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Zwischenbericht Annika

Seit ich mein kleines Dorf in Deutschland verlassen und gegen die Großstadt Antalya eingetauscht habe, ist jetzt schon einige Zeit vergangen, in der ich mich bereits durch einige Schichten der "Kultur-Zwiebel" kämpfen musste, bzw. das Glück hatte, es zu können.

Was hat es mit dieser Zwiebel auf sich? In der Türkei gibt es ein Wort für das Innerste der Zwiebel, das sogenannte "cücük", und dieser Teil ist als das schmackhafteste, das wertvollste und natürlich das am tiefsten verborgenste Stück bekannt. Wie lange braucht man um zuerst die Schale, die jeder anfassen und sehen kann, abzumachen, um sich dann durch die einzelnen Schichten, die immer härter und zugleich schmackhafter werden, zu arbeiten? Vermutlich ist es manchmal sogar unmöglich diesen Kern zu erreichen und so bleiben einem die schönsten Schätze verborgen, denn man hat die Kultur nicht verstanden.

Ich kann sagen, fünf Monate sind nicht genug und ob ein Jahr ausreichend ist, weiß auch ich nicht. Mein Projekt besteht darin, in zwei verschiedenen Schulen Kindern zu helfen, sie zu unterrichten und einfach ihre "Abla" zu sein. "Abla" heißt auf Deutsch übersetzt "große Schwester", was mir das schöne Gefühl gibt, dazu zu gehören, hilfreich zu sein und als ein Vorbild zu fungieren. Zu Beginn fiel es mir wirklich nicht leicht. Ich kann nicht sagen, ob es mir schwerer fiel, mit den behinderten Kindern zurecht zu kommen, allein schon weil ich zuvor nie mit geistig behinderten Kindern gearbeitet hatte, oder mit den super aufgeweckten, lauten, an-mir-herum-ziehenden Kindern aus TEGV (eine After-School-School die es in mehreren Städten der Türkei gibt), die aus sozialschwachen Familien stammen.
Alle haben sie ihre Besonderheiten die ich manchmal furchtbar beeindruckend und lustig finde, und ihre Eigenheiten, die mich zur Weißglut bringen können.

Ich befinde mich in Antalya, durch den Tourismus geprägt, an "Yabanci" gewöhnt, mit anderen Worten: westlich orientiert. Doch wenn ich 20 Menschen, die in Antalya wohnen, frage, woher sie kommen, ist die Antwort bei ca. zweien davon "Antalya". Woher kommt das?

Antalya ist einfach riesig, ich wohne hier im Westen der Stadt, es ist kein armes Viertel und die Apartment Häuser sind nicht größer als sechs Stockwerke. 20 Minuten gen Osten und ich bin im Zentrum, am Hafen, die Altstadt und das Herz der Stadt. So schön alt und romantisch und doch so neu und kitschig. Auf grund der vielen Touristen ist hier ein Geschäft am anderen, teilweise in die so schönen alten Häuser reingezwungen, und hier ist auch schon die Kehrseite des "an-Ausländer-alias-yabanci-gewöhnt-sein".
Weitere 20 Minuten und ich befinde mich in Lara-beach, wo sich die meisten Hotels, Clubhotels und auch Nightclubs befinden. Dazu kann ich nichts sagen denn bis heute hat mich dieser Teil von Antalya nicht gereizt. 20 Minuten nach Norden und ich komme in die Dörfer Antalyas, wo sich TEGV befindet, ich bin also fast jeden Tag hier.

Es zählt alles noch zur Stadt, aber es sind kleine teils sehr ärmliche Häusschen, wie sie auch irgendwo in Ost-Anatolien stehen könnten. Bis hier kommt der gemeine Tourist nicht....

Ich habe großes Glück in diesen beiden verschiedenen Gegenden zu arbeiten. Ich genieße es, morgens nach nur 5 Minuten bei meiner Arbeit anzukommen, in der neu-renovierten, modernen und einfach schönen Schule. Meine Arbeit besteht darin mal einen Fisch zu malen, einen Tisch anzustreichen oder mit den Kindern über den Sportplatz "gehetzt" zu werden. Anschließend nehmen wir den Bus oder den sogenannten Dolmus (Minibus) und fahren zu TEGV wo wir uns dann dem Englisch-Unterricht anschließen, oder einfach Basketball, Volleyball oder Fußball mit den Kindern spielen, wobei diese oftmals uns unterrichten. Ich habe mittlerweile gelernt, wie man den Ball halten muss um einen Korb zu werfen ;-)
Ferner haben wir alle das große Glück hier Freunde zu haben, die uns beim Zerlegen der Zwiebel sehr nah zum "cücük" gebracht haben. Wer auch immer die Gelegenheit hat einmal bei einer türkischen Familie zum Essen eingeladen zu werden, streicht alle eure Termine und nehmt diese Chance war! Unangenehme Erfahrungen musste ich natürlich leider auch machen und zwar im Bereich "Verhalten der Maenner".

