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Zwischenbericht Anne

Dies soll also ein Versuch werden, die vergangenen sieben Monate in Worte zu fassen. Seit ich in England bin, finde ich mich oft in der Situation wieder, kaum beschreiben zu können, was ich mache, erfahre, fühle und denke. So vieles scheint während meines EFDs auf mich einzustürzen und jeder Tag ist viel intensiver und erlebnisreicher als während meines Schulalltags in Deutschland. Ich kann kaum aufzählen, was alles passiert ist.

YMCA
Seit dem 1. August 2006 lebe ich in Bath, einer wunderschönen Stadt im Südwesten Englands. Ich arbeite für das Bath YMCA, eine große Organisation, die verschiedene Bereiche umfasst. Wie die meisten YMCA Zweigstellen in England ist das YMCA ein Hostel, in dem Hauptgebäude ist aber auch eine Day Nursery (eine Art Hort für Kinder im Alter von 18 Monaten bis 5 Jahren) und ein Fitnessstudio untergebracht. Daneben koordiniert Bath YMCA noch After School Clubs, d. h. Nachmittagsbetreuung in drei Grundschulen in der Umgebung und ein Jugendzentrum. Durch die verschiedenen Arbeitsbereiche ist im Hauptgebäude, das im obersten Stockwerk übrigens die Wohnung für uns Freiwillige beherbergt, immer total viel los. Es macht so viel Spaß, morgens im Restaurant des Hostels zu frühstücken und sich dabei mit Leuten von der Rezeption, jemandem aus dem Fitnessstudio oder Eltern, die ihre Kinder zur Nursery bringen zu unterhalten. So verschieden die Bereiche sind, im YMCA laufen die Fäden zusammen und wir als Freiwillige sind immer mittendrin. Das liegt einerseits sicherlich daran, dass wir nun mal sozusagen oben im Hostel wohnen, aber auch daran, dass wir in den verschiedenen Bereichen arbeiten.

Meine Arbeit
Mal als Allererstes: Hier zu arbeiten ist einfach das Allerbeste am ganzen EFD. Es ist echt unglaublich, wie viel Spaß mir meine Arbeit macht, das hätte ich niemals erwartet, als ich ankam und wenn ich mal einen schlechten Tag habe, gehe ich arbeiten und fühle mich sofort besser. Ich bin wirklich total begeistert und habe, glaube ich, eine ganz neue Welt für mich entdeckt, von der ich nicht wusste, dass ich mich in ihr so wohl und sicher fühlen würde. Dieser Enthusiasmus bezieht sich vorrangig auf meinen After School Club. Das ist eine Nachmittagsbetreuung für Kinder, deren Eltern tagsüber arbeiten oder ihre Kinder aus anderen Gründen nicht direkt nach der Schule abholen können. Ich arbeite dort mit zwei anderen so genannten Playworkern, mit denen ich mich sehr gut verstehe und mit einer von ihnen sogar angefreundet habe. Jeden Tag kommen also um die 20 Kinder im Alter von vier bis zehn Jahren zu uns, das YMCA mietet dafür einen Raum in der Schule, der mit Kunstmaterialien, Billiard - und Tischfußballtisch und anderen Spielen sowie einer kleinen Küche ausgestattet ist. Wir gehen dann auf den Spielplatz, bereiten einen Snack vor, bieten Bastelaktivitäten an, veranstalten einen Spieletag oder ein Tischfußballturnier, hören uns Schulgeschichten an, schlichten Streits und schließen uns vor allem bei dem an, was die Kinder gerne machen möchten. Zu Hause hatte ich nie mit Kindern in diesem Alter zu tun und bin ziemlich stolz, dass ich nach ein paar Unsicherheiten am Anfang jetzt so selbstsicher und selbstverständlich mit ihnen umgehe. Ich hätte nie gedacht, dass mir die Arbeit mit den Kindern so viel geben würde . . . es ist echt das Größte für mich, wenn mir eine Fünfjährige mal wieder ein Bild malt oder ich mir mit den Jungs ein erbarmungsloses Tischfußballmatch liefere.
Zwei Vormittage arbeite ich in der Day Nursery, in der alles sehr viel strukturierter und strenger abläuft. Jeder Tag folgt zum Beispiel einem von der Regierung bestimmten Plan aus Aktivitäten, der eingehalten werden muss. Von daher bekam ich am Anfang auch sehr detaillierte Informationen über Themen wie Child Protection, Equal Opportunities und Daily Routine. Diese Einführungsgespräche mit der Managerin der Nursery haben mir sehr geholfen, mich einzugewöhnen, weil es am Anfang ganz schön schwer war, ständig den Ablauf und die nächste Aktivität im Hinterkopf zu haben und zu wissen, wann was passiert. Das habe ich mittlerweile aber verinnerlicht und übernehme seit einigen Monaten Routineaufgaben wie Kunstaktivität leiten, Geschichte vorlesen oder Lunch vorbereiten. Die Arbeit in der Nursery kann sehr anstrengend sein, macht aber auf jeden Fall Spaß.
Dann helfe ich noch einen Vormittag im Büro des YMCA, wir machen da so generelle Arbeiten wie Post öffnen, Abrechnungen abheften, Rechnungen verwalten, Sachen bestellen. Das ist echt ganz cool, weil wir so einen Überblick über die ganze Organisation im YMCA bekommen und außerdem ist die Sekretärin, die für uns verantwortlich ist, so lieb und sympathisch, dass der Morgen im Office immer eine wahre Freude ist. :-)

