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Zwischenbericht Fabienne

Auch wenn ich Zeit wohl noch nie so intensiv wahrgenommen habe wie derzeit, so glaube ich doch, dass ich sagen kann, dass die letzten sechs Monate auf jeden Fall zu denjenigen meines Lebens zählen, die am schnellsten vergangen sind.
Ende September bin ich in meinem Projekt angekommen und habe dann zuerst einmal bis November den Sommer nachgeholt - vom deutschen hatte ich 2006 wegen viel Arbeit nur wenig mitbekommen.
Nach spätestens zwei Wochen war ich gut eingearbeitet, da wir hier mit vielen Freiwilligen zusammenarbeiten und uns gegenseitig weiterhelfen. Wir sind ungefähr zu fünfzehnt und wohnen und arbeiten zusammen. Eine offene Gruppe, in der jedeR herzlich willkommen ist, es gibt ein ständiges Kommen und Gehen. Was uns alle verbindet, sind die Kinder, für die wir hier sind und welche die meiste Zeit unserer Wochentage einnehmen.

Okay, um was geht es dabei genau?
PIKPA ist eine staatliche Institution, in welcher um die 100 behinderte Kinder und Jugendliche (im Alter von 1 bis 30 Jahren) leben. Sie haben leichte bis starke körperliche und/oder geistige Behinderungen. Die meisten werden von ihren Eltern hier abgegeben und haben kaum oder gar keinen Kontakt zu ihrer Familie, sodass PIKPA im Prinzip ein Waisenhaus für ungewollte Kinder ist. Es gibt Krankenschwestern, die sich um die Kinder kümmern - damit ich meine ich Waschen, Füttern und die Medizin. Dass die Kinder auch andere Bedürfnisse haben (seien diese sozial, mental oder ihre Bildung betreffend) wird hier kaum beachtet. Die Institution hat finanzielle Probleme und so wird sie nur sehr langsam moderner. Die meisten Kinder bekommen sehr wenig Stimulation bzw. Therapie, das Personal ist größtenteils unmotiviert, auch weil es einfach zu wenig ArbeiterInnen gibt. Wir Freiwillige können den Kindern durch unsere Aufmerksamkeit ein wenig Farbe ins Leben bringen und versuchen, ihnen auch das Leben außerhalb der Institution näher zu bringen bzw. der recht konservativen griechischen Gesellschaft "unsere" Kinder.
Es ist recht schwer, die Situation hier zu beschreiben, aber sie ist recht erbärmlich. Die meisten Kinder leben in kahlen Gitterbetten, würden wir ihre Zähne nicht putzen, würde es niemand tun. Es gibt eine Sondererzieherin - für 100 Kinder! Die TherapeutInnen arbeiten nur bedingt, die Kinder sind die meiste Zeit über sich selbst überlassen. Das führt dazu, dass sie nicht einmal wissen, wie man spielt und wirklich überhaupt nichts mit sich geschweige denn anderen anfangen zu wissen. Das führt dann natürlich dazu, dass Verhaltensstörungen auftreten, manchmal fühle ich mich hier wie im Zoo, und zwar wie in einem verdammt schlechten. Hier wird an Gittern genagt und gerüttelt, geweint und geschrien, den Kindern gerne Rauch ins Gesicht geblasen, es mangelt an vielem.
Ich habe das Gefühl, dass die Kinder hier von vielen nicht als Menschen angesehen werden, sondern als am Leben zu erhaltende Objekte. Das ist ganz schön traurig.Und obwohl wir soviel Zeit und Energie in die Kinder investieren, sind wir nicht wirklich gern gesehen - warum auch immer. Aus diesem Chaos versuchen wir also das beste zu machen.

