zurück zur Übersicht Entsendungen
Zwischenbericht Karolin

Hej, 5. Februar 2007

heute werde ich mich mal an die Arbeit machen und den Zwischenbericht über meine Zeit hier in Schweden schreiben.
Ich bin nun fünf Monate hier und habe soviel erlebt, dass man eigentlich ein Buch darüber schreiben könnte. Damit meine ich positive, als auch negative Dinge. Wobei man sagen muss, dass die positiven Dinge überwiegen, sonst wäre ich sicher nicht mehr hier.
Also fangen wir mal an: Ende August reiste ich in Värlebo (50 km von der Stadt Kalmar entfernt) an. Ich war erst einmal geschockt, denn der Ort, in dem ich gelandet bin, hatte vielleicht gerade mal 20 Häuser und es bot sich keine Gelegenheit Lebensmittel einzukaufen. Mein Ansprechpartner, und seit August auch ich, wohnte, wenn man es einmal ganz hart sagen möchte, am Arsch der Welt.
Noch in Deutschland am Telefon wies mich mein Ansprechpartner zwar darauf hin, dass es sich um ein kleines Dorf handelt, aber er sprach von 700 Einwohnern, womit ich auf jeden Fall leben könnte. Doch es stellte sich heraus, dass er damit die nächste Stadt meinte, welche 11km entfern lag. Nun ja, der nächste Schock war dann meine Unterkunft. Direkt neben dem Haus meines "Chefs". Okay, es war ein ganzes Haus nur für Freiwillige, was das Gute an der Sache war, aber leider so alt, dass nicht einmal meine Oma sich darin Wohlfühlen würde. Altes, kleines Zimmer mit einem Bett und einem Schrank, eine kleine Küche, wo teilweise 3 Personen kochen mussten (kaum zu glauben, dass es trotzdem geklappt hat) und ein altes Bad, wo jeder gerade einmal 2 Minuten hatte um zu duschen, weil sonst für den nächsten nur kaltes Wasser übrig geblieben wäre. Kurz gesagt, man war einfach zu sehr verwöhnt von zu Hause.

In meinen ersten anderthalb Monaten lebte ich zusammen mit einer Freiwilligen aus Ungarn, was mir auch den Start in dieser neuen Umgebung vereinfachte. Sie zeigte mir alles und verriet mir so einige kleine Tipps, wie man hier am besten mit Menschen und Mentalität umgeht. Obwohl die nicht sehr viel anders ist, als in Deutschland.
Durch Berichte der anderen Freiwilligen bin ich eigentlich davon ausgegangen, dass es schwer ist mit schwedischen Menschen in Kontakt zu kommen, da sie sehr verschlossen wären. Für mich war dies überhaupt kein Problem. Man muss einfach seine eigenen Erfahrungen machen. In meinem Projekt klappte alles super. Tischtennis spielen im Långemåla BTK - genial. Die Kinder, welche ich dort trainierte, waren sofort offen mir gegenüber und fanden es ganz "cool" von einer Deutschen trainiert zu werden.
Auch gingen wir jeden Freitag an verschiedene Grundschulen und hielten dort eine Art Sportunterricht mit der Hauptaktivität Tischtennis. Es war einfach super und ich hat sich immer gefreut zu den Kindern zu kommen, weil sie sich genauso gefreut haben, wenn sie mich gesehen haben.