Wohnen
Wie schon erwähnt wohne ich mit drei anderen Freiwilligen (zwei Mädels aus Deutschland, ein Typ aus Paris) in einer schönen großen Wohnung, die im dritten Stock des Hostels liegt. Das heißt, wir leben sozusagen in einer Jugendherberge - dank 24 Stunden Rezeption wissen immer alle, wann wir nachts nach Hause kommen ;-), die Jugendlichen in den Schlafsälen im Stock unter uns springen nachts aus den Betten und wecken uns auf und manchmal verliert sich ein angetrunkener Gast auch in unserem Flur. Abgesehen davon bietet ein Leben im Hostel aber nur Vorteile, wie z. B. freies Frühstück und Mittagessen im hosteleigenen Restaurant, nächtliche Gespräche und Gitarreneinlagen mit dem Night Manager an der Rezeption und wir sind direkt im Stadtzentrum, weswegen nach einer "night out" auch oft Freunde bei uns übernachten.

Social Life
Ich glaube, was mir mit am Meisten für meine Zeit in England erhofft habe, war hier Freunde zu finden und mich komplett zu Hause zu fühlen, weil mir bei dem Gedanken, alle vertrauten Personen für neun Monate nicht zu sehen, doch mulmig war. Dank meiner wunderbaren, großmutter - ähnlichen Mentorin Val und meiner ersten Mitbewohnerin habe ich mich aber schnell wohl gefühlt. Auch stellt man in England schnell fest, wie leicht man in Pubs mit Leuten ins Gespräch kommt. Das heißt fast nie, dass man in ihnen dann Freunde findet, aber es macht generell Spaß mit so vielen verschiedenen Leuten zu quatschen. Mittlerweile würde ich schon sagen, dass wir Freiwillige einige Freunde gefunden haben, vor allem weil wir das Glück hatten, dass ein paar unserer Arbeitskollegen im gleichen Alter sind über die man dann auch deren Freunde kennen lernt. Die Wochenenden verbringen meine Mitbewohnerinnen und ich also meistens in den zahlreichen Pubs und Clubs- ich bin zu Hause fast nie groß weg gegangen und hier irgendwie voll zur Partyqueen mutiert, weiß auch nicht, was England da mit mir macht. Das liegt wohl auch daran, dass das englische Freizeitleben sich vorrangig in Pubs abspielt und es schon mal vorkommt, dass wir Samstagnacht ausgehen und dann am Sonntag schon wieder im Pub sind, um Fußball zu gucken. Soviel also dazu, eine andere Kultur und Lebensweise kennenzulernen. ;-)
Auch bin ich, nachdem ich gerade eine Woche in England war, in eins von Baths Theatern marschiert und habe gefragt, ob ich da irgendwie mitmischen kann, um meiner Leidenschaft Theater (spielen, Workshops leiten, alles!) auch während meines EFDs nachzugehen und Leute kennenzulernen. Das war echt das Beste, was ich machen konnte. Ich habe da zwei terms (jeweils zehn Wochen) mit einer Jugendgruppe mitgeholfen und unter Anderem auch an einem Theaterwettbewerb mit ihnen teilgenommen. Im Moment bin ich noch mit drei Schauspielern des Ensembles in einem Team, das Theaterworkshops in Grundschulen leitet und werde dafür auch bezahlt, was natürlich ein Traum ist. Außerdem helfe ich ab und zu an der Bar aus und gucke mir alle Stücke an, die so aufgeführt werden. Es ist fantastisch, neben dem YMCA noch andere Arbeitsbereiche kennen zu lernen und es gibt mir noch ein bisschen mehr das Gefühl, in Bath richtig zu Hause zu sein.

Gedanken
Mein EFD ist, glaube ich, das Beste, was mir jemals passieren konnte. Ich habe so wahnsinnig viel erlebt, verrücktes Zeug gemacht, mich in einer fremden Umgebung eingelebt. So viele nette, bekloppte, interessante und verschiedene Menschen getroffen und ebenso vielfältige Gespräche geführt. So viele Phasen während meines EFDs erlebt - im Sommer kurz nach meiner Ankunft Bath erkunden und mir selbst genügen, neue Mitbewohner bekommen und Freunde finden, sich plötzlich hören sagen "I'm from Bath" anstatt "I'm from Germany" . Dabei so viel über mich selbst herausgefunden und neue Seiten an mir entdeckt. Ich weiß jetzt, wie wichtig mir meine Familie und Freunde sind und dass Deutschland echt ein schönes Land mit einer noch viel schöneren Sprache ist. ;-) Dass ich viele Hindernisse überwinden und alleine mit neuen Aufgaben klarkommen kann, ich glaube, das hat mich um einiges selbstbewusster gemacht.

