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Zwischenbericht Maria

"Wer die Enge seiner Heimat begreifen möchte, der reise, wer die Enge seiner Zeit ermessen will, der studiere Geschichte."
(Johann Wolfgang von Goethe)

Diese Worte des großen Dichters beschreiben viele Eindrücke, die ich in meinem bisherigen Freiwilligendienst erlebte, wohl vortrefflich.
Ich selbst kann es kaum glauben, dass ich mittlerweile schon länger als sechs Monate in Wien lebe und beim Verein Gedenkdienst (Zivilersatzdienst im Ausland, holocaust-education, Europäischer Freiwilligendienst) arbeite. Aber der Alltag überzeugt mich auch dann und wann vom Gegenteil, denn wann habe ich zum letzten mal einen Stadtplan benützen müssen und wieso scheint es, als könnte ich den Weg vom Bett zum Arbeitsplatz auch mit verbundenen Augen meistern? Wenn ich all dies einmal bedenke, stelle ich fest, dass ich wohl wirklich angekommen bin in der Hauptstadt Österreichs.
An der Entscheidung ein Jahr in dieser Stadt zu leben habe ich niemals gezweifelt, selbstverständlich war es nicht immer leicht und gewiss bedeuteten die neuen Lebensumstände eine Umstellung, aber hätte ich eine bessere Idee gehabt? - Nein! Folglich habe ich richtig gewählt!
Doch nun möchte ich ein wenig auf das von mir sogleich an den Anfang meiner Ausführungen gestellten Zitats eingehen. Der erste Teil von Goethes Worten bezieht sich auf das Leben als Freiwillige, in Wien, in einer neuen Umgebung, während der zweite Teil sich vor allem auf meine Arbeit und deren Inhalte bezieht, die ich zunächst beschreiben möchte.

Der Verein Gedenkdienst und meine Arbeit dort:
Gedenkdienst ist eine politisch unabhängige, international tätige NGO im Bereich der politischen Bildung. Zum einen organisiert der Verein öffentlich zugängliche Veranstaltungsprogramme, die sich thematisch vor allem mit dem Holocaust und seinen Folgen und Einflüssen bis in die Gegenwart und Zukunft auseinandersetzen. Zum anderen entsendet der Verein jährlich Freiwillige an Holocaustgedenkstätten, Jugendeinrichtungen und Altenpflegeheim in Europa, Israel, sowie Nord- und Südamerika.
Die holocaust education beinhaltet unter anderem die Durchführung einer jährlichen Tagung, Studienfahrten, Vorträgen, ZeitzeugInnengespräche und die Publikation der Zeitung GEDENKDIENST. Im Zuge meines bisherigen Aufenthaltes war es mir daher möglich an der Tagung "Herrschaft.Macht.Geschichte" an der Universität Wien teilzunehmen, Artikel für die Zeitung zu verfassen, gemeinsam mit einer Studienfahrtsgruppe nach Auschwitz zu reisen oder beispielsweise Seminare zu begleiten und auch mitzugestalten.
Meine zentralen Aufgabenfelder lassen sich in unterschiedliche Bereiche gliedern:

  1. Evaluation der Stellen an welche der Verein Gedenkdienst Freiwillige entsendet. (Im vergangen Herbst habe ich begonnen einen Evaluierungsbogen zu erstellen, dessen Auswertung in Kürze folgen wird.)
  2. Mitarbeit an der Zeitung. (Mit Beginn des neuen Jahres habe ich eine Seite der Zeitung übernommen, die ich frei nach meinen Vorstellungen gestalten kann. Während der Tagung konnte ich ein Interview mit einem britischen Historiker führen, das dann ebenfalls in der Zeitung gedruckt wurde.)
  3. Studienfahrten (Im Herbst des letzten Jahres Beschloss der Verein sein Studienfahrtenprogramm auszuweiten, an dessen Gestaltung ich maßgeblich mit beteiligt sein dufte und noch immer bin. Zunächst habe ich ausführliche Recherchen hinsichtlich der Gedenkstätten in Europa und Israel gemacht, daran schloss sich die Kontaktaufnahme zu einigen Orten der Erinnerung an und schließlich die Konzeption von Studienfahrten nach Regionen und Themen, die gegenwärtig zu einem Katalog zusammengestellt werden.)
  4. Mittwochstreffen und Vorbereitungsseminare (Wie schon erwähnt, entsendet Gedenkdienst jedes Jahr 20 Freiwillige, die in ihrer zukünftigen Arbeit stets, wenn auch auf unterschiedliche Weise, mit der Thematik des Holocaust in Berührung kommen. Daher gilt es sie auf diesen Dienst vorzubereiten. Zum einen mittels dreier Vorbereitungsseminare, die der Vorstand initiiert (an denen auch ich teilnehme) und zum anderen durch die sog. Mittwochstreffen, deren Planung von Beginn an in meinen Händen lag. Die Treffen finden in der Regel am Mittwochabend statt. Wir besuchen gemeinsam Ausstellungen, Lesungen, Vorträge oder schauen einen Film, welchen wir im Anschluss besprechen und diskutieren.)
  5. Administration und Korrespondenz (Ich verwalte hauptsächlich die eingehenden Emails und helfe bei allfälligen Anliegen. Dieser Punkt scheint mir jedoch insgesamt einen sehr geringen Anteil meiner arbeit auszumachen.)