Es ist nicht so, dass wir irgendetwas nicht machen dürfen nur weil wir Frauen sind, aber ich würde es einfach nie machen um unangenehme Situationen zu vermeiden, und so erteile ich mir selbst Verbote. Zum Beispiel würde ich hier nie etwas anziehen, was Bauch oder Rücken zeigt. Dies wird als sehr unhöflich und provokativ angesehen. Auch fühle ich mich mittlerweile sehr unwohl, wenn ich neben einem Mann, den ich nicht kenne, im Bus sitzen muss. Natürlich sind nicht alle gleich, aber allein aufgrund der Tatsache, dass es hier doch mehrere Männer gibt, die eine Frau einfach als potenzielles Abenteuer und einfachen Spaß ansehen, entsteht dieses Gefühl.
Bis vor einer Woche habe ich das auf mein "yabanci"-Dasein geschoben, doch eine türkische Freundin hat mir von den gleichen Erfahrungen erzählt. Trotzdem passiert das Ausländerinnen häufiger, besonders russisch-aussehenden, da sie als leichte Mädchen verrufen sind. Die Frage: Bist du Russin? Ist also sehr beleidigend für mich und gibt mir das Signal schnell zu verschwinden. Versteht mich nicht falsch, bis auf ätzende Blicke ist mir hier noch nichts passiert.

Mir bleibt nur noch wenig Zeit, die ich versuchen werde, in allen Zügen zu genießen. In ein paar Wochen fangen die Sommerferien an und meine Projekte werden sich verändern, auf der einen Seite freue ich mich auf etwas Neues doch auf der anderen Seite werde ich meine Kinder doch sehr vermissen...

Annika

 

Schlussbericht Annika

Wie meine Arbeit in diesem Projekt zu Beginn verlaufen ist habe ich ja bereits beschrieben, hier nun wie es weiter ging.

Mein Projekt selbst hat sich zunächst nicht verändert, was auch meiner Meinung nach nicht notwendig war. Mein letzter Monat als Freiwillige in Antalya fiel jedoch in die Sommerferien der Schulen was dann zu einer Veränderung geführt hat. Diese Veränderung brachte uns einen schönen und zufrieden stellenden Abschluss.

Zurückblickend hat mir mein gesamter Dienst mehr oder weniger immer gefallen, zwar war es durchaus, besonders zu Beginn so, dass ich oft einfach nur dasaß und zusah, aber das kann auch sehr interessant sein, zu sehen wie unterschiedlich die Kinder gestellte Aufgaben bearbeiten, welche Fragen auftauchen. Besonders in der Behindertenschule war ich oft einfach nur fasziniert von den verschiedenen Verhalten der Kinder. Wenn ich heute auf meine Fotos gucke, fällt mir zu jedem Kind eine ganz eigene Besonderheit ein.
In der zweiten Hälfte meines Aufenthalts hatte ich dann doch allein schon auf Grund der besseren Verständigung mehr zu tun; die Lehrer konnten mir endlich erklären was sie wollten und ich konnte auch einfach fragen, ob ich noch was helfen kann. Aber wenn man nur ein bisschen aufmerksam ist, sieht man auch nach kurzer Zeit schon, wie man sich einbringen kann. Oder ich habe oft zum Beispiel anstelle von sinnlosem Sitzen (wie zu Beginn) einfach mich mit ein paar Kindern unterhalten.
Es stand uns zur Wahl in welchen Fächern wir helfen wollten und so habe ich mich z.B. für Kunst, Handwerken/-arbeit, und Sport entschieden, außerdem habe ich nach der Mittagspause noch eine Stunde in Keramik geholfen. Wir konnten auch selbst entscheiden, ob wir, wie die Lehrer, die Pausen ohne Kinder im Lehrerzimmer verbringen wollten oder draußen auf dem Schulhof, wo wir natürlich umringt von Kindern waren.
Zu den Lehrer möchte ich noch folgendes sagen: besonders die männlichen Lehrer sind sehr daran interessiert, die Freiwilligen kennen zu lernen und ihnen ihre Englisch Kenntnisse zu zeigen, wohingegen die weiblichen Kollegen eher zurückhaltend, reserviert sind. Aber auch das hat sich in der zweiten Hälfte geändert, die Männer waren eingeschnappt weil wir uns weniger für sie interessiert hatten, und deshalb waren die Frauen auch bald freundlich zu uns :)
In TEGV hatten wir zunächst weniger Auswahlmöglichkeiten da alle "Lehrer" türkische Freiwillige sind und auch die Kinder freiwillig kommen. Das bedeutet dass an manchen Tagen viele Kurse ausfallen können und an anderen Tagen es eigentlich nichts zu tun gibt für uns. Wir waren quasi der "Joker" und oft haben wir einfach mit Kindern die grad keinen Unterricht hatten Basketball, Volleyball oder Fußball gespielt. Ich selbst habe übrigens Basketballspielen erst in der Türkei, genauer gesagt in der Behindertenschule, gelernt :)
Gegen Ende war es einfach so heiß, dass ich mich auch oft einfach nur mit den Kindern hingesetzt habe und geredet.
Als die Schulferien begannen und die Behindertenschule geschlossen wurde, wurde TEGV, die bisher nur eine "After-school-school" war, zu einer Sommerschule umfunktioniert und wir haben für eigentlich sechs Wochen (ich war zwei davon auf Reisen) nun morgens dort gearbeitet. Hier gab es keinen normalen Unterricht wie Englisch oder Mathe mehr, sondern vielmehr Dinge wie: "Eglenci Treni" = Party Zug; hier haben wir eigentlich nur Gesellschaftsspiele gespielt; morgens gab es immer eine Stunde Sport; und vor allem Tanzunterricht, der sehr gut bei den Kindern (und mir) ankam :)
Nachmittags kam dann noch eine Erweiterung zu unserem neuen Projekt hinzu; wir haben in den ländlichen Gegenden um Antalya Englisch Unterricht gegeben für Kinder, die nicht die Möglichkeit hatten, zu TEGV zu kommen und deren Schulen auch sonst eher weniger Wert auf Fremdsprachen legen. Dieses Sommerprojekt hat mir sehr viel Spaß gemacht und hat es mich wirklich bedauern lassen, dass es Ende Juli hieß: Merhaba Almanya!

