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Schlussbericht

Sowohl Gewohnheit, als auch fortdauernde Befremdlichkeit besitzen ihren individuellen Reiz

Der erste größere Kraftverlust trat nach einem Monat ein: In einer der wärmsten Regionen Spaniens begann es plötzlich tagelang zu regnen. Der Himmel war grau, die Sprache noch immer kompliziert und die Verblümtheit der neuen Situation etwas verwelkt. Die Orangenbäume, das Meer, die Häuser nahm ich als gegeben hin und ihre Existenz verlief sich im Alltag.
Die ersten Tage und auch Wochen in der neuen Wohnung mit den anderen Freiwilligen aus Litauen, Frankreich, Schweden und Holland waren aufregend und beflügelnd. Ein Ankerpunkt war geboren, der mir Halt und Optimismus gab, während ich meinem Projekt und der Arbeit teilweise noch sehr distanziert gegenüberstand.

Mein Arbeitsalltag fand in der Kindergartengruppe von Penyeta Roja statt, einem Zentrum für Kinder und Jugendliche, die mit Problemen zu kämpfen haben- einige leben mit Behinderungen, andere stammen aus Immigrationsfamilien und wieder andere haben keine Eltern oder wurden ihnen weggenommen, weshalb sie Tag und Nacht in Penyeta verbringen. Beispielsweise lebte der 4jährige Ricardo, von seinen Eltern verstoßen, körperlich und geistig schwer behindert, seit seiner Geburt in Penyeta. Er kann kaum laufen, nicht sprechen und verbringt die Tage in der Gruppe der Zweijährigen. Sein Lachen versprühte stets Sonnenstrahlen.
Für ältere Jugendliche gibt es Werkstätten, Keramikkurse etc., in denen sie arbeiten können. Die Freiwilligen wurden - soweit ich weiß - bisher jedes Jahr in den Kindergartengruppen eingesetzt. Der Tagesablauf variierte kaum. Das machte es einem am Anfang vielleicht leichter, sich einzugewöhnen, doch nach 3 Monaten kam es zu anwachsender Eintönigkeit und es fiel schwerer, sich jeden Tag neu zu motivieren.
Morgens, um 9.30 Uhr, ging es für uns (2) Freiwillige in einem Bus der Einrichtung nach Penyeta. Dort angekommen, begab sich jeder in seine Gruppe und half den Betreuern die kleinen Rabauken zu unterhalten und ihnen Zahlen, Farben, andere Wörter und (ansatzweise) Disziplin beizubringen. Später wurde gemeinsam gegessen und im Innenhof gespielt. Nicht zu vergessen war die tägliche Kaffeepause mit unserem Tutor, bei der wir täglich unsere Spanischkenntnisse testen konnten und zum Reden gezwungen wurden.

