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Zwischenbericht Sandra

Am 8. September 2006 wurde ich freundlich am Bahnhof von Oswiecim in Polen von meiner Tutorin Ela Pasternak empfangen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich an diesem Bahnhof stehe. Schon zum dritten Male bin ich Gast in dieser polnischen Kleinstadt in der Woiwodschaft Malopolska (Kleinpolen), etwa 60 km westlich der Stadt Krakau. Als Schülerin besuchte ich zum ersten Mal das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz/ Oswiecim, was in mir das Interesse zum Thema "Holocaust" ansteigen ließ. Da mich dieses Thema sehr berührte, wollte ich unbedingt mehr Zeit haben, um die Auseinandersetzung damit zu intensivieren. Dies war auch der Grund, warum ich mich als Freiwillige in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte bewarb.

Die Internationale Jugendbegegnungsstätte wurde vor mehr als 20 Jahren, am 7. Dezember 1986, zwischen der Stadt Oswiecim und dem Konzentrationslager Auschwitz errichtet. Ziel des Hauses ist es bis heute noch, Jugendlichen die Möglichkeit zu einer intensiven Konfrontation mit der Geschichte, besonders der des Dritten Reiches, zu geben und diese eventuell mit Jugendlichen aus anderen Nationen auszutauschen. Die Begegnungsstätte verfügt unter anderen über ein Hauptgebäude mit verschiedenen Seminarräumen, drei Schlafhäuser, einer umfangreichen Bibliothek, einer Videosammlung, einen Internetraum, einer Cafeteria, einer modern eingerichteten Küche und einem zentralen Forum, welches zum Aufenthalt dient.
Schon seit Bestehen des Hauses sind auch Freiwillige in Oswiecim. Jedes Jahr nimmt die IJBS (Internationale Jugendbegegnungsstätte Oswiecim/ Auschwitz) vier Freiwillige auf. Zwei Freiwillige versendet durch die "Aktion Sühnezeichen Friedensdienste" (Mitbegründer des Hauses), ein Freiwilliger vom Gedenkdienst aus Österreich und seit 2001 ein Freiwilliger von EVS, was eigentlich zum Ziel hatte, auch Freiwillige aus nichtdeutschsprachigen Ländern aufzunehmen. Dabei hat man im Jahr 2006/ 07 mit mir eine Ausnahme gemacht.
Die Zahl aller Freiwilligen in der Stadt Oswiecim beträgt im diesem Jahr neun, soll aber in den nächsten Jahren noch ansteigen.

Die Aufgaben der Freiwilligen in der IJBS beinhalten die Gruppenbetreuung. Jeden Monat bekommen wir die Gruppen, welche im nächsten Monat anreisen, zugeteilt. Unsere erste Aufgabe besteht darin, die Gruppen, welche meistens aus Deutschland oder Österreich kommen, zu kontaktieren und mit den Gruppenleitern (vorwiegend Lehrer, Jugendarbeiter oder Pfarrer) zusammen ein Programm aufzustellen. Wir helfen diesen dann unter anderem bei der Buchung der Führungen im KZ Auschwitz, bei Zeitzeugengesprächen und Führungen in der Stadt Krakau.
Wenn diese Gruppe dann später Gast in unserem Haus ist, sind wir für diese der erste Ansprechpartner und ständiger Begleiter. Wir nehmen an den verschiedenen Führungen, Zeitzeugengesprächen, Reflektions- und Diskussionsrunden teil und tragen auch die Verantwortung für die korrekte Erfüllung des Programms.
Ein neu eingeführtes Tutorensystem sowie ein einmal im Monat stattfindendes Tutorentreffen sollen uns bei verschiedenen Problemen, welche immer wieder auftreten können, Hilfestellung geben.
Andere Aufgaben liegen zum Beispiel bei der Korrektor vom Polnischen ins Deutsche übersetzte Texte oder im ständigen Präsent-Sein für das Haus.
Oft habe ich das Gefühl, dass wir Freiwilligen eine große Nützlichkeit für das Haus sind. Es ist keine Seltenheit mehr, dass ein Fernsehteam einen von uns Freiwilligen interviewen möchte, wenn unser Haus Gäste wie den Innenminister Schäuble empfängt oder wir in Schulen über unsere Tätigkeiten sprechen. Diese Erfahrungen sind sehr wertvoll für mich und ich möchte diese nicht missen.

