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Zwischenbericht Hanna

Nach mittlerweile schon gut sieben Monaten in Schottland will ich mal versuchen das bisher Erlebte in Worte zu fassen.
Hier war ich nun, im schoenen malerischen North Berwick an der Ostkueste Schottlands unweit von Edinburgh. Der Ort koennte als Vorlage fuer saemtliche "Fuenf Freunde"-Buecher gedient haben, mit mehreren kleinen Inseln vor der Kueste, auf denen bestimmt noch unentdeckte Piratenschaetze darauf warten von einer Bande Kinder und einem Hund gefunden zu werden. Und die Wohnung, in der ich mit meiner Mitfreiwilligen Liina aus Esland wohnen sollte war nur zwei Gehminuten vom Strand und dem naechsten Pub entfernt, mit Meerblick aus dem Kuechenfenster und schon fast zu gross fuer nur zwei Personen. Alles in allem ein wunderbarer Ort, um ein Jahr dort zu verbringen wie ich fand. Ausserdem kann man Edinburgh in einer halben Stunde mit dem Zug erreichen. Edinburgh (ich musste erstmal lernen, den Namen richtig auszusprechen) ist eine wunderbare und sehr vielfaeltige Stadt die man wahrscheinlich nicht einmal in einem Jahr komplett erkunden kann.

Mein Arbeitsplatz (dann leider 45 Gehminuten von der Wohnung entfernt) ist Leuchie House, eine Art Hotel oder Urlaubsresidenz fuer Menschen mit Multipler Sklerose, einer Nervenkrankheit, die die erkrankte Person stark in ihrer Bewegungsfaehigkeit einschraenkt und meist frueher oder spaeter an den Rollstuhl fesselt. Ich hatte schon eine ungefaehre Vorstellung, wie sich diese, noch als unheilbar geltende Krankheit, auf die betroffene Person auswirkt, da ich selbst eine Handvoll Leute kenne die, in den unterschiedlichsten Stadien, an dieser Krankheit leiden. Trotzdem war es erschreckend zu sehen, wie uebel MS einem Menschen mitspielen kann. Es kann soweit reichen, dass der Erkrankte die Kontrolle ueber saemtliche Muskeln im Koerper verliert, d.h. im schlimmsten Fall auch sein Sprechvermoegen und die Faehigkeit den Kopf aufrecht zu halten. Meine und Liinas Aufgabe sollte es sein, den Gaesten zu helfen die Computer im sogenannten "Cyber Cafe" (zwei PCs die sich in der Ecke eines riesigen Raumes, des aus dem 18. Jh stammenden Hauses befanden) zu benutzen. Eine Aufgabe, die sich als komplizierter herausstellte als es zunaechst schien. Das groesste Problem war bzw. ist noch immer, dass kaum jemand unsere Hilfe beim benutzen der Computer braucht. Entweder sind die Gaeste noch selbst in der Lage, die PCs zu bedienen oder aber sie haben kein Interesse daran einen zu benutzen, sei es, weil sie es auch vorher noch nicht getan haben und dem "technischen Fortschritt" skeptisch gegenueber stehen oder weil sie frustriert sind durch die eigene Unfaehigkeit, den Computer selbst bedienen zu koennen.

Die erste Zeit nahmen wir das so hin, doch als sich die Situation der Unterbeschaeftigung nicht wirklich besserte, fragten wir die Managerin, die auch fuer uns zustaendig war, was wir den noch tun koennten um nicht taeglich 7 Stunden untaetig herum zu sitzen. Es war sehr deutlich, dass sie nicht wirklich interessiert war an unserer Situation. Sie sagte nur, wir seien ja alt genug, uns unsere Aufgaben selbst zu suchen. Die Situation hat sich seit dem nicht wirklich gebessert, weil es kaum Aufgaben gibt, die wir als unausgebildete Freiwillige uebernehmen koennten. Auch ist das allgemeine Arbeitsklima nicht gerade angenehm da es stetige Spannungen zwischen dem Managment und den Care-Assistants gibt.
Zum Glueck bin ich ja nicht allein in der Situation und mit Liina verstehe ich mich auch wirklich gut, obwohl wir von Grund auf ziemlich verschieden sind.
Die anfaengliche Euphorie ueber die tolle Wohnung und den huebschen, niedlichen Ort war auch leider bald verflogen. Es stellte sich naemlich als recht schwer heraus Leute in meinem Alter kennezulernen. Da es in North Berwick keine Universitaet gibt, ziehen die meisten Jugendlichen nach Abschluss der Schule mit 18 weg und ein grosser Teil der Einwohner sind reiche Pensionaere die sich hier in einer Villa zur Ruhe setzen mit ihrem Segelbot im Hafen und einer Ehrenmitgliedschaft in einem der sechs Golfclubs. Dementsprechend sind auch die Freizeitangebote ausgerichtet: Tea Parties im Community Centre, Paartanz etc. Not my cup of tea to be honest.