Zu Beginn meines Freiwilligendienstes dauerte es einige Zeit, bis ich mich an die neue Umgebung in Penyeta gewöhnt hatte. Die Wände der Gebäude erschienen mir alle sehr kalt, die Betreuerinnen trugen weiße Kittel und der Spielplatz im Freien war ein betonierten Innenhof mit bunten Plastikautos, einer Plastikrutsche und einer Wippe; kein Baum, kein Gras, keine Natur, die es zu berühren gab. Ohne Sprachkenntnisse waren die ersten Wochen echt kompliziert - vor allem anstrengend für die Nerven, denn was tun, wenn die Kinder sich kratzen, beißen, streiten, mit deiner Geduld Fußball spielen und du all Deine Gedanken und pädagogischen Glanzideen einfach nicht ausdrücken kannst. Zudem ist es eine kolossale sprachliche Herausforderung mit Kindern zu arbeiten, die ohne Eltern aufwachsen und aufgrund dessen ihre ganz eigene Art an sich haben - eine Welt weit entfernt von den "Lass- die- Ellenbogen- vom- Tisch- Manieren". Eines Tages spucken sie einem rotzfrech ins Gesicht und das Vokabular beschränkt sich bis zum dem Zeitpunkt auf einige Höflichkeitsfloskeln des Alltags. "Bitte nicht, Bitte nicht" stottert es dann aus dem Mund des fremdländischen Opfers. Spucke steht natürlich noch nicht auf der Liste, wird aber ab dem Tag sofort auf die grüne Liste im Notvokabularheftchen für (oder besser: gegen?) Kinder, gekritzelt.
Das war erdrückend und in mir staute sich Wut. Wut über mein zu geringes Vokabular (was erwartet man nach einem Monat?), die sich dann teilweise auch auf die Kinder projizierte, da diese im Prinzip der Auslöser, wenn auch nicht der eigentliche Grund, waren. Ich musste mich immer wieder selbst daran erinnern, dass nicht die Kinder, sondern ich selbst, bzw. die Sprache, Grund für zwischenzeitliche Frustrationen waren.
Nach ungefähr 3 Monaten wendete sich das Blatt und meine WG samt Bewohnern schien mich plötzlich leicht zu erdrücken. Mein Ausgleich war nun die Arbeit im Kindergarten. Die Kinder liebte ich wie nie zuvor und ich stellte mich nicht unter den großen Stress alles in Penyeta verstehen zu müssen, sondern einfach alles etwas lockerer zu sehen. Erzieher gab es dort ja genug. Ich legte nicht mehr so großen Wert darauf sie ständig zu ermahnen, obwohl es Gelegenheit dazu zur Genüge gab, sondern versuchte mich eher in der Rolle des sprechendes Hundes und Ballsporttalents. Das ganze funktionierte natürlich nur, weil die Sprache langsam an Verständlichkeit gewann. Anspucken wollte ich mich dabei aber trotzdem nicht lassen, also hab ich die nötigsten Vokabeln von pädagogischem Wert gepaukt. Nicht zu vergessen: gefühlsechte Mimik und Tonlage scheinen sowieso international abgestimmt.

Jedenfalls war meine Devise - nur nicht irgendwo hineinsteigern. Und ich hab sie mir beibehalten. Tiefs, Hochs, Glücksgefühl, Traurigkeit - ich war immer sehr emotional dabei und musste mich an den Haaren wieder aus dem Topf der Versenkung ziehen um nicht ganz darin baden zu gehen. Denn vieles war halb so wild, wenn man darüber gesprochen und/oder geschlafen hat. Wenn ich mir dann doch mal eines Morgens die ersten Tränen des Tages aus meinen Augen gewischt hab, bin ich zum Strand geradelt und bin etliche Meter am Meer spaziert. Danach ging's mir besser und ich hoffte, dass ich jeden Tag wieder ein Stück die Glücksleiter heraufklettern kann.

Als Weihnachten näher rückte, stand die Entscheidung an, wo ich die freien Tage verbringen wollte. Mein Urgedanke war natürlich die spanische Weihnacht zu erleben, doch je näher die Feiertage rückten, umso mehr vermisste ich Liebe in meinem Leben. Also kaufte ich Ende November ein Flugticket nach Frankfurt, um dann nach meiner Ankunft 10 Stunden weiterzutingeln im Zug nach Berlin. Ich genoss die Tage in der alten Umgebung mit dem Geruch nach Winter, Erde und Weihnachtsplätzchen. Sollte mich je jemand fragen, wie es in Castellón gerochen hat, so müsste ich leider gestehen, dass ich es nicht weiß. Vielleicht waren meine ständigen Erkältungen daran schuld oder aber die Stadt hatte tatsächlich keinen Geruch (mal abgesehen von den Fisch- und Fleischwaren auf den Märkten). Es war sehr lange her, dass ich das letzte Mal so herzlich in den Arm genommen wurde, wie in jenen Tagen daheim - und ohne mich groß zu erklären, verstanden wurde.
Ich hab diese Entscheidung nie bereut. Natürlich keimten immer wieder Gedanken in mir auf, was ich verpasst haben könnte, doch da ich ohnehin kaum - ehrliche - spanische Kontakte hatte, sondern meine Zeit (leider) oft mit anderen Fremdlingen verbrachte, wäre die spanische Weihnacht wohl sehr oberflächlich ausgefallen.

