe ich das Leistungsprinzip aufgegeben und mich endlich auf ihre Augenhöhe begeben, die tollen Momente mit ihnen genossen, rumgetollt, Spaß gehabt und die schwierigen Situationen nicht so schwer genommen. Und plötzlich klappte alles viel besser und die Kinder begannen mich zu respektieren und zu achten.

Im März jedoch schwang die Stimmung bei den Kindern um. Einige bekamen zunehmend Schwierigkeiten in der Schule, bei anderen gab es Probleme zuhause. Sobald ich merkte, dass sich die Situation verkomplizierte, verkrampfte ich wieder und ich stand diese Zeit wohl nur durch, weil ich schon abgehärtet war. Die Durststrecke hielt fast drei Monate (!) an. In dieser Zeit musste ich eine schallende Ohrfeige von einem Elfjährigen einstecken, was sicherlich das erniedrigendste Erlebnis meines EVS war. Und Anarchie war wieder an der Tagesordnung. Ich musste mich oft morgens auf Arbeit quälen und fiel abends völlig erschöpft in mein Bett. Den Tiefstpunkt erreichte die ganze Geschichte, als wir vier Tage mit den Kindern ins Ferienlager fuhren. Da spürte ich zum ersten und einzigen Mal, dass mir selbst meine Kollegen in den Rücken fielen und den Glauben an mich aufgaben. Ein Urlaub zu Hause und ein Youth Exchange nach Finnland konnten mir auch keinen Auftrieb geben.
Doch ein Tapetenwechsel half am Ende doch: Ich begleitete eine Woche lang als „Aushilfe“ meine Mitbewohnerin und die schwerstbehinderten Kinder ihres Projektes ins Ferienlager. Das war eine fantastische Erfahrung und half mir letztendlich auch, meine Kinder mit anderen Augen zu sehen. In der nächsten Zeit gab es plötzlich wieder Lichtblicke. Ich fing an, die Erfolge meiner Arbeit zu sehen. Ich spürte, wie nah ich mir mit manchen Kindern schon gekommen war und dass ich wirklich Vertrauensbeziehungen aufgebaut hatte. Die Kinder kamen zu mir, teilten ihre Probleme mit mir und wollten in den Arm genommen werden. Ich baute eine Yogagruppe auf, die ich alleine führte und die super lief.
Leider konnte ich meinen Erfolg nicht lange genießen: Kurz vor den Ferien brachen wieder harte Zeiten an.Viele Foyerkinder machten Probleme, hielten sich an keine Regeln mehr, einige fingen an zu klauen, einer Erzieherin wurden 45 Euro aus dem Portmonnee entwendet. Als ich erneut geschlagen wurde, äußerte ich das erste und einzige Mal, dass ich die Gruppe wechseln wolle, sonst führe ich heim. Aber Sylviane sagte nur: „Ich lass dich nicht gehen. Weder in eine andere Gruppe noch nach Hause.“ Und irgendwie packte ich dann auch die letzten Wochen.

In den zweimonatigen Sommerferien konnte ich dann endlich die Früchte meiner Arbeit ernten. Ich arbeitete mit allen Kindern des Foyers zusammen und ich war so entspannt wie sie. Ich konnte Projekte leiten, mir aber auch Zeit für einzelne Kinder nehmen. Mein eindrucksvollstes Erlebnis hatte ich an meinem vorletzten Tag, als meine Nachfolgerin schon da war. Ich war allein mit ihr und ca. 18 Kindern in einem Saal zum Essen. Kaum verließ ich den Raum, brach Anarchie aus. Stand ich wieder in der Tür, war es plötzlich mucksmäuschenstill. Es war so ein fantastisches Gefühl, zu wissen, dass man es am Ende doch gepackt hat.

Ich werde oft von anderen Freiwilligen abschätzig angesehen: „Ach, du warst doch nur in Luxemburg…“ Ja, aber ich kann mit ganzem Stolz sagen, dass diese neun Monate mich rundum verändert haben. Ich habe mit den Kindern gelernt, loszulassen und den Moment auszukosten. Ich habe unendlich viel über Kommunikation und Zwischenmenschlichkeit gelernt und bin mir sicher, dass soziale Arbeit ein wichtiger Bestandteil meines Lebens werden soll. Diese neun Monate haben mich mehr gelehrt als zwölf Jahre Schule.

Und ich habe so viele wundervolle Menschen kennen gelernt… und in der wohl kleinsten, aber schönsten Hauptstadt Europas gelebt. Ach, und natürlich eine Weltsprache mehr gelernt: Luxemburgisch. An ech mengen, dat waren immens flott neng Mount. ;-)

Julia