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Schlussbericht ***

"Interkulturelle Animation in einer Jugendresidenz"

Wie schnell sind 10 Monate vergangen, unglaublich. Es lag wohl am abwechslungsreichen Geschehen rund um meine Projekte und persönlichen Erfahrungen. Ich bin immer wieder sehr zufrieden, wenn ich von meinem Europäischen Freiwilligendienst erzähle:

Die Reise begann am 01. Oktober 2006. Mit Abfuhr des Zuges wuchs meine Gespanntheit immer mehr und mehr, aber nach 20 Stunden Reisezeit fiel ich erstmal direkt in die Federn. Die ersten Tage nutze ich, um mir die Gegend anzuschauen. Meine Kollegen begleiteten mich dabei. Mir waren alle von Anfang an sympathisch und es fiel mir auch nicht schwer, auf die Bewohner des FJT, mit denen ich die folgenden Monate viele bereichernde Unternehmungen erleben sollte, zuzugehen. Was mir im Vorfeld bei der Recherche gefiel, war der Animationsschwerpunkt dieses Projektes. Ich wollte mit jungen Menschen arbeiten und mit anderen im interkulturellen Austausch stehen.

Das Foyer de Jeunes Travailleurs "Le Corporal" beherbergt junge Erwachsene im Alter von 17-28 Jahren, die entweder einer Arbeit, einem Praktikum oder einer Ausbildung in Castres nachgehen und eine günstige Unterkunft benötigen. Hier wohnen auch zahlreiche Schulgänger, die kurz vor ihrem Abitur stehen.

So unterschiedlich wie die Profession der Bewohner ist, so vielfältig sind auch die soziale Herkunft, das Geburtsland und natürlich auch das Temperament. Mit jeder Woche machte ich neue Bekanntschaften, sowohl mit Charakteren als auch mit den kleinen zu bewältigten Aufgaben einer Jugendresidenz: Eine chinesische BWL-Studentin im Papierkrieg mit den französischen Ämtern; ein Schweizer Chemie-Praktikant, der dringend sein Zimmer wechseln musste und schließlich ein heimatlicher, mit sozialen Problemen beladener Jugendlicher, der einfach nur jemanden zum Zuhören brauchte. Und irgendwie brachten wir alle unter einen Hut. Meine Aufgabe bestand auch darin, Animationen für das Wochenende und Langzeitprojekte zu organisieren. Und die speziellen Veranstaltungen waren vielerlei Art: Wanderungen, Ausstellungen, Konzerte, Fußballspiele, Straßenfeste, Umzüge, Kinoabende…

Los ging's mit dem "On-Arrival-Training". Das Einführungsseminar, das wir in Marseille verbrachten, war genial. Die wenigen Tage haben wir in einer Jugendherberge am Strand gehaust, ausreichend mit Diskussionen und Strandspaziergängen gefüllt und allgemein sehr genossen.

Um den SVE (Service Volontaire Européen) einzuleiten und "deutsche Stimmung" ins Foyer zu bringen, organisierte ich Anfang Dezember einen "deutschen Abend". Das Programm war bunt: Los ging's mit einer unterhaltsamen Power-Point-Präsentation meinerseits, in der ich anschaulich und komprimiert den Gästen die deutsche Kultur, Politik und Geschichte näher brachte. Um die knurrenden Mägen zu stillen, gab es landestypische Speisen (Sauerkraut, Würste, Kartoffeln und Schwarzwälder Kirschtorte) und natürlich Getränke, wobei es eigentlich nur bei einem Getränk blieb: Bier! Mit diesem Kulturbeitrag klang das Jahr 2006 aus.

Das neue Jahr begann mit zahlreichen einzelnen Animationen. Wir fuhren regelmäßig zu den Toulouser Fußballspielen und fieberten und schreiten fleißig für das Heim-Team mit. Ein paar Tage später habe ich die Jugend zu einem Hip-Hop-Event begleitet. Auch ein Frühlingskarneval mit vielen ungewöhnlichen Verkleidungen und nachhaltigem Konfetti im Haar war vor uns nicht sicher. Dazwischen fand ein Thementag zur Sicherheit junger Autofahrer statt, wo beispielsweise Sehstärke der Jugendlichen und Kenntnisse über Verkehrsregeln getestet wurden.

Nebenbei organisiere ich andere Projekte, die sich über einen längeren Zeitraum ziehen:

1) Projekt "Informatikhilfe"
Anfang des Jahres 2007 unterstützte ich außenstehende Personen, die die Computer des FJT für das Niederschreiben ihrer Praktikaberichte beispielsweise nutzen und Probleme mit der Handhabung des PC haben. Nach einigen Wochen war das Resultat mehr als zufriedenstellend. Die Benutzung von MS-Word stellte ihnen bedeutend weniger Probleme dar als zuvor.