Morgens helfen wir in den vier Häusern, in denen die Kinder hier untergebracht sind. Ich helfe beim Duschen, putze die Zähne der Kinder, wechsle Windeln und füttere auch schon mal, bringe die Kinder zu Therapie und/oder Schule (beides innerhalb der Institution gelegen). Wenn das Wetter gut ist, gehen wir oft mit den schwer behinderten Kindern spazieren, ansonsten gibt es ja auch andere Möglichkeiten (Musik, Massage, einfache Spiele etc.) um sich mit ihnen zu beschäftigen. In unserem Bereich haben wir einen großen Raum, in welchem wir mit den Kindern arbeiten können. Zweimal in der Woche begleiten wir Kinder, die Schwimmunterricht bekommen, zum Schwimmbad. Im Sommer werden wir stattdessen mit den Kindern im Meer schwimmen gehen, dann mit allen. Es gibt hier nämlich einen behindertengerechten Strand, der - wie so vieles in Athen - für die Olympischen Spiele 2004 ausgebaut wurde. Ich freu mich schon darauf!
Und dann gehen wir natürlich auch mit den Jugendlichen raus aus der Institution, sei es für eine Parade zu einem Nationalfeiertag, einen besonders schönen Spielplatz, um in den Supermarkt oder ein Museum zu gehen, einfach auf eine Tasse Kaffee, ein Picknick...

Einmal in der Woche verbringe ich Zeit mit den Babies - der für mich traurigste Ort hier. Man kann richtig sehen, wie dort Chancen vergeben werden, darf seine Fantasie nicht zuviel spielen lassen, ja nicht mit dem vergleichen, das man in anderen Ländern gesehen hat. Als ob es den Kindern helfen würde, wenn man sie bis zu ihrem fünften Lebensjahr sozusagen sich selbst überlässt...
Dann gibt es noch unseren Garten, der langsam aber sicher grün wird, wir kochen oft mit den Kindern, spielen Basketball, malen, einmal in der Woche helfe ich einer anderen Freiwilligen, die hier gerade ihr FutureCapital einrichtet. Wenn ich die Zeit finde, was leider nicht immer der Fall ist, gebe ich ein wenig Englischunterricht und helfe einer Gruppe Mädels dabei, das Alphabeth und damit das Lesen zu erlernen. Es gibt hier so unglaublich viele kleine Projekte, man muss nur die Augen ein wenig offen halten.
Kurz gesagt versuchen wir einfach, dass die Kinder ihre Zeit sowohl schön als auch konstruktiv verbringen. Und auch wenn 12-15 Freiwillige bei 100 Kindern noch lange nicht jedem Kind eine eigene Bezugsperson bieten können, so haben wir doch eine sehr enge Beziehung zu den Kindern, was unsere Arbeit auch sehr intensiv macht.

Ich arbeite mindestens sieben Stunden am Tag (zusätzliche natürlich freiwillig!), am Wochenende haben wir frei. Das schönste am Arbeiten hier ist, dass wir uns wirklich selbst organisieren. Hier ist niemand, der uns sagt, was wir zu tun haben oder uns kontrolliert, sondern wir entscheiden zusammen, wie wir arbeiten und was wir tun wollen. Dazu gibt es ein wöchentliches Meeting, das Teil unserer Arbeit ist und an welchem alle teilnehmen. Klar gibt es Dinge, die getan werden müssen (wie das schon erwähnte Arbeiten am Morgen), aber ansonsten sind wir diejenigen, die entscheiden. In unseren Meetings diskutieren wir über alle Themen, die unsere Arbeit, unser Zusammenleben oder auch Freizeit/Wochenendaktivitäten betreffen und jedeR trägt seine Ideen und Meinungen bei, wichtige Entscheidungen werden im Konsens getroffen. Wir sind selbst verantwortlich für das, was wir tun und es gibt dennoch immer jemanden, den ich fragen kann - seien es unsere Koordinatorinnen oder die anderen Freiwilligen. Obwohl ich ja mittlerweile schon so lange hier bin, dass die neuen Freiwilligen eher mich fragen. Mir tut diese Art des Arbeitens sehr gut.

