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Zwischenbericht Margarethe

B-R-U-X-E-L-L-E-S? Halbzeit.
Was, schon? Tatsaechlich. Die letzten 5 Monate sind wirklich wie im Fluge vergangen. -Okey, das erste Monat war nicht ganz so einfach, aber aller Anfang ist schwer. Sobald man sich aber erst mal etwas eingelebt hat, anfaengt die Sprache zu verstehen und ein paar Leute kennengelernt hat, ist alles nur halb noch halb so wild.

Kein Wunder, Bruxelles ist auch wirklich eine tolle Stadt, die kulturell einiges zu bieten hat. Ausserdem ist sie sehr multikulturell, da sie einen sehr hohen Auslaenderanteil hat. Marokkaner, Tunesier, Kurden, Tuerken, Englaender, Spanier, natuerlich auch Deutsche, und und und... Ausserdem ist prinzipiell alles mindesten zweisprachig (franzoesisch und flaemisch) geschrieben. Es gibt viele interessante Museen, Konzerte, alle Kinofilme auch in Orginalversion und vieles mehr. Zum Glueck habe ich durch das Ankunftsseminar sehr schnell andere Freiwillige kennengelernt -von denen inzwischen einige wirkliche Freunde fuer mich geworden sind- mit denen ich auch Bxls kulturelles Angebot auskosten kann. Einziger Nachteil ist, dass das Nachtleben sich nicht so einfach gestaltet, da alle oeffentlichen Verkehrsmittel nur bis Mitternacht fahren. Ansonsten kann man von Bxl aus gut andere belgische Staedte besuchen, da es sehr zentral liegt. Dadurch ergibt sich auch die Gelegenheit den flaemischen Teil Belgiens zu entdecken, z.B. Gent und Antwerpen sind wirklich sehenswert.

Im Laufe der 5 Monate, die ich nun schon hier bin, habe ich schon vieles erlebt und viel von Bruxelles und der belgischen Mentalitaet kennengelernt; andererseits habe ich das Gefuehl, dass es noch gar nicht so lange her ist, dass ich in Bxl am Gare du Nord ankam und mit einer gehoerigen Portion Herzklopfen auf die beiden Mitarbeiter meiner Aufnahmeorganisation "La Ruelle", die mich abholen sollten, wartete. Gluecklicherweise musste ich nicht allzu lange warten und wurde herzlich begruesst. Es ging dann auch gleich mit Tram und Metro weiter in die Organisation. - Dank meinem 20 kg schweren Koffer und den wirklich sehr schmalen Tramtueren war das eine recht muehselige Angelegenheit.- In der Organisation angekommen, wurde mir sehr schnell klar, dass das Gebaeude von "La Ruelle" in keinster Weise etwas mit den Vorstellungen gemein hatte, die ich mir vorher aufgrund der Projektbeschreibungen von ihm gemacht hatte. Es entpuppte sich als gewoehnliches Einfamilienhaus, in dem gleichzeitig auch zwei der Mitarbeiter, die Gruender und Leiter der Organisation, wohnen. Einerseits gibt es drei Arbeitsraeume fuer die kreativen Ateliers und ein Buero, andererseits finden die Teambesprechungen im Wohnzimmer der dort lebenden Mitarbeiter statt.