Jetzt bleiben mir noch ungefähr zwei Monate bis Mitte Mai, ich werde in den Norden Englands und nach Schottland reisen, einige Konzerte besuchen und Besuch von einer Freundin aus Deutschland bekommen. Ich freue mich auf alles, was jetzt noch kommt und gleichzeitig auch aufs Nach-Hause-Kommen und alles Neue, was dann auf mich zukommt.

Anne

 

Schlussbericht Anne

Das soll also mein EFD - Schlussbericht werden? Das will mir gar nicht so richtig ins Konzept passen - nach einem Monat zu Hause fühlt es sich immer noch die ganze Zeit so an, als könnte ich das Kapitel England und EFD noch lange nicht abschließen.

Ständig wirbeln mir eine Million Erinnerungsfetzen durch den Kopf, die mich lachen, weinen, träumen und Kopf schütteln bringen und das kann und will ich nicht abstellen. Wenn man so überlegt, ist das sowieso total krass. Erst mal munter 10 Monate in einem anderen Land leben, das zur Heimat wird und dann zack, wieder zurück ins alte Leben, an das man sich wieder zurück gewöhnen muss. Außerdem prasselt im Moment echt so viel auf mich ein mit Studium und Wir-überbrücke-ich-die- Zeit-bis-zum Semesterbeginn und was will ich überhaupt anfangen mit meiner Zeit hier im wahren, echten nicht mehr EFD - Leben ..da will ich oft einfach nur die Tür zuhauen und in Ruhe meine Englandfotos angucken. Die Verarbeitung der vielen Eindrücke und Erfahrungen, ein Resümee aus dem vergangenen Jahr zu ziehen - für mich persönlich Entwicklung, für mein Weltverständnis, für meine Zukunft -und auch das detailgenaue Aufschreiben von allem, was ich gemacht habe (um keinen Preis will ich etwas vergessen) , das wird wohl noch Ewigkeiten dauern und in der Zwischenzeit werde ich einfach mal oft ganz sentimental oder erzählen allen, auf Englisch, was England für ein tolles Land und wie der EFD die beste Einrichtung auf der ganzen Welt ist.

Soviel mal zu meinem momentanen Gefühlszustand.. Komisch, dass man bei der Rückkehr nach Deutschland verwirrter ist als beim Weggehen. Jedenfalls kann ich wohl sagen, dass in meinem EFD eine wunderbare, kostbare Zeit hatte und am Liebsten noch mal von vorne anfangen würde. Meine Arbeit als Freiwillige hat mir immer unheimlich viel Spaß gemacht. In Kinderbetreuungsangeboten des Bath YMCA habe ich Kinder im Alter von 18 Monaten bis 10 Jahren betreut, daneben auch einmal in der Woche im Büro des YMCA Verwaltungsaufgaben erledigt. Die Arbeit war irgendwie immer eine Bereicherung und die Beziehungen, die ich zu meinen Kinder aufbauen konnte, haben mir sehr viel gegeben, sodass ich immer noch total glücklich deswegen bin. Ich habe mich so sehr dafür begeistert, dass ich jetzt sogar Grundschullehrerin werden will - einen Berufszweig, den ich mir vor dem EFD nie für mich hätte vorstellen können. Es freut mich total, dass ich durch meine Arbeit diese Zukunftsorientierung bekommen habe und ich bin stolz, dass ich so etwas völlig Neues über mich rausfinden konnte.

Auch in den anderen Bereichen ist alles sehr gut gelaufen - ich hatte tolle Mitbewohnerinnen, nie Probleme mit meiner Mentorin, wir haben viele Freunde gefunden, ich bin herumgereist. Natürlich gab's mal schwierige Phasen, in denen ich mich mies gefühlt habe oder in denen ich dachte, dass mir etwas über den Kopf wächst, aber es hat immer alles hingehauen und war am Ende viel besser als vorher. Das war eine sehr aufrichtende und mutmachende Erfahrung. Auch sonst...ja, es ist echt schwierig, zu überlegen, wie man sich sonst persönlich verändert hat. Ich bin zwar immer noch ich, aber trotzdem auch anders, gehe mit Situationen anders um, kann ohne Probleme völlig fremde Menschen anquatschen, ich dramatisier nicht alles gleich immer.. das sind so Sachen, die ich jetzt schon feststellen kann, für den Rest brauche ich bestimmt noch ein bisschen.

Für die Zwischenzeit, na ja, was soll ich sagen, mein Freiwilligendienst war das Beste, was mir passieren konnte, in jeder Hinsicht, und ich bin sehr, sehr dankbar dafür.

Anne