Nach 3 Wochen Eingewöhnungsphase ging es dann zum Seminar nach Stockholm. Eine tolle Stadt. Diese Seminare sind total wichtig. Man lernt Leute aus ganz Europe kennen, die ähnliche Dinge (von Heimweh - obwohl mich das nicht so geplagt hat - bis Verständigungsschwierigkeiten) durchmachen, wie man selbst. Außerdem bekommt man genug Ratschläge wie man sich in den verschiedensten Situationen zu verhalten hat.
Als die drei Tage in Stockholm zu Ende waren und ich zurück nach Värlebo kam, überbrachte mir mein Chef die Neuigkeiten der letzten Tage. Seine Frau hasse uns Freiwilligen und Tischtennis, aus diesem Grund möchte sie sich von meinem Chef scheiden lassen. Ich habe gleich gesagt, dass ich damit nichts zu tun haben möchte, da es seine Familienprobleme sind, doch irgendwie hat das nicht ganz gefruchtet. Nachdem meine ungarische Mitbewohnerin abgereist ist, kam eine Vertragsspielerin aus der Ukraine in unser bescheidenes Heim. Sie war anfangs von dem Ort und dem Haus genauso geschockt wie ich. Die Frau meines Chef schien sich dann zur Aufgabe gemacht zu haben uns aus Värlebo wegzuekeln. Sie kam jede Woche um uns zu sagen, dass wir dreckig sind und nicht genug putzen würden, und dass wir für unser Geld nicht arbeiten würden, obwohl wir manchmal 7 Tage in der Woche gearbeitet haben, ohne einen Ausgleich zu bekommen. Noch dazu kam, dass es in den Herbstwochen dann schon sehr kalt geworden ist und sie meinte, wir sollten bitte unsere Heizung nicht so hoch drehen, weil es doch sehr viel kosten würde. Teilweise haben wir mit Pullover geschlafen. Na ja, es war dann offensichtlich was diese Frau vorhatte, sie wollte, dass wir aufgeben und aus Värlebo verschwinden. Doch das wollten wir natürlich nicht, weil uns unsere Arbeit Spaß gemacht hat, wir Freunde gefunden haben und wir auch sehr gerne zur Sprachschule gegangen sind.

In der Schule habe ich innerhalb von nur wenigen Wochen so schnell Schwedisch gelernt, dass es mir fast Angst macht. Erstaunlich wie ähnlich sich Schwedisch und Deutsch doch sind. Es ist das erste Mal, dass ich mich richtig freue in die Schule gehen zu dürfen.
Im Dezember kam dann ein anderer Freiwilliger aus Deutschland. Wir haben schon sehnsüchtig auf ihn gewartet, weil wir glaubten, dass dann die Frau unseres Chefs ein wenig ruhiger wird, aber als er dann da war, begann die Hölle erst recht. Er war ein Mensch mit zwei Persönlichkeiten. Er sagte in einem Moment Dinge, die er im nächsten Moment nicht mehr gesagt haben will. Selbstgespräche, Drohungen und andere tolle Dinge standen auf dem Tagesprogramm. Am Ende haben wir dann mir abgeschlossener Tür und meine ukrainische Mitbewohnerin mit Messer neben dem Bett geschlafen. Zu Weihnachten hab ich dann endlich Besuch aus Deutschland bekommen und wir haben uns in einem Reisemarathon sehr viel von Schweden angeschaut.

Am 11. Januar kam dann die Schreckensnachricht. Mein Chef möchte bis Ende Januar mit Freiwilligen aus gesundheitlichen Gründen aufhören. Jedoch glaube ich nicht besonders daran, da er immer noch munter durch die Gegend springt. Meiner Meinung nach wollte seine Frau, dass er mit dem EVS Projekt aufhört. Da wir selber nicht abgereist sind, musste sie etwas anderes unternehmen. Mir wurden also 19 Tage gegeben, um ein neues Projekt zu finden. Wobei mein damaliger Chef davon ausgegangen ist, dass ich nach Deutschland zurück fahre. Für mich ist natürlich erst einmal eine Welt zusammen gebrochen. Was sollte ich denn jetzt auf die Schnelle nur in Deutschland machen? Aber gerade durch die Sprachschule habe ich viele nette Leute kennen gelernt. Holländer, Deutsche, Spanier, Israelis, … wirklich ein breites Feld. Sie alle haben mich unterstützt um etwas Neues zu finden.
Ich wurde auf die Idee gebracht, doch mal bei dem Jugendklub in der Stadt nachzufragen. Den Besitzer, ein Deutscher, kannte ich schon. Auf alle Fälle muss ich richtiges Glück gehabt haben, denn dieser Deutsche hatte gerade vor Weihnachten sein Jugendhaus bei dem EVS-Projekt angemeldet. Es wurde sofort alles in Bewegung gesetzt und nun wohne ich in der Hauptstadt der Kommune, nur 20 km von Värlebo entfernt, in einer kleinen Dachwohnung zusammen mit der Ukrainerin. Sie ist mit ausgezogen und pendelt jetzt immer auf Arbeit. Der andere deutsche Freiwillige ist sofort wieder nach Hause gefahren. Ich musste also weder meine Freunde noch meinen geliebte Sprachschule verlassen. Es ist alles beim alten geblieben, nur dass ich jetzt schöner wohne und eine andere Arbeit habe. Ich kann nun jederzeit mit dem Bus oder dem Zug verreisen ohne meinen Tag nach den vier Busen in Värlebo zu planen.
In diesem Jugendhaus arbeite ich nun seit ersten Februar immer abends von Dienstag bis Freitag. Kann mit den Jugendlichen schön mein Schwedisch praktizieren und gebe auch Tischtennisstunden. Außerdem habe ich endlich geregelte Arbeitszeiten und seltsamerweise bekomme ich auf einmal viel mehr Geld als in meiner alten Arbeitsstelle.

