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Zwischenbericht Gülay

Seit Projekt beginn sind nun schon fünf Monate vergangen und ein oder der Zwischenbericht steht an. Ich weiss nicht so recht was ich einen Bericht zu schreiben habe, aber ich möchte dich nicht laenger warten lassen, hier also sind meine Erlebnisse und Erfahrungen die ich in fünf Monaten in der Nesin Stiftung gesammelt habe.

Am 15.09.06 bin ich und eine weitere EVS, mit der ich schon eine lange Zeit befreundet bin und froh bin, dass auch sie für das Projekt angenommen wurde, abends in der Nesin Stiftung bei Catalca/Istanbul angekommen. Wir wurden recht herzlich von einer Gruppe von Leuten die draussen im Garten sassen empfangen. Es waren zum Teil weitere Freiwillige, Schüler und Studenten der Stiftung und Arbeiter. Einige Kinder kamen sofort rausgestürzt als sie hörten, das neue Freiwillige da sind und sofort haben sie uns bei der Hand gepackt, um uns unsere Zimmer zu zeigen. In der Hinsicht hatte ich glücklicher Weise keine grossen Probleme. Die Kinder gehen völlig ungehemt auf 'Neuankömlige' zu, doch hat es eine lange Zeit gebraucht bis sie uns hier akzeptiert haben als Personen, die die Verantwortung für sie tragen.
Schon kurze Zeit nach meiner Ankunft musste ich schon auf die jüngsten der Stiftung aufpassen, denn die Betreuerin die für die Zwillinge verantwortlich ist, ist in Urlaub gegangen. Da ich noch völlig neu war und nicht so ganz wusste, was meine Aufgaben und Pflichten sind habe ich natürlich zugesagt. Im nachhinein sieht man dann erst, was das für eine Verantwortung mit sich bringt, denn waere den Zwillingen waehrend sie unter meiner Obhut waren irgendetwas zugestossen, waere ich dafür verantwortlich gewesen. Spaeter beim durchlesen des EVS Dokumentes sind wir dann auf folgendes gestossen: Der/ die Freiwillige sollte nicht für die taegliche individuelle Fürsorge von besonders hilfsbedürftigen Personen (Kleinkinder, Kinder, Kranke, aeltere Menschen mit Behinderungen usw.) alleine Verantwortlich sein (Rechte & Pflichten der EFD- Freiwilligen S. 6).

In der Nesin Stiftung ist es schwer einzuschaetzen, in wie weit man Freiwilligendienst-leistende ist oder ab wann man schon eine/n bezahlte/n Angestellte/n ersetzt. Ich empfinde eine grosse Achtung für den Gründer der Nesin Stiftung Aziz Nesin. Wer einwenig den historischen Hintergrund der Türkei kennt, wird ahnen können, welchen Herausforderungen sich Aziz Nesin stellen musste, um seine Utopie Wirklichkeit zu machen. Es ist eben zum einen die Achtung vor dem Gründer und zum anderen auch das Gefühl, dass ich bei einer grossen, sehr grossen Familie lebe mit einem sehr, sehr grossen Haus in dem es immer etwas zu tun und machen gibt. Mir zumindest ging es so, dass ich mich nützlich machen wollte, wo es nur ging, in der Betreuung der Kinder, Freizeitgestaltung und eben was so alles in einem Haushalt anfaellt, es hat dann auch keine Rolle mehr gespielt die 35 Stundenwoche zu überschreiten. Aber irgendwann habe ich dann feststellen müssen, dass mir das nicht wirklich etwas bringt, d.h. also ich kam mir schon vor wie eine Hausfrau und Mutter, aber das wollte und will ich nicht sein. Ich bin mit der Absicht hergekommen eine Freundin für die Kinder zu sein, aber ich bin in die Mutter- Rolle geraten. Ich möchte diese Rolle nicht annehmen, weil ich der Meinung bin, dass ich selbst noch ein 'Kind' bin, dass ich noch viel Erfahrung sammeln und lernen muss bevor ich Mutter sein kann. Ich investiere soviel Kraft, Zeit und Energie in die Betreuung der Kinder, dass für die Freizeitgesaltung und auch für mich persönlich nichts übrig bleibt.

Als Freiwilligendienstleistende habe ich natürlich vor Augen gehabt Verantwortung zu tragen, aber nicht in diesem Grad. Allmaehlich möchte ich mich zurückziehen, die 35 Stundenwoche einhalten und nur noch Freundin für die Kinder sein die sich auch um die Freizeitgestaltung kümmert, aber nun musste ich feststellen, dass die Leitung es bevorzugt, die Freiwilligen als Betreuerinnen einzusetzen.