Und auch, dass wir alle zusammen leben, kochen und essen ist eine große Bereicherung. Die Menschen hier sind sehr verschieden, es gibt/gab sowohl körperlich als auch geistig behinderte Freiwillige, ich lerne Menschen anders kennen und mit ihnen auch viele Meinungen. Klar kann es manchmal nervig sein, die ganze Zeit über so viele Menschen um sich zu haben, aber da es jedem/r mal so geht, respektieren wir die Privatsphäre eines/r jeden Einzelnen sehr. Wir haben unseren eigenen Bereich innerhalb der Institution, mit Räumen für die Freiwilligen (pro Raum 2-3 Leute) und einem sehr großen Wohn- und Esszimmer. Die Institution ist wunderschön gelegen, direkt am Meer (mit eigenem Strand), ein riesengroßes, sehr grünes Gelände, aus dem man sehr viel machen KÖNNTE. Ich habe schon mit Menschen aus vielen Ländern Europas zusammengelebt und mein Englisch sowie mein Französisch sind viel lebendiger geworden. Mittlerweile sprechen wir auch viel Griechisch miteinander, mir macht es Spaß, die Sprache zu lernen und ich bekomme tollen Unterricht, gleichzeitig vereinfacht die Sprache die Kommunikation mit den sprechenden Kindern um ein Vielfaches. Ich habe hier FreundInnen gefunden, nicht nur im Projekt, sondern auch außerhalb und fühle mich einfach wohl.

Griechenland ist allerdings gewöhnungsbedürftig. Toilettenpapier darf nicht ins Klobecken geworfen werden, wir haben kein Wasser in der Küche, und das griechische "ziga ziga" (immer mit der Ruhe) kann, wenn es um Wichtiges geht, auch ganz schön anstrengend sein. Es gibt hier keinerlei Recycling-System, alte Schiffe verrotten im Meer, Tierhandlungen sind einfach lebensverachtend, das öffentliche Wesen hoffnungslos unorganisiert. Die Menschen gehen viel spazieren, Männer mit ihrem Komboloi (ein Spielzeug, einem Rosenkranz ähnlich, aber ohne religiöse Bedeutung), oder fahren noch lieber Auto (und das nicht gerade vernünftig), die Städte sind nicht wirklich schön, die Kirche macht alles gut und zählt für meinen Geschmack zu viel. Dann gibt es die unbeschreibliche Landschaft, Meer und Berge, Sonne und Schnee (zugegebenermaßen war ich dafür sehr weit oben in den Bergen), Olivenbäume und -brot, Stille, menschenleere Gebiete, antike Bauwerke, Ziegenherden auf der Autobahn, Orangen- und Zitronenhaine, Kioske an jeder Straßenecke, sehr ursprüngliche Dörfchen, Tavernen sind zumeist urgemütlich, man begegnet der Mythologie überall, es gibt viele Orte, an denen ich einfach gerne drei Wochen mit guten Büchern verbringen würde. Ich habe wirklich sehr gemischte Gefühle, was dieses Land angeht. Vielleicht muss man den GriechInnen auch einfach noch ein wenig mehr Zeit lassen (sie lassen sie sich sowieso...). Mein Bild von Europa hat sich auf jeden Fall gewandelt, relativiert.

In Athen kenne ich mich mittlerweile gut aus, ist ja auch nur eine Stadt, die mittlerweile auch nur noch recht wenige Überraschungen bietet. Ich bin froh, nicht im Zentrum, sondern 45min außerhalb zu wohnen, denn die Stadt ist laut und voller extrem vieler Autos. Athen ist nicht sehr beeindruckend, aber ich kann hier gut leben, mag den Flohmarkt und die kleinen Straßen, die vielen verschiedenen Stadtteile. Allerdings zieht es mich bei weitem nicht jedes Wochenende ins Zentrum. Ich habe Kontakt zu MediterreanSOS (eine NGO, die sich insbesondere mit den Problemen der mediterranen Länder beschäftigt) und dem Athener FairTradeShop und bin also viel mit aktiven Menschen zusammen. Das gibt Hoffnung, die man echt nötig hat, wenn man selbst irgendwo im Nirgendwo auf einer Bergwanderung immer wieder auf wilde Müllkippen trifft.
Ich habe eine zweiwöchige Rundreise auf dem Festland unternommen und ansonsten sind wir meistens am Wochenende unterwegs, bei anderen Freiwilligen oder auch mal einfach so. Die meisten Regionen habe ich wohl schon gesehen, Thessaloniki und der Nordosten stehen noch an, im Sommer die Inseln.

Und was kann ich bis jetzt von hier mitnehmen?

Das Leben ist hier sehr einfach, und man geht auf eine wunderbare Art und Weise miteinander um. Die Kinder können auch mal nerven, aber sie sind toll. Ich will später weiterhin nicht mit Kindern arbeiten, möchte diese Erfahrungen, die ich hier im direkten Kontakt mit Menschen mache, aber auf keinen Fall missen und möchte auch später - in welcher Form auch immer - in diesem Feld aktiv sein. Ich habe noch nie so sehr gespürt, dass ich gebraucht werde. Als ich hierher kam, wollte ich am liebsten alles ändern, schöner gestalten.
Und dann realisierte ich, dass das eben hier nicht geht. Und, dass ich mich zwar nie an die Zustände hier gewöhnen aber hieraus das beste machen kann, auch wenn das nicht immer leicht ist. Und so geht es hier eben langsam, Schritt für Schritt, Lächeln um Lächeln, voran.

Jeden Morgen, wenn ich das Fenster öffne und aufs Meer blicke, fühle ich mich einfach gut. Auch nach sechs Monaten bietet noch jeder Tag so viel Neues..
Ich bin froh, hier gelandet zu sein und zu erfahren, wie man auf einfache Art und Weise so direkt helfen kann.

Fabienne

 

Schlussbericht Fabienne

Solang' die Sonne scheint, ist alles gut!?

Ja, die Sonne spielte eine wahrhaft große Rolle - mein ganzes griechisches Jahr hindurch. Ohne ihre Strahlkraft hätten wir wohl kaum im Dezember im Meer schwimmen und im Sommer zahlreiche Nächte an Inselstränden verbringen können. Meine Hautfarbe wäre aller Wahrscheinlichkeit nach beim Nach-Hause-Kommen auch um einiges weniger bewundert worden - Bräune, und ich konnte sie sogar noch auf freiwilliges Engagement zurückführen.
Ich denke, dass ich mein Arbeitsumfeld in meinem Zwischenbericht schon angemessen dargestellt habe, weswegen ich nun nur noch auf Änderungen, Ergänzungen und Besonderheiten im zweiten Abschnitt meines Jahres in Griechenland eingehen möchte um am Schluss dann natürlich nochmal das Jahr als Ganzes zu betrachten. Letzteres ist mir, obwohl ich nun schon fast zwei Monate wieder zurück bin, immer noch nicht vollständig gelungen. Seltsamerweise verblassen die Bilder und Eindrücke unglaublich schnell um mich dann aber unerwartet wieder auf intensivste Art und Weise einzuholen. Griechenland ist mir auf jeden Fall noch sehr präsent und dennoch fällt es mir schwerer, diesen Bericht zu schreiben als den Zwischenbericht. Es war leichter, aus der Situation heraus zu berichten, als das Jahr als Ganzes nun einschätzen können und irgendwie auch ein bisschen abschließen zu wollen.

Ja, im Laufe des Frühjahrs und Sommers ist doch noch so einiges passiert. Unser Garten ist grün geworden und irgendwann gab es dann auch erste Wassermelönchen sowie andere Leckereien. Im Frühjahr war es auf dem Markt besonders schön. Wir konnten wegen der angenehmen Temperaturen immer Kinder mitnehmen und die wechselnden Obst- und Gemüsesorten nicht nur bewundern, sondern auch auf Griechisch lernen - genauso wie die Kunst des Verhandelns. Im Sommer war es so heiß, dass wir den Markt so früh aufsuchen mussten, dass es nicht möglich war, Kinder mitzunehmen. Überhaupt waren wir im Frühling viel mit den Kindern draußen. Spiele jeglicher Art und auch die Spaziergänge mit den schwerer behinderten Kindern wurden nach dem teilweise zu kalten Winter-Wetter wieder konstant möglich. Gleichzeitig haben wir weiterhin mit einer ehemaligen EVSlerin in ihrem future-capital Projekt gearbeitet. Dies ist wohl der Bereich, in dem ich persönlich am meisten gelernt habe. Wir haben individuell für die Kinder ausgearbeitet, was wir mit ihnen machen möchten und das geschafft, was in meinem Projekt oft am schwersten umzusetzen war: nämlich Regelmäßigkeit in das Ganze hineinzubringen. Schön war auch, dass in diesem Projekt auch immer mehr griechische Freiwillige mitgearbeitet haben.
Im April war ich zusammen mit einer anderen Freiwilligen auf einem Seminar in Prag. Es hat Spaß gemacht, auf einer abstrakteren Ebene für den EFD zu diskutieren, und das mit Menschen aus verschiedensten Ländern. Noch dazu kommt, dass ich Prag von einer ganz anderen Seite kennenlernen durfte, weil EFDlerInnen uns die Stadt wie sie sie sahen gezeigt haben.
Was sowohl den Kindern als auch uns ganz besonders viel Spaß gemacht hat, war das gemeinsame Schwimmen im Meer. Es hat uns unzählige heißeste Sommertage erträglicher erscheinen lassen, morgens sowie abends. Leider dürfen nicht alle Kinder schwimmen gehen und von manchen konnten wir auch nicht erfahren warum, aber dennoch sind der institutionseigene Strand sowie eben das Meer der wohl beliebteste Aufenthaltsort im Sommer, auch für uns Freiwillige. Mit griechischer Pop-Musik und Café frappé konnte man sich so richtig auf "kalokairines thiakopes" (Sommerferien) einstimmen oder kam besser gesagt kaum dort herum. Genauso die Siesta: der Sommerarbeitsplan war um sie herum gebaut. Mittags zu arbeiten ging auch gar nicht, weil die Kinder ja auch Siesta halten mussten… Der wohl größte Event des Jahres war das zweiwöchige Sommercamp. Die Kinder fiebern - wirklich! - das ganze Jahr über auf diese Wochen hin, in welchen jedem einE individuelleR BetreuerIn zugewiesen wird und sie eine Zeit lang ein Leben führen können, welches wir als "normal" für ein Kinderleben bezeichnen würden. Unsere Aufgabe dabei war, die Aktivitäten zu organisieren. Dabei habe ich gemerkt, wie gut ich die Kinder doch schon kennengelernt hatte. Es war zwar nicht immer leicht, Aktivitäten aufzustellen, die für jedes Kind (und den/die BetreuerIn) spannend waren und zwei Wochen ohne Unterbrechung zu arbeiten war auch eine Herausforderung. Diese zwei Wochen zählten dennoch zu den schönsten meines Freiwilligendienstes - hier durften die Kinder einfach Kinder sein und es hat so gut getan, sie ohne den Hintergedanken an die schlechten Verhältnisse in der Institution zu sehen. Die Heimreise war dafür umso schlimmer - für die Kinder, und dann auch für uns. Wir hatten nach dem Camp eine Woche frei, die ich auch außerhalb der Institution verbracht habe - manchmal braucht man einfach Abstand. Im Sommer waren wir sowieso viel unterwegs - vor allem auf den Inseln.
Da meine Gruppe Freiwillige im Zeitraum von August bis Oktober abgereist ist, haben wir im Sommer eine große Evaluation gemacht und Verbesserungsvorschläge sowie Forderungen an KAAPV (das Heim) ausgearbeitet. Diese war äußerst produktiv und zielgerichtet, man hat mal wieder gemerkt, wie ernst wir diese Sache hier in all unserer Lockerheit im Alltag nehmen. Ich glaube, dass es viel gebracht hat, wirklich mal Zeit einzuplanen, in welcher unsere Arbeitsweisen analysiert wurden. Wir haben klare Grenzen gesetzt, was zukünftigen Freiwilligen den Start in das Projekt hoffentlich erleichtern wird. Inwiefern sich die Zusammenarbeit mit dem Heim selbst verbessern wird, hängt von zu vielen Faktoren ab, als dass ich mir anmaßen könnte, von hier aus eine Aussage darüber zu machen. Ich stehe dem Ganzen jedoch durchaus positiv gegenüber, personelle Entscheidungen haben Vorteile für "unsere" Position gebracht. Es bleibt zu hoffen, dass der Umgang mit den Kindern sich auf Menschlichkeit zu bewegt.
Meine Arbeit selbst hat sich in den letzten Monaten definitiv intensiviert. Je länger man mit den Kindern zusammenarbeitet, desto besser kennt man sie natürlich und kann dementsprechend auch besser auf sie eingehen. Ich habe mich mit voranschreitender Zeit immer weniger an Gruppenaktivitäten beteiligt, sondern stark mit einzelnen Kindern gearbeitet, vor allem eben denen aus dem Haus, in dem ich gearbeitet habe. Ich habe versucht (was natürlich so nicht klappen konnte), jedem Kind in der Woche die gleiche Portion Aufmerksamkeit anzubieten. Diese Art des Arbeitens hat unglaublich viel Spaß gemacht und die Beziehung zwischen "meinen" Kindern und mir nochmal intensiviert - was allerdings nicht nur positive Folgen hatte. Mir fiel der Abschied unglaublich schwer, an meinem letzten Abend war ich so lange wie möglich bei den Kindern, Wegzugehen und Loszulassen erschien in diesem Moment so unrealistisch. Aber es ging ja doch kein Weg daran vorbei und nach einer durchlebten Nacht hab ich mich auf dem Seeweg nach Italien auf die lange Heimreise gemacht. Abschied nehmen dauert, aber wenn man sich die nötige Zeit zuspricht, kann es sogar schön sein.