Ansonsten war ich auch viel mit Reisen beschäftigt, immer wenn sich die Gelegenheit geboten hat. Durch meine ukrainische Mitbewohnerin bin ich auf den Geschmack des Trampens gekommen, was hier in Schweden sogar sehr leicht ist. Denn so verschlossen, wie alle sagen, sind die schwedischen Menschen wie gesagt überhaupt nicht.
Ab jetzt genieße ich mein Projekt voll und ganz, genauso wie die tolle schwedische Landschaft und alles was zu diesem EVS-Abendteuer dazu gehört.

Ich möchte allen raten, den Mund aufzumachen, wenn etwas mit dem Projekt schief läuft. Sei es der Ansprechpartner oder Sonstiges. Es wird auf allen Seminaren gepredigt, sofort Bescheid zu sagen, wenn man sich nicht wohl fühlt. Ich war so dumm und habe es nicht gemacht, mich da eher mehr oder weniger durchgebissen, worauf ich im nachhinein auch stolz bin. Bis jetzt war EVS für mich eine Erfahrung fürs Leben und ich bin auf meine letzten vier Monate gespannt.

Karolin

 

Schlussbericht Karolin

Hejsan,

nun ist es schon so weit, dass ich meinen Schlussbericht über meine EVS Zeit in Schweden schreiben muss, und ich muss sagen, dass ich es richtig schade finde, dass die letzten Monate so schnell vergingen.
Die erste Zeit meines neunmonatigen Aufenthalts im Land der Elche war ja leider nicht so schön, weil ich einfach im falschen Projekt gelandet war. Aber nachdem ich notwendigerweise mein Projekt wechseln musste, jedoch glücklicherweise in meiner vertrauten Umgebung bei meinen bereits gewonnenen Freunden bleiben konnte, erging es mir richtig gut.

Endlich konnte ich alles machen, wie ich es für richtig hielt und nicht wie Andere. Nun wohnte ich im schwedischen Högsby. Das liegt im südöstlichen Teil Schwedens, genauer in Kalmar Län. Nachdem ich die ersten 5 Monate im Wald gelebt hatte, kam mir die 2000 Einwohnerstadt (und Hauptstadt der Kommune) vor wie eine Weltmetropole. Endlich konnte ich einkaufen wann ich wollte (und das gleich in 2 kleineren Märkten) und war nicht mehr auf einen Bus oder eine 10 km lange Fahrradtour angewiesen. Auch eine Kirche hatte diese Stadt (nicht das ich sehr religiös wäre, aber in Schweden findet man eigentlich in jedem Dorf eine Kirche, jedoch gab es nicht mal das an dem Ort, wo ich anfangs lebte) und viele, viele Menschen. Mein Arbeitsplatz lag 20 Minuten zu Fuß entfernt und zu meiner Schwedischschule brauchte ich nicht einmal mehr 10 Minuten. Ich lebte in einer kleinen Dachwohnung im Zentrum Högsbys und fühlte mich mit einem Mal so richtig mobil. Zugstation, Busstation, Supermarkt, ... alles vor der Haustür. In Deutschland ist so etwas eigentlich selbstverständlich, doch war es für mich nach 5 Monaten Abgeschiedenheit im Wald ein einzigartiges Gefühl.