Die ersten Tage, nachdem ich im Januar Hotel Mama und meine altgeliebte Umgebung wieder verlassen hatte, waren recht schwierig, denn nun würde wieder alles so sein wie vorher. Der Alltagstrott hatte sich leise in mein Leben geschlichen. Egal in welchem Land man lebt, es wird nie dieses aufregende Abenteuer bleiben, das es am Anfang ist. Man muss daran arbeiten, wie an Beziehungen. Auch die Gedanken an meine WG - die mittlerweile teils lieblose und angespannte Atmosphäre - wirkten sich auf meinen Gemütszustand aus, denn auch die Beziehungen zu den Mitbewohnern verlangten Arbeit, Toleranz und eine gewisse Leichtigkeit, nicht alles zu ernst zu nehmen. Einige Tage später hatte ich die erneute Anpassungs-Phase überwunden und ich nahm mir vor, einige Dinge zu verändern und die letzten 5 Monate in Castellón so großartig wie möglich zu gestalten. Ein, zwei oder mehr Versuche war es auf jeden Fall wert.
Hinter einem Bioladen, die in Spanien leider sehr rar gesiedelt sind, entdeckte ich einen kleinen Raum, in dem regelmäßig Yoga-, Pilates- und Tai-Chi-Stunden stattfanden. Ich probierte sie - nach freundlicher Beratung im Laden- alle aus und meldete mich schließlich für Pilates an. Diese Stunden in der Woche waren mein Ruhepol und mein Vitamintank zugleich, die ich mit keinem anderen Freiwilligen teilte. Ich glaube es war wichtig etwas zu haben, das einem ganz allein "gehörte" um etwas Abstand zu gewinnen, denn der Rest des Lebens spielte sich fast ausschließlich im Kreise der anderen ab. Außerdem versuchte ich mich öfter mit Spaniern zu verabreden, was sich allerdings bis zum Ende meines Aufenthaltes recht schwer gestaltete, da ich so gut wie nie Menschen kennen lernte, mit denen es zu einer dieser "Klick-Verbindung" kam. Vielleicht waren das aber auch zu hohe Ansprüche. Im Nachhinein stelle ich fest, dass ich viele meiner damaligen Freundschaften heute als "Zweckfreundschaften" bezeichnen würde. Das ist einerseits traurig, doch andererseits habe ich dadurch (erfolgreich?) ein echtes Toleranz- und Anpassungstraining absolviert. 8 Monate konnte ich damit leben, doch ich bin froh zu wissen, dass das Leben auch noch andere Beziehungen dann und wann bereit hält. Heute habe ich noch eine wunderbare Freundschaft zu 1 (!) Spanierin und 2 fremdländischen Freiwilligen. Natürlich gab es noch weitaus mehr - nette - Kontakte, doch die werden sich wohl bald verlaufen...

Nach der Hälfte des EVS stand die Formación intermedia auf dem Programm -und zwar in Andalusien: Eine wunderbare Gelegenheit, sich endlich kostenlos in die Bahn zu schwingen und ein paar (hundert) Kilometer mehr von der Halbinsel zu sehen. Die vor Ort besprochenen Themen waren den Erwartungen ähnlich und für mich persönlich - nicht besonders tief greifend - doch die Menge an interessanten Leuten, die ich dort getroffen habe, war gigantisch - und gleichzeitig verdammt anstrengend: 75 Leute aus 20 Ländern in 4 Tagen. Danach blieb noch Zeit ein wenig herumzureisen und ich war bezaubert. Leicht verliebt in den Süden des Landes, kehrte ich in den