Da ich nun schon einiges Zeit hier bin, kann ich inzwischen auch einen ganz guten Ueberblick ueber die Aktivitaeten und Ziele der Organisation geben. "La Ruelle" ist eine soziale Einrichtung, die sich im ehemals aermsten Vierter Bxls befindet, das eine extrem hohe Auslaenderrate hat. Sie organisiert fuer die Kinder des Viertels, die meist aus Immigranten- und sozialschwachen Familien stammen, kreative Ateliers sowie Ferienaktivitaeten. Diese finden sowohl in der Organisation, als auch draussen in verschiedenen Parks statt. In ihnen wird auf alle moeglichen Arten kuenstlerisch gearbeitet. Ausserdem gibt es eine Strassenbibliothek, die vor einer Schule stattfindet und in der die Animateure der "Ruelle" versuchen, die Kinder zum Lesen anzuregen. Des weiteren gibt es einen "Sportkontakt", in dem die Kinder sowohl sportlich als auch in sozialem Verhalten gefoerdert werden. Ansonsten werden festliche Aktivitaeten wie z.B. Halloween, Lichtfest usw. organisiert.
Die andere Personengruppe mit der die Organisation zusammenarbeitet, sind die Obdachlosen. Fast taeglich gehen Mitarbeiter zu den Bahnhoefen, nehmen mit den Obdachlosen Kontakt auf und versuchen mit ihnen ins Gespraech zu kommen. Ausserdem organisiert die Organisation jedes Jahr zusammen mit ihnen eine Neujahrsfeier.

Zu meinen Aufgaben als Freiwillige zaehlen die Mitarbeit an der Strassenbibliothek und den kreativen Ateliers, sowie einmal pro Woche der Kontakt mit den Obdachlosen an den Bahnhoefen. Generell kann ich sagen, dass die Arbeit insgesamt sehr interessant ist - auch noch nach 5 Monaten. Vorallem die kreativen Ateliers mit den Kindern machen mir viel Spass, auch wenn der Umgang mit ihnen oft nicht so einfach ist, da viele von ihnen nicht gelernt haben, eine Autoritaet anzuerkennen bzw. einer anderen Person einen gewissen Respekt zu zollen. Deshalb gestaltet sich der Ablauf der Aktivitaeten in den Ateliers haeufig schwierig. Besonders fuer mich als Freiwillige und Nicht-Muttersprachlerin war es gerade am Anfang bzw ist es auch jetzt noch teilweise etwas schwierig mir den noetigen Respekt zu verschaffen.
Den Kontakt mit den Obdachlosen finde ich sehr interessant; im Laufe eines Gespraeches erzaehlen viele aus ihrem frueheren Leben und wie es kam, dass sie auf der Strasse gelandet sind. Meist sind es die traurigen Geschichten eines sozialen Absturzes. Mir war zuvor nicht bewusst, wie schnell das gehen kann. Oft genuegte es, dass sie ihre Arbeit verloren und folglich ihre Wohnung nicht mehr bezahlen konnten oder dass die Ehe in die Brueche ging und sie ausziehen mussten.

Gluecklicherweise wohne ich nicht in der Organisation, sondern habe ein Zimmer ausserhalb, in einem Haus, in dem hauptsaechlich Studenten wohnen. Ich habe eine Kuechenecke und teile mir das Bad mit zwei anderen Mietern. Allerdings ist das Zimmer leider eigentlich zu teuer -obwohl es relativ baufaellig ist, aber es liegt nah am Zentrum und die Mieten in Bxl sind sehr hoch- so dass mir nicht ausreichend Essensgeld uebrig bleibt. Nach langen und sehr zaehen Diskussionen ist es mir schliesslich gelungen, meine Aufnahmorganisation davon zu ueberzeugen, dass es laut EVS-Programm ihre Aufgabe ist, dafuer zu sorgen, dass mir noch ausreichend Essensgeld uebrig bleibt. Entweder in dem sie mir eine andere Unterkunft besorgen oder mir wie in diesem Fall etwas zum Essensgeld zuzahlen.

Insgesamt bin ich sehr froh, dass ich mich entschieden habe, ein EVS zu machen. Denn in den letzten Monaten habe ich sehr viel fuers Leben sowie ueber mich selbst gelernt und sicherlich selbststaendiger geworden. Auch habe ich die Gelegenheit, wirklich gut franzoesisch zu lernen sowie ein bisschen niederlaendisch, da ich jetzt mit eine Niederlaendisch-Kurs angefangen habe. Ausserdem lerne ich das Leben in einem anderem Land kennen.