Ich arbeitete im Kulturzentrum Tegelbruket. Dorthin kamen abends immer die Jugendlichen aus Högsby und Umgebung. Meine Aufgabe bestand darin, sie mit süßen Leckereien zu versorgen und mich mit ihnen zu unterhalten. Mittwochs abends gab ich sogar Tischtennisstunden für Interessierte. An den Wochenenden kam es vor, dass wir eine Veranstaltung ausrichteten. Oftmals waren es kulturelle Dinge wie eine Art Talentshow für Jugendliche, Vernissagen oder Konzerte von hauseigenen Bands oder Tourneebands. Auch sportliche Dinge richteten wir aus, zum Beispiel ein Nachtstreetbasketballturnier. Es gab eigentlich immer etwas zu tun. Wenn wir an den Wochenenden keine Veranstaltungen hatten reiste ich sehr viel mit meiner ukrainischen Mitbewohnerin, welche noch in meinem alten Projekt arbeitete, rum. Da wir uns so gut verstanden, entschloss sie, mit zu mir zu ziehen und so immer die 20 km auf Arbeit zu pendeln.
Montags hatte ich immer frei und konnte somit meinem Hobby nachgehen und in einem Tischtennisverein weiterhin trainieren. Es ist einfach überwältigend wie problemlos die Schweden sein können ...
An den Wochentagen besuchte ich früh morgens immer 2 bis 3 Stunden die Schwedischschule. Jetzt werden manche vielleicht sagen: "Was? So oft? Warum?"
Das liegt einfach daran, dass es mir so einen großen Spaß gemacht hat, die schwedische Sprache und Kultur zu lernen. Ich hätte nicht hingehen müssen, verständigen konnte ich mich eigentlich schon sehr gut, aber es war einfach interessant und lustig für mich. Abends bin ich dann immer fleißig auf die Arbeit gegangen, obwohl ich es nie wirklich als Arbeit gesehen hatte. Es hat mir alles einfach riesigen Spaß gemacht.

Auf alle Fälle kann ich am Ende meiner einzigartigen EVS Zeit sagen, dass ich es nicht bereut habe ein Jahr einfach mal aus Deutschland raus zu kommen. Derzeit überlege ich, wo ich mein Skandinavistik Studium anfangen soll, in Wien oder gleich direkt in Schweden (was sich aber durch die Aufnahmevorschriften ein wenig erschwert). Auf alle Fälle werde ich nicht in Deutschland sitzen bleiben können. Ich habe jetzt die Luft anderer Länder schnuppern können und hatte die Möglichkeit mit vielen anderen Kulturen umzugehen. Es ist so spannend, dass ich darauf nicht mehr verzichten möchte. Das Land Schweden hat mich gefesselt. Die Menschen, die Landschaft, die Kultur, die Mentalität, ... einfach alles.

Viele meiner Freunde sagen, ich habe mich verändert. Ich selber merke dies sogar. Ich glaube ich habe die Ruhe der Schweden angenommen (trage sogar keine Uhr mehr). "Geht nicht, gibt's nicht!", "Man muss nicht, man will nur!". Dies hat mir eigentlich meine Zeit in Schweden so richtig gelernt. Ich hatte mit Abstand den besten Chef (er ist eigentlich ein Freund), den man sich vorstellen kann und meine Kollegen haben mich alle als vollwertigen Mitarbeiter gesehen. Ich habe mich richtig gebraucht gefühlt und glaube, auch etwas von mir in Högsby zurück gelassen zu haben. Ob es beim Blumenverkäufer, bei der Kassiererin im Supermarkt, meinen Mitarbeitern, meinen Lehrern, meinen Freunden oder bei den Jugendlichen ist, die mir so ans Herz gewachsen sind ...

Der Abschied fiel mir sehr schwer, aber alle meine Freunde meinten: "Sei nicht traurig, wir wissen genau, dass du schneller wieder hier bist, als du glaubst!". Und ich glaube, sie behalten Recht.

Karo