Ich habe den letzten Sonnenuntergang über dem griechischen Meer in Gedanken an all die anderen, die ich an so vielen verschiedenen Orten im wunderbaren Griechenland gesehen habe, sehr genossen. Ich kann noch nicht wirklich einschätzen, was dieses Jahr an mir verändert hat. Ich schätze, ich habe einfach viel an Menschenkenntnis gewonnen, bin aber auch auf jeden Fall selbständiger sowie direkter und fordernder geworden. Ich habe das Meer lieben und vermissen gelernt. Meine griechischen Sprachkenntnisse haben sich auf einem Niveau eingependelt, mit welchem ich persönlich sehr zufrieden bin. Meine Zukunftspläne haben sich geändert. Ich habe gesehen, wie unterschiedlich Europa doch noch ist, und wie wenig darauf eingegangen wird. Ich habe gelernt, mit Problemen zu Hause umzugehen, ohne selbst dort sein zu können. Ich habe gelernt, dass Freundschaften Distanz nicht unbedingt schadet.
Griechenland stehe ich noch immer mit gemischten Gefühlen gegenüber. Ich liebe die Landschaft, die Mentalität der Menschen, die Einfachheit des dortigen Lebens. Aber Müllentsorgung, die Zustände in "meinem" Heim und anderen, die Verfügbarkeit von Bio- und FairTrade-Lebensmitteln, was da so ins Meer fließt und anderes haben mich immer wieder schockiert.

Und um zum Schluss nochmal auf die Sonne zurückzukommen: Sie konnte auch unerträglich werden und unsere Arbeit um einiges erschweren. Es war so zum Beispiel auf einmal nicht mehr möglich, mit den Kindern draußen zu sein, wir konnten nicht mehr mit ihnen auf den Markt gehen, weil es schon um 09.30h zu heiß war, Aufenthalte in der Athener Innenstadt waren ausgeschlossen. Was den Garten anging stellte sich die berechtigte Frage, ob die zum Gießen benötigte Wassermenge mit den kleinen Erzeugnissen der Umwelt gegenüber zu verantworten war. Genauso wenig zu verantworten, ist meiner Meinung nach die Politik zu den Waldbränden, die von der griechischen Regierung geführt wird. Noch immer werden abgebrannte Gebiete günstiger im Kaufpreis, was natürlich zum Brandstiften anregt. Das Ausmaß dieser Brände ist unvorstellbar groß, wenn man nicht selbst einen Bezug zu dem hat, was zerstört wird. So ging es mir zumindest sonst, wenn ich Bilder von Waldbränden im Fernsehen gesehen habe. Nun wusste ich, wo was zerstört wurde und muss sagen, dass es wirklich unglaublich ist. Ich hoffe, dass die griechische Politik - auch wenn das derzeit nicht abzusehen ist - sich ändern wird und ein verantwortungsvoller Umgang mit Waldgebieten dazu führt, dass die griechische Sonne ohne die sie verdeckenden Rauchwolken genossen werden kann.

Ich hoffe, dass ich euch einen kleinen Überblick in mein Projekt verschaffen konnte… wenn ihr weitere Fragen habt, könnt ihr euch auf jeden Fall gerne bei mir melden - ich denke, dass man sich gut überlegen sollte, in dieses Projekt zu gehen - wenn man es aber wirklich will und es gleichzeitig, trotz der großen Motivation, schafft, sich selbst Grenzen zu setzen, ist es eine sehr wertvolle Erfahrung.

Ich jedenfalls bin mir sicher, dass ich an diesen Ort zurückkehren werde.

Fabienne