Am Anfang belastete mich die ständige Begegnung mit Auschwitz sehr. Doch mit der Zeit lernt man damit umzugehen, baut einer Art Schutzmauer auf und lässt Gefühle aus dem Spiel. Ich musste lernen, in der Gegenwart eines der größten Vernichtungslager, eine normale Existenz aufzubauen. Da in meiner Anfangszeit sehr viele Gruppen im Haus waren, war dies sehr schwer, doch die sinkende Gruppenzahl im Winter hat mir geholfen, ein normales Leben zu führen. Stadtführungen, die wir Freiwilligen bei Bedarf anbieten, sollen den Gruppen zeigen, dass ein gewöhnliches Leben in der 40 000 Einwohnerstadt möglich ist. Diese Rolle als Stadtführerin, zu der ich mich seit Ende November bekenne, hat mir nicht nur den Einblick in die interessante Geschichte der Stadt gegeben, sondern gab mir auch die Möglichkeit mein Selbstbewusstsein zu stärken und hat mir auch die Angst vor fremden Menschen zu sprechen genommen.
Da der Winter viele langweilige Stunden mit sich brachte, aufgrund der wenigen Besucherzahl, habe ich mir eine Nebenbeschäftigung gesucht und gefunden. Seit kurzem gebe ich einmal in der Woche Deutschunterricht an einen Gymnasium.

Trotz großer Bemühungen unserer Tutoren, haben wir Freiwilligen in Oswiecim große Probleme Polnisch zu lernen. Ein Tandempartnersystem, was leider bis jetzt noch gar nicht funktioniert hat, und eine Polnischlehrerin sollen uns dabei helfen, die Sprache schneller zu lernen. Doch leider fehlt uns die Praxis, da in diesem Haus jeder Mitarbeiter deutsch spricht und man sich außerhalb besser mit Englisch verständigen kann. Ich hoffe, dass mein Polnisch in Zukunft noch besser wird.

Untergebracht bin ich in einer wunderschönen Wohnung, die schon seit Jahren an Freiwillige vermietet wird. Es ist ein Wunder, dass ich nicht, wie fast alle Polen, in einem Wohnblock wohnen muss, sondern mir ein Haus (mit Garten!) mit einer älteren Dame teilen kann. Das Erdgeschoss des Hauses, welches nur etwa drei Minuten Fußweg von meiner Arbeit entfernt ist, ist meine Wohnung. Eigentlich sollte ich diese mit einer Freiwilligen aus Berlin teilen, doch da sie ihren Dienst frühzeitig abgebrochen hat, wohne ich nun alleine. Mit der Wohnung bin ich sehr glücklich, auch wenn meine Vermieterin gern einmal vorbei schaut, wenn ich nicht da bin.

Vielleicht kann man aus meinem Bericht heraus lesen, dass ich sehr glücklich mit diesem Projekt und mit meiner neuen, zweiten Heimat bin. Bisher blieben mir viele Probleme erspart und viele Befürchtungen und Vorurteile den Polen gegenüber haben sich nicht bestätigt. Ich werde als Deutsche, egal wo ich in diesen Land war, immer mit offenen Armen und einer herzlichen Gastfreundschaft empfangen. Ich habe dieses Land mit all seinen Menschen in mein Herz geschlossen und mir fällt es jetzt schon schwer, an meine Rückkehr nach Deutschland zu denken.

Sandra