Gegenwärtig bin ich vor allem mit der Organisation einer ZeitzeugInnenbegegnung beschäftigt, die ich gemeinsam mit unserem Gedenkdiener am Jewish Cultural Center in London betreue. Im Mai werden sechs österreichische Holocaustüberlebende, die heute in London und Umgebung leben, nach Wien reisen und dort, zum Teil an ihren ehemaligen Schulen, von ihrem Leben berichten- ein äußerst interessantes und lehrreiches Projekt.
Die Arbeit beim Gedenkdienst erfordert viel Selbstständigkeit, ebenso ist Interesse für die Geschichte mit Sicherheit hilfreich, sowie die Lust und Freude daran mit anderen Menschen zu arbeiten.

Die Atmosphäre im Verein selbst hat mit von Beginn an sehr gut gefallen, vor allem der Vorstand und mein Kollege, mit denen die/der Freiwillige den meisten Kontakt hat, sind sehr hilfsbereit und versuchen bei der Gestaltung meiner Aufgabenfelder auf meine Interessen einzugehen. Ich habe durchaus das Gefühl mich auch als Person in die Arbeit und den Verein einbringen zu können, was mich zunächst fast ein wenig überraschte. Ich bin bislang positiv angetan vom unverkrampften Klima meiner Arbeitswelt, nicht zuletzt vielleicht auch deshalb, weil ich mir nicht sicher war, inwieweit meine Anliegen in einem Männerdominierten (Kollege und Vorstand besteht komplett aus Männern) Verein überhaupt Gehör finden würden, was jedoch im Nachhinein betrachtet gar keine Probleme bedingte.
Nicht zuletzt scheint es erwähnenswert, dass das Büro nur drei Minuten vom Stephansdom entfernt liegt, also direkt in der Wiener Innenstadt. Das Gebäude selbst ist hingegen eher eine Frage der Gewöhnung, alt und renovierungsbedürftig, aber die zentrale Lage lässt darüber hinwegsehen.

Wien und meine Wohnung:
Wien ist eine ungemein schöne und angenehme Stadt mit einer hohen Lebensqualität, vielleicht weil sie den Spagat zwischen Großstadt und Bequemlichkeit schafft. Die österreichische Hauptstadt gleicht keiner Metropole, aber sie bietet dennoch genügend Möglichkeiten sich zu beschäftigen und Langeweile den Garaus zu machen. Kulturell geschieht in der Stadt viel (zahlreiche Theaterhäuser, Museen,...) und die Vielzahl der Szenen ermöglicht jedem seine Nische im Gefüge zu finden. Wien ist bestimmt nicht übermäßig durchgestylt oder pulsierend, aber gerade dieser Charme macht die Stadt ebenso liebenswert. Ein bisschen Wahrheit scheint im berühmten Zitat durchaus zu liegen: "Wenn die Welt untergeht, dann komm nach Wien, denn dort geschieht alles 20 Jahre später."
Die Stimmung der Wiener und auch Besucher ist nicht unwesentlich von der jeweiligen Witterung geprägt. Generell gilt: der Wind weht immer. Im Winter kann es auch für längere Zeiten sehr kalt werden und die Eisstürme bedingen lange Aufenthalte im Kaffeehaus und ein irgendwann auch deprimiertes, gezwungenes Verharren in Gebäuden. Aber sobald die Sonne scheint, drängt es Wiener, wie Touristen auf die Straßen. Denn der Anblick der großartigen Architektur, die Atmosphäre der Stadt und gutes Wetter sind in Wien Garant für höchstes Glück- ganz im Gegensatz zu meiner ersten Wohnstätte. Das erste halbe Jahr lebte ich in Favoriten, einem klassischen Arbeiterbezirk der Stadt. Dort hatte die Organisation ein Zimmer in einem Wohnheim für mich gemietet, dass sich als Zelle, aber keineswegs Raum erwies. Ich bewohnte sechs Monate lang eine knapp 5 Quadratmeter große Kammer mit einem Hochbett, dass mir nicht erlaubte aufrecht im Bett zu sitzen und Verstauungsmöglichkeiten, die mich lehrten mit Wenigem lange auszukommen. Hinzu kam die viel schwerer wiegende Tatsache, dass ich in den ersten drei Wochen nicht fähig war die Küche zu benützen, da sie verkeimt war und begonnen hatte sich zu einem Biotop zu entwickeln. Meine damaligen MitbewohnerInnen waren wenig bedacht auf hygienische Grundprinzipien, wie die Entsorgung alter Lebensmittel bevor sie vom Schimmel zersetzt werden oder das Abwaschen benutzten Geschirrs. Als sie nach einem Monat auszogen, blieb mir nichts anderes übrig, als alles was sie hinterlassen hatten geschlossen wegzuwerfen. Dabei fand ich interessante Dinge, von eingefrorenem Fleisch aus dem Jahr 2004, über diverse Essensreste bis hin zu verklebten Soßenflecken der vermutlich vergangenen zwei Jahre. Auf den Bericht der Räumung des Bades möchte ich verzichten. Das soziale Klima im Wohnheim hingegen überzeugte mich um so mehr. Die Leute haben mich von Beginn an aufgenommen und wir verlebten durchaus amüsante Stunden in den großen, weitläufigen Aufenthaltsräumen, in denen sich jeder vorzugsweise aufhält, da die Zimmer nicht erlauben länger in ihnen zu bleiben, wenn man nicht schläft oder verrückt werden möchte. Heute wohne ich in einer WG in der Nähe Schönbrunns.
Die Menschen in Wien sind eigenwillig und teilen einen sehr eigenen Humor, den es in den meisten Fällen wohl zu ignorieren gilt. Die Griesgrämigkeit der Ober und die Unfreundlichkeit aller Angestellten öffentlicher Behörden wird irgendwann selbstverständlich und wehe dem, der nicht hat die korrekten Titel gebraucht.
Ich mag die Art der Menschen, aber ich könnte mir gleichfalls ebenso vorstellen, dass sie einigen Probleme bereitet. Österreicher haben zudem manchmal ein sehr schwieriges Verhältnis zu den Deutschen, was bestimmt auch in der Geschichte wurzelt, aber auch in der aktuellen Tagungspolitik im Ressort Bildung. Zahlreiche deutsche Studenten immatrikulieren sich gegenwärtig an österreichischen Hochschulen um der Numerus Clausus Regelung zu entgehen. Diese Tatsache führt dazu, dass junge Deutsche häufig generell, als NC- Flüchtlinge verdächtigt und dementsprechend argwöhnisch behandelt werden.