Aber ich will ja nicht nur meckern hier. Es gab auch schon viele lustige Momente (vor allem, wenn Liina und ich versucht haben schottisch zu sprechen) und ich bin auf jeden Fall froh, dass ich den Schritt gewagt habe, fuer eine laengere Zeit ins Ausland zu gehen, da es mich persoenlich weitergebracht hat. Schon nach kurzer Zeit habe ich gemerkt, dass ich um einiges selbststaendiger geworden bin und ich habe auch viel ueber mich selbst gelernt (ich weiss, dass klingt abgedroschen, aber es ist wahr). Auch zu vielen der Freiwilligen, die ich auf den Seminaren kennengelernt habe, habe ich Kontakte geknuepft (sehr nuetzlich wenn man Leute in ganz Europa kennt!).
Was die Arbeit angeht heisst es fuer mich noch "Durchhalten!" und ansonsten kann ich noch die Naehe zum Meer und natuerlich meine neue Lieblingsstadt Edinburgh geniessen.

Hanna

 

Schlussbericht Hanna

Das war's! Mein Jahr im Land der kuriosen Bräuche und lustigen Dialekte ist vorüber und ich bin zurück in Deutschland. Wenn ich jetzt, einen Monat später, darauf zurückblicke kommt es mir so unwirklich vor, wie ein ewig langer Traum. Und immer wenn mir wieder Erinnerungsfetzen durch den Kopf schießen kann ich gar nicht glauben, dass ich wirklich das ganze letzte Jahr in Schottland verbracht habe. Obwohl ich oft darüber geschimpft habe, wie langweilig es denn sei, denke ich im Nachhinein, dass ich doch eine Menge erlebt habe.

Das "Cyber-Café", welches Liina (eine Freiwillige aus Estland) und ich betreuen sollten bot einfach nicht genug Möglichkeit zur Beschäftigung und so kam es, dass wir uns viel mit den Gästen, Multiple-Sklerose-Kranken unterhielten was einerseits sehr interessant war und uns andererseits eine gute Einsicht in die schottische (nicht englische, bloß nicht englische) Lebensweise und Kultur gab. Was ich dabei und durch eigene Erfahrung Wichtiges gelernt habe:

  • Die erste und wichtigste Regel ist, wie schon erwähnt, nie, NIEMALS bezeichne einen Schotten englisch, wenn dir etwas an deiner Gesundheit liegt! Als Engländer bezeichnet zu werden kommt in Schottland einer Morddrohung schon ziemlich Nahe.
  • Man kann alles Essbare frittieren, inklusive Marsriegel und Eiscreme.
  • Ein Schotte kann problemlos 10 Pints (ca. 6 Liter) Bier innerhalb eines Abends trinken
  • Auch bei gefühlten 5C gehen Schotten in T-Shirt und kurzen Hosen bzw. Spaghetti-Top und Mini-Rock raus (wärmen tun sie sich vermutlich von Innen mit Whiskey)
  • Es gibt ein Land in dem die Bürokratie schlimmer ist, als in Deutschland.
  • Schotten sind mindestens so patriotisch wie die Amerikaner.
  • Schotten kennen mehr Wörter für "betrunken" als die Inuit für Schnee.
  • Viele Schotten (egal welchen Alters) haben die Insel und oft auch ihr Land noch nie verlassen und haben es auch nicht vor.

Ich habe festgestellt: die Schotten sind schon ein Völkchen für sich, dabei aber sehr freundlich, offen und sympathisch.

Was mich wohl am nachhaltigsten beeindruckt hat, war die Tatsache, wie gut eigentlich alle der Multiple-Sklerose-Kranken, mit denen ich das Jahr über gearbeitet habe, mit ihrem Schicksal umzugehen wussten. Durch viele intensive Gespräche habe ich erfahren, dass einige sogar soweit gingen dankbar zu sein, für ihre Krankheit, da sie dadurch erst erfahren konnten wie wertvoll das Leben ist und wie wichtig es auch ist jeden Tag bewusst zu leben. Sehr selten hat sich Jemand beklagt über das, was er/sie nicht mehr in der Lage ist zu tun obwohl meiner die Situation meiner Meinung nach genug Grund zur Beschwerde bot. Ich habe immer versucht, dass im Hinterkopf zu behalten, wenn es mir mal nicht gut ging. Am Schlimmsten kam es für mich, als Liina beschloss, ihr EVS abzubrechen und zu ihrem Freund, den sie in Schottland kennen gelernt hatte, zu ziehen. In dem Moment dachte ich, auch weil es bei der Arbeit nicht besonders gut lief, daran ebenfalls abzubrechen und zurück nach Deutschland zu gehen. Nach einem Ausführlichen Gespräch mit meiner Chefin, Mentorin und Supervisorin entschied ich mich dann doch dazu, zu bleiben. Mein Aufgabenbereich wurde erweitert und somit hatte ich auch endlich mal etwas mehr zu tun. Außerdem durfte ich nun auf viele, der für die Gäste organisierten, Ausflüge mit und konnte so die Nähere Umgebung sehr gut kennen lernen. Während meines Freiwilligendienstes hatte ich natürlich auch die Gelegenheit, das Land ein wenig kennen zulernen. Mit einer Freundin, die mich aus Deutschland besuchen kam, bin ich eine Woche lang durch die schottischen Highlands gereist, was eine unvergessliche Erfahrung war. Die Landschaft dort ist einfach unvorstellbar und atemberaubend schön. Schottland hat wirklich sehr viel zu bieten, wie ich festgestellt habe auch, wenn man sich an manche Sachen erstmal einmal gewöhnen muss.

Ich habe viel gelernt, habe mich oft einsam gefühlt, habe neue Freunde gefunden, habe gute und schlechte Erfahrungen gemacht und habe ein fremdes Land kennen und schätzen gelernt.
Also kurz und gut: das war's noch lange nicht!

Hanna