Deshalb kann ich auf jeden Fall sagen, dass die zweite Hälfte meines Diensts mir leichter viel und auch befriedigender war. Ich hatte ein gutes Verhältnis zu meinen vielen Kindern und habe für mich erkannt, dass ich durchaus gut mit Kindern, auch mit behinderten, umgehen kann. Außerdem hat mir mein EFD in Antalya sogar dabei geholfen, mich für einen Studiengang zu entschließen, an den ich vorher überhaupt nicht gedacht hatte.

Wer meinen Zwischenbericht gelesen hat, erinnert sich vielleicht, dass ich über "Lara-Beach" keine Angaben machen konnte, da ich dort nicht war. Ich war dann aber tatsächlich doch noch zwei Mal dort. Einmal am öffentlichen Strand, denn dort ist, anders als der von unserem Haus 10 Minuten entfernte "Konyaalti-Strand", Sandstrand, und dann einmal zum Essen bei einer Familie die uns eingeladen und dann natürlich gemästet hat. Der Sandstrand an sich war recht schön, aber wir wurden dort wesentlich mehr angegafft und auch angelabert... Ich bevorzuge meinen Kieselstrand von Konyaalti!

Wenn man sich für ein Projekt in der Türkei entscheidet, kann ich ANTGED auf jeden Fall empfehlen. Gerade beim On-arrival-training und beim Mid-term-training musste unsere Wohngemeinschaft feststellen, wie viel "schlechter" es andere Freiwillige in der Türkei hatten. Warum "schlechter"? Manche Projekte existierten nicht wirklich, nur auf dem Papier also, und so gab es nichts zu tun. Wenn man das Glück hat, gute Freunde zu finden und somit eine Beschäftigung zu haben, muss das nun nicht schlecht sein. Aber in vielen Fällen hat man sich einfach gelangweilt. Auch hatten wir den besten Kontakt zu unserer Organisation und vor allem zu unserem Mentor, den es bei vielen auch nur auf dem Papier gab.
Außerdem hatten wir regelmäßig Sprachunterricht, zwar nur 2 Stunden die Woche aber selbst auf diese Stunden hatten wir manchmal keine Lust, nicht wegen dem Unterricht an sich, sondern weil es einfach mit Konzentration und Arbeit verbunden ist :)
Mir ist klar dass alles laut den Vorschriften besser hätte sein müssen, theoretisch, aber ganz ehrlich, ich kann mir nicht vorstellen, dass es irgendwo wirklich 1:1 in die Praxis übernommen wird. Deshalb weiß ich, dass wir wirklich großes Glück hatten. Dazu kam natürlich auch, dass unsere Gruppe aufgeschlossen und entgegenkommend war unserer Aufnahmeorganisation gegenüber.

Wahrscheinlich habe ich immer noch nicht das Innere der "Kultur-Zwiebel", das "Cücük" erreicht, aber hierfür hab ich ja noch Zeit. Denn ich werde auf jeden Fall wieder zurück kehren in mein Antalya!

Annika