Der EFD- die (un)erträgliche Leichtigkeit des Seins:
Ich habe nie grundliegend an meinem Freiwilligendienst gezweifelt, aber ich will nicht verkennen, dass dieser Umzug nach Österreich auch ein neuer, ungewohnter und nicht einfacher Schritt war. Bei meiner Ankunft wurde mir sehr rasch bewusst, dass ich gerade in den Bahnhof einer Stadt eingefahren war, in welcher ich wirklich niemanden kannte und ich dankte dem bisschen Naivität, dass mich bis hierhin auf meinem Weg begleitet hatte und sich als sehr gesund erwies. Andererseits bin ich rückblickend äußerst erstaunt, wie schnell es gelingt neue Bekanntschaften zu machen, die nicht immer und gleich zu Freundschaften werden, aber das Leben doch enorm vereinfachen, gerade wenn ich Menschen traf und treffe, die sich in einer ähnlichen Situation befanden.
Ich habe versucht nicht all zu viel über alles nachzudenken, weil ich glaubte und auch noch immer denke, dass ich selbst dann zum größten Problem meines EFD werden würde. Und dennoch habe ich sehr viel über mich erfahren, schon jetzt unglaublich viel gelernt und eine gewiss für immer geltende Bereicherung erlebt.
Ein Punkt, der mich jedoch ebenso immer wieder beschäftigt, ist die Endlichkeit der Situation, die nicht all zu häufig Raum findet, mir aber durch den Kommentar eines anderen Freiwilligen beim Mid-term-meeting sehr deutlich wurde. Er sagte, dass wir uns in einer sehr angenehmen Situation befänden, materiell weitestgehend abgesichert seien und eigentlich viel Raum für unsere Gedanken, Pläne und Freizeit hätten, aber zuweilen würde ihn diese eigentlich doch erträgliche Leichtigkeit überkommen und zur Unerträglichkeit avancieren.
Es fällt mir schwer, diesen Satz auszuführen, aber er fand viel Bestätigung unter den Freiwilligen, denn gerade das Wissen ob des Verstreichens der höchstens zwölf Monate trübt die Freude zuweilen ein wenig.
Dieser etwaigen Schattenseite überliegt jedoch definitiv die Sonnenseite. Denn obwohl Deutschland und Österreich sich häufig sehr ähnlich scheinen, sind sie doch sehr verschieden, was sich beispielsweise in der Mentalität der Menschen ausdrückt. Neben dem Kontakt mit der österreichischen Kultur, treffe ich zudem auf die verschiedensten Nationalitäten anderer Freiwilliger oder Bekannter. Der Blick über den Tellerrand hat mich gelehrt die eigene Heimat mit anderen Augen zu betrachten, Dinge an ihr lieben zu lernen, aber natürlich auch zu kritisieren und andererseits habe ich auch mein Wissen über andere Kulturen erweitern können und darüber hinaus gelernt deren Stärken, aber vielleicht auch Schwächen besser einzuordnen.

Maria