Es ist schwer anderen begreiflich zu machen, dass wir ein wenig Zeit auch für uns brauchen, um wirklich effektiv zu sein in dem was wir tun. Was die Sache auch erheblich erschwert ist, dass wir mit den Kindern unter einem Dach leben und staendig mit ihnen zusammen sind. Ausser den zwei Tagen in der Woche die ich frei habe, bin ich immer in der Stiftung im engen Kontakt zu den Kindern es geht los mit morgens aufstehen und abends zu Bett bringen und dazwischen erleben wir die Probleme, die es eben zwischen Kind und Erwachsene geben kann.

Trotz der Überstunden, der Verantwortung die wir hier tragen und all der anderen Probleme die von Zeit zu Zeit nun mal auftreten erlebe ich auch schöne Momente hier wie z.B. wenn wir am Wochenende mit den Kindern gemeinsam einen Film gucken und eine/r von ihnen vor Müdigkeit den Kopf auf deinen Schoss fallen laesst oder wenn ich von meinem Wochenurlaub zurück komme und die Kinder einen mit einem warmen Laecheln und einer herzlichen Umarmung begrüssen, dass sind Momente für die es sich lohnt in der Nesin Stiftung zu sein.

Gülay

 

Schlussbericht Gülay

Rückblickend auf meinen EFD in der Türkei würde ich sagen, hat sich nicht unbedingt viel verändert an der Arbeit, die ich verrichten musste. Aber an meinen Empfindungen für die Arbeit, denn mit der Zeit habe ich mich immer mehr in der Nesin Stiftung eingelebt. Ich habe die Gewohnheiten der Kinder kennen gelernt und vor allem die gute Zusammenarbeit mit den anderen Freiwilligen und den betreuenden "Müttern" hat einiges dazu beigetragen. Überhaupt waren die Kids in den Sommerferien (in der Türkei dauern die Sommerferien 3 Monate) viel entspannter als zur Schulzeit. Wir hatten ein festes Programm, das damit anfing morgens um 8 Uhr in den Swimming- Pool zu springen, danach Frühstück, Lesestunde, Mittagessen, später Arbeiten die im Haushalt anfallen erledigen noch mal einen Happen essen und dann auf den Bauernhof. An Wochenenden sahen wir uns in der Regel einen Film an. Natürlich bereiteten wir Freiwilligen auch einige Spiele vor, wenn die Kids es wollten. Manchmal ergab es sich das wir in einer gemütlichen Runde einfach beisammen saßen und "cekirdek" (Sonnenblumenkerne) geknabbert haben und dabei gequatscht haben.
Wir waren in den Sommerferien mit den Kindern 2 Wochen im Urlaub und das war eine echt schöne Zeit sowohl für uns "Ablas und Abis" als auch für die Kids. Wir waren viel unterwegs, haben sehr viel gesehen und erlebt. In der Stiftung war es ja so, dass man mit den Kids unter einem Dach lebt, aber man hatte ja noch wenigstens ein eigenes Zimmer gehabt, aber im Urlaub hatten wir leider kein Zimmer mehr in das wir uns hätten zurück ziehen können, wenn es uns mal zu viel wurde: Naja, zumindest erschien uns das am Anfang, bevor wir den Urlaub angetreten hatten, große Sorge zu bereiten, aber wie gesagt, es war eine tolle Zeit und wir hatten eine reiche Unterhaltung.

Während meines EFD war ich sowohl mit den Kindern aus der Stiftung viel unterwegs als auch privat. Meinen Monatsurlaub habe ich in der Regel immer so angespart, dass ich weiter weg und für eine etwas längere Zeit mich wo anders aufhalten konnte.

Also trotz der Schwierigkeiten die ich zu Anfangs erlebt hatte (s. Zwischenbericht) die bis zum Schluss eigentlich auch angehalten haben, war es eine tolle Zeit in der Nesin Stiftung. Obwohl die Direktoren von uns Freiwilligen viel abverlangt haben, hatten wir einen guten Draht zueinander. Ich erwähnte ja im Zwischenbericht, das wir unsere 35 Stundenwoche nicht einhalten konnten, im nachhinein wenn ich darüber nachdenke, kann man das auch gar nicht einhalten, dafür ist das Zusammenleben viel zu eng. Es entsteht auch ein zu großes Verantwortungsbewusstsein als das man dann noch an die einzuhaltende Arbeitszeit denken kann. Ich habe versucht das beste aus allem zu machen und ich denke, das es mir im Großen und Ganzen auch gelungen ist, denn sonst hätte ich jetzt nicht so eine große Sehnsucht dort hin wieder zurück zu kehren.

Gülay