2) Projekt: "Umweltschutz"
Leider gewann erst bis vor ein paar Jahren in unserem Nachbarland das Thema "Umweltschutz" immer mehr an Bedeutung. So kommt es, dass es noch einige ôffentliche Einrichtungen gibt, die noch nicht den dort anfallenden Müll trennen. So auch im FJT. Um die Bewohner auf diesem Gebiet zu sensibilisieren, besuchten wir eine Mülltrennungsanlage in der Nähe und schauten uns Al Gores Film "Eine unangenehme Wahreheit" an, der die erschreckenden Prognosen in Bezug auf die Klimaerwärmung darstellt. Um das Thema weiter zu visualisieren, installierte ich in den Fluren des Foyers eine Ausstellung über die "Geschichte der Verpackung". Dazu stand ich mit einer staatlichen Umweltorganisation, die ihren Sitz in Castres hat, in Kontakt. Es fand ein spezieller Thementag statt, an dem ich die Ausstellung präsentierte, mit Hilfe eines Quiz' die erlangten Kenntnisse erfragte und im Anschluss mit den Bewohnern und Außenstehenden ein lebhaftes Spiel durchführte.

Geplant ist außerdem der Besuch des Fachpersonals der Mülltrennungsanlage, um sowie dem Reinigungspersonal spezielle Kenntnisse als auch den Bewohnern weite Informationen zu übermitteln. Ich hoffe, dass der folgende Freiwillige das Projekt weiter führt.

3) Projekt "Europa"
In Toulouse befindet sich ein Direktbüro der E.U. (Maison de l'Europe -"Europahaus"), welches sich auf die Verbreitung von Informationen über die " Europäische Union " auf Regionalebene konzentriert. Als Assoziation hat das FJT die Möglichkeit, von Ausstellungen und weiteren Informationsquellen zu profitieren. So kam es, dass ich jenen Kontakt hergestellt habe und darauf im Foyer eine Ausstellung "Europa: Traum oder Realität?" zu bestaunen war. Kurze Zeit später veranstaltete ich einen Informationstag über die E.U.. Das Publikum war eine aussenstehende Weiterbildungsgruppe, die ihre Formation in den Gebäuden des FJT verbringt. Die Mitglieder sind unterschiedlichen Alters und arbeiten wöchentlich am sogenannten Modul "Bürger und Recht". Dazu habe ich das Thema "E.U." ausgewählt und mit Hilfe einer Power-Point-Präsentation, einiger Kurzfilme und kleiner Rätseln die Entstehung und Funktion der Europäischen Union behandelt. Danach wurde angeregt diskutiert, vor allen Dingen über den Beitrittskandidat "Türkei". Ich unterstütze weiterhin einige Bewohner bei der Organisation ihres EFD's. (Projektsuche im Internet, Verfassen von Lebensläufen etc.)

4) Projekt "Englischstunden"
Ich gab zwei Bewohnern unabhängig voneinander mehrmals wöchentlich Englischstunden, was mir sehr viel Spaß machte. Unterhaltungen, Erfahrungs- und Meinungsaustausch in einer anderen Sprache halfen beiden, selbstsicherer mit den vorhandenen Kenntnissen umzugehen. Nebenbei vertieften sich auch freundschaftliche Beziehungen. Sehr positive finde ich auch, dass ich großen Spielraum bei der Gestaltung des Stundeninhaltes hatte.

Nach einigen Monaten war auch schon wieder die Zeit für das obligatorische Midtermseminar reif, das ich mit meiner deutschen Mitbewohnerin zusammen in der Bretagne hatte. Auch dieses Seminar war wie das On-Arrival-Training von vielen persönlichen Kontakten und hilfreichen Informationen von seitens der Animateure gekrönt.

Ich wohnte in einem großen Appartment mit einer anderen deutschen und einer spanischen Freiwilligen zusammen. Das Zusammenleben war sehr angenehm; die Wohnung bot sehr viel Platz, um Freunde einzuladen und jedem seine Privatsphäre zu ermöglichen. Zur Arbeit kam ich entweder per Fahrrad oder per Bus. Meine Aufnahmeorganisation finanzierte mir meine Bus-Transportkosten. Castres ist zwar eine Kleinstadt, jedoch hat sie sehr viel zu bieten, vor allen Dingen auf kultureller Ebene. Super ist, dass Castres nahe an Toulouse liegt - eine Stadt, die man auf jeden Fall besuchen muss. Und auch die Natur kommt nicht zu kurz: Man fährt eine halbe Stunde und schon ist man in Gebirge.

In der letzen Juniwoche nahm ich an einer Weiterbildung für EFD-Tutoren in Paris teil, da meine eigene Tutorin verhindert war. Dort konnte ich den Europäischen Freiwilligendienst von einem anderen Standpunkt aus betrachten. Mit Hilfe verschiedener Darstellungsformen erarbeiteten wir wichtige Schwerpunkte wie "Integration des Freiwilligen", "Problembehandlung" und einige organisatorische Fragestellungen.

Ich bin mit meinem Projektverlauf sehr zufrieden und konnte meine Ideen, die ich mitbrachte und währenddessen bekam, umsetzen. Das Projekt erforderte Eigenständigkeit und Kreativität, da es keine festen Aufgaben für mich gab. Daneben eröffnete sich mir die Möglichkeit, meine technischen, linguistischen und persönlichen Kapazitäten weiter zu entwickeln. Das Interessante waren Begegnungen mit sehr unterschiedlichen Menschen und die Konfrontation mit Problemen Jugendlicher meines Alters. Der EFD war eine ausgesprochen bereichernde Erfahrung für mich selbst und Herausforderung zugleich.

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