Margarethe

 

Schlussbericht Margarethe

Nun ist also mein Europäischer Freiwilligendienst tatsächlich schon zu Ende, ich bin wieder zurück in Deutschland und kann mir inzwischen schon fast nicht mehr vorstellen, dass ich fast ein ganzes Jahr in Belgien gelebt habe.

Auch die zweite Hälfte meines Aufenthaltes in Bruxelles war sehr schön und die Zeit ist unglaublich schnell vergangen. Die Arbeit in meinem Projekt, "la Ruelle", war auch weiterhin interessant und hat mir meistens gut gefallen. Ich habe sehr viel über die Arbeit mit Kindern und Immigranten gelernt. Vor allem in den letzten zwei Wochen meines Freiwilligendienstes war ich in der "Ruelle" ziemlich gefordert, da wir für die Kinder des Viertels ein Ferienprogramm angeboten haben, was mit vielen zusätzlichen Aktivitäten und Ausflügen verbunden war. Andererseits habe ich auch viel über Teamarbeit erfahren und die damit verbundene Problematik kennen gelernt. Mit den meisten meiner Kollegen habe ich mich sehr gut verstanden, zumal inzwischen die meisten Sprachbarrieren überwunden waren.
Ansonsten war es für mich eine interessante Erfahrung, wie es ist, wenn man 10 Monate jeden Tag mehr oder weniger die gleiche Tätigkeit ausübt. Gerade da man als Freiwilliger nicht sehr viel Eigenverantwortung hat, kann das auf die Dauer schon etwas eintönig sein. Nicht zuletzt deshalb habe ich jetzt wesentlich mehr Motivation zu studieren, als noch vor einem Jahr.

In meiner Freizeit habe ich viel mit anderen Freiwilligen unternommen und bin viel verreist, z.B. war ich Ostern in Paris, das von Bruxelles nur zwei Stunden entfernt ist. Da konnte ich dann gleich testen, ob mein belgisches Französisch auch dem Pariser Französisch gewachsen ist. Und Paris ist eine tolle Stadt, die auf jeden Fall einen Besuch lohnt - spannend fand ich, dass es dort sämtliche Bauwerke Bruxelles z.B. la Bourse, Palais du Justice etc ebenfalls zu bewundern gab, nur natürlich viel größer und beeindruckender.
Natürlich war ich auch in den anderen großen Städten Belgiens. Vor allem Gent und Antwerpen haben mir sehr gut gefallen und ich fand es interessant, dass sich die flämischen Städte aufgrund ihrer Kultur durchaus von den französischen unterscheiden.

Der Abschied von Bruxelles, "la Ruelle" und von den Freunden, die ich in Bruxelles kennen gelernt habe, ist mir natürlich sehr schwer gefallen, aber andererseits war ich auch froh, die Tätigkeit in meinem Projekt beenden zu können, da 10 Monate "Ruelle" dann auch genug waren. Ich habe jetzt wirklich Lust, was anderes zu machen. Aber das angenehme und sorgenlose Leben in Belgien - und meine Freunde dort natürlich auch - werden mir auf jeden Fall fehlen. Die Wiedereingewöhnung in Deutschland ist mir leichter als gedacht gefallen, denn da ich erst relativ spät nach Deutschland zurückgekommen bin, musste ich dann auch schon viel fürs Studium organisieren, so dass mir zum Nachdenken nicht viel Zeit blieb.

Insgesamt kann ich jedem nur empfehlen, sich für ein EVS zu entscheiden, da man so viele tolle neue Erfahrungen machen kann, viele neue Leute trifft und natürlich eine fremde Kultur kennen lernt. Gleichzeitig wird man auch selbstbewusster und unabhängiger, was nicht zuletzt für das Studium nicht unwichtig ist. Ich habe das Gefühl, dass ich jetzt Dinge wie z.B. Studium oder Umzug wesentlich besser organisieren kann, als noch vor einem Jahr. Also, nutzt die Chance, wenn sich euch die Möglichkeit bietet ein EVS zu machen.

Margarethe