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Schlussbericht Sarah

Wohnung:
Im September habe ich meinen EFD in Kaunas begonnen. Zunächst war ich geschockt von der Wohnung. Sehr alt und sehr dreckig... Nach zwei Tagen Dauerputzen, in denen mein Mitbewohner und ich nicht allen Dreck entfernen konnten, da er eben schon von den ersten Freiwilligen in dieser Wohnung resultierte und somit 12 Jahre alt sein muss, gestaltete sich die Wohnung aber schon wohnlicher und wir arrangierten uns mit den Umständen und dem sehr niedrigen Standard. Durch hinzukaufen einiger "Luxusartikel" wie Wasserkocher, Lasagneformen und Sandwichtoaster habe ich meine Wohnung am Ende doch recht lieb gewonnen, wenngleich eine funktionierende Heizung und warm Wasser nicht nur am Abend bei manchmal -20 Grad ganz nett gewesen wären.

Stadt / andere Freiwillige/ Leben / Sprache:
Kaunas ist die 2.größte Stadt Litauens und auch nur eine gute Stunde von Vilnius entfernt. Es war super, dass extrem viele Freiwillige und Erasmus - Studenten in Kaunas sind. Wir waren wie eine große Familie und jeden Abend war irgendwo eine Party oder man traf sich zum Kochen und / oder weggehen. Auch zu den Freiwilligen in Vilnius und zu jenen aus kleineren Städten hatte ich sehr guten Kontakt, so dass ich oftmals an den Wochenenden zu Besuch in anderen Städten war. Ich habe sofort Anschluss gefunden und in dieser kurzen Zeit eine Menge nette und interessante Leute kennengerlernt von denen ich viele mit Sicherheit auch in der Zukunft noch wiedersehen werde.
Das Leben an sich war wirklich sehr locker, wenngleich anfangs auf Grund der Unterschiede (Geschäfte haben auch sonntags und viele bis 22Uhr abends geöffnet, aber eben auch warmes Wasser und funktionierende Heizungen sind, genauso wie Fernseher und Internet, eine Ausnahme und in vielen Bussen entspricht die Innentemperatur der Außentemperatur; die Hygenie und der Standard in den öffentlich Krankenhäusern ist unvorstellbar schlecht) und ich hatte alle Freiheiten. Meine Urlaubstage wurden nicht strikt gezählt und ich habe so viel Urlaub bekommen wie ich für das Rumreisen benötigt habe. Überhaupt habe ich in dieser Zeit sehr viel vom Baltikum gesehen und kann eine Reise dorthin nur empfehlen. Die Menschen sind sehr hilfreich und aufgeschlossen, besonders uns Deutschen gegenüber. Für viele ist es unverständlich, dass jemand aus so einem reichen Land wie Deutschland in so ein armes Land wie Litauen kommt. Leider habe ich während dieser Zeit auch negative Erfahrungen machen müssen: Zwei Mal wurden wir im Bus auf Grund der Tatsache, dass wir Englisch sprechen, von Jugendlichen attackiert und mein Mitbewohner wurde überfallen und brutal zusammengeschlagen.
Durch die vielen verschiedenen Nationen (die Mehrzahl bildeten allerdings Franzosen und Deutsche), haben sich mein Englisch und mein Französisch verbessert, meine litauischen Sprachkenntnisse lassen allerdings sehr zu wünschen übrig. Einerseits ist die Sprache sehr schwierig (sieben Fälle und ganz viele Endungen; ähnlich wie Latein) und mein Sprachkurs, den unser Koordinator gemacht hat, hätte effektiver sein können. Wir hatten schließlich noch nicht ein Mal Unterrichtsmaterialen wie ein Buch oder Übungsblätter. Andererseits habe ich sie nicht wirklich benötigt. Mit dem geringen Wortschatz, über den ich verfüge, kam ich im Alltag zurecht (ich kann oberflächliche Unterhaltungen z.B. über das Wetter führen, erklären wo ich herkomme, dass ich Geschwister habe, was meine Eltern beruflich machen,...), mehr aber auch nicht. In Kaunas ist man allerdings gezwungen, im öffentlichen Leben litauisch zu sprechen, da wahrlich nicht viele Einheimische Englisch können.

DEINETA:
Mit meiner Koordinationsorganisation DEINETA war ich zufrieden. Leonas und besonders Nerjus haben sich immer unsere Bedürfnisse gekümmert (Reparatur der Dusche, Fahrt zum Krankenhaus) und das DEINETA - Büro, insbesondere der prall gefüllte Kühlschrank und die Küche, standen uns Freiwilligen immer offen. Des Weiteren wurden kleine Deineta - Parties mit unseren Mentoren organisiert und uns Insider - Freizeit - Tipps ans Herz gelegt.
Das einzige, was mich etwas gestört hat, war das lästige Sammeln der Saskaita Faktura, aber dafür kann ja DEINETA nichts. Zur Erklärung: Saskaita Faktura ist ein ausführlicher Kassenzettel, den alle Freiwilligen in Litauen abgeben müssen, um zu beweisen, dass sie ihr Essensgeld auch tatsächlich für Essen ausgeben haben. Da die meisten Supermärkte und Restaurants diese Faktura aber nicht sofort ausstellen, muss man meistens in den darauffolgenden Tagen noch mal extra hingehen und den Wisch abholen...

Projekt:
Durch meine Projektarbeit habe ich gelernt, dass Papier wirklich geduldig ist und man keinesfalls glauben sollte, dass immer die Realität in der Projektbeschreibung steht. Ich hatte wirklich keine großen Erwartungen an mein Projekt, aber selbst diese wurden noch um Meilen unterboten.
Ich startete zunächst mit meiner Arbeit in einem Pensionat für körperlich und psychisch behinderte Kinder und Jugendliche. Laut Projektbeschreibung hätte ich als eine Art Assistenzlehrer in der Schule arbeiten und dort im Unterricht, hauptsächlich im Sportunterricht, helfen sollen.
Die Realität war aber eine ganz andere:
Die ersten drei Wochen habe ich mit dem Basteln von Herbstdekoration verbracht. Ich arbeitete nicht in der Schule, sondern sollte Pflegetätigkeiten bei den schwerstbehinderten und bettlägerigen jungen Erwachsenen ausführen, wogegen ich mich geweigert habe, da ich nicht die entsprechende Ausbildung habe und es mir zudem auch nicht ganz ungefährlich erschien, ohne irgendwelche Vorkenntnisse u.a. mit Epileptikern arbeiten zu müssen. Deshalb war meine Alternative das Basteln der Deko. Nach 3 Wochen und einem Gespräch mit meiner Koordinationsorganisation DEINETA und der Pensionatsleitung kam ich dann endlich in eine Schulklasse, was der Projektbeschreibung ja schon mal ein bisschen ähnelte. Mein neuer Supervisor, ein Sonderschulpädagoge, konnte sogar Deutsch, so dass ich selbst im Projekt nicht mehr so auf litauisch angewiesen war.
Doch Sonderschule ist nicht gleich Sonderschule. Mein neuer Arbeitstag begann um 8Uhr und ich half den Jugendlichen der Klasse, die zwischen 18 und 24 Jahren sind, beim Vorbereiten des Frühstückes. Von 9.30 - 13Uhr fand dann Unterricht statt, wenn man das überhaupt Unterricht nennen kann. Zumindest ist eine Sonderschule in Litauen nicht mit einer deutschen Sonderschule zu vergleichen. Hatten Schüler keine Lust am Unterricht teilzunehmen und zogen es stattdessen vor, lieber Musik zu hören, NAZI - Killer - Spiele am PC zu spielen oder schlafen zu gehen, wurde dies vom Lehrer toleriert und ich habe Ärger bekommen, als ich Schüler zum Unterrichtsbeginn geweckt habe. Fand dann mal Unterricht statt (es waren nie mehr als 5 von eigentlich 13 Schülern anwesend) bestand meine Aufgabe darin, mich besonders um den am höchsten entwickelten Schüler zu kümmern. Wir haben dann einfache mathematische Aufgaben gelöst und er musste Texte abschreiben, die ich dann korrigieren durfte oder Geschichten vorlesen. Der Sportunterricht war die größte Enttäuschung. Die Schule verfügt über ein außerordentlich gutes Equipment an Sportgeräten, welche von einer deutschen Partnerschule gesponsert wurde, aber niemand setzt diese Geräte ein und meine Impulse, dies zu tun, wurden vom Sportlehrer zerschlagen. Im Sportunterricht wurden den Schülern lediglich Basketbälle gegeben, mit denen sie dann, falls sie Lust hatten, denn wenn nicht, konnten sie ja gehen oder einfach nur am Rand sitzen, auf die Körbe werfen konnten. Ich habe in dieser Zeit Einzelunterricht von dem Sportlehrer in der litauischen Volkssportart Basketball bekommen...
Für mich besonders schlimm war in dieser Schule die Arbeitseinstellung der Lehrer (kollektives Nichtstun und das Trinken von Alkohol in den Pausen) sowie die Strafen. Einige Male wurde ich von Schülern attackiert, ohne das Jemand eingeschritten ist und auf die Frage, was ich denn dagegen tun könnte, entgegneten mir die Lehrer, ich sollte die "Kinder" doch schlagen. Hinzu kommt, dass einige Schüler aus meiner Sicht grundlos in die Psychiatrie "abgeschoben" wurden, z.B. weil sie nachts wegen Heimweh geweint haben.
Absolut negativer Höhepunkt meiner Arbeit in dieser Schule war, dass sich ein Junge meiner Klasse die Pulsadern aufgeschnitten hat, was mich letzten Endes aber auch nicht weiter verwundert hat, denn wenn psychisch angeknackste Kinder Killerspiele am PC spielen, musste es ja zwangsläufig zu so etwas kommen.

Ab September hatte die Leidenszeit im Projekt aber ein Ende und ich durfte das Projekt wechseln. Mein neues Projekt war wirklich total super! Ich habe in einem Altenheim gearbeitet und war eine Art Entertainer für die alten Leute. Wir haben zusammen BINGO gespielt, Fernsehen geschaut oder gebastelt. Außerdem habe ich sie zum Arzt und / oder ins Krankenhaus begleitet und Einkäufe erledigt. Manchmal musste ich auch Büro - Arbeit erledigen. Besonders gut gefallen haben mir die "Special - Events" wie viele Konzerte von Schulklassen zu Weihnachten oder die Karnevalsfeier.
In diesem Projekt fühlte ich mich sinnvoll und gut aufgehoben. Jeden Morgen, wenn ich um 10Uhr anfing zu arbeiten, bekam ich von meiner Supervisorin gesagt, was ich heute alles erledigen musste und wenn ich fertig war, konnte ich gehen.
Die alten Menschen sind einfach sehr dankbar, erzählen sehr viele interessante Dinge aus ihrem Leben (viele können Deutsch oder Französisch) und ich bekam immer ganz viel Schnuckzeug. Es gibt sie also doch noch, sinnvolle Projekte in Litauen, wenngleich meine beiden Projekte eine Ausnahme darstellen.
Mein erstes Projekt war wirklich sehr, sehr schlecht und wird jetzt wahrscheinlich auch von der Nationalagentur geschlossen und mein zweites ist auch eher eine sehr positive Ausnahme, denn die meisten Freiwilligen in Kaunas kommen sich nutzlos vor und klagen über konstante Langeweile.

Fazit:
Im Großen und Ganzen kann ich den EFD nur empfehlen und bedauere es sehr, dass ich nach 6 Monaten krankheitsbedingt nach Hause fahren musste. Es war eine sehr schöne Zeit mit vielen Erfahrungen, sowohl negativen (aber auch aus negativen Erfahrungen kann man eine Menge lernen), aber im Überwiegenden natürlich positiven Erfahrungen, die ich nicht missen möchte und danke dem IFAP, dass es mir ermöglicht wurde, eine so schöne Zeit in Kaunas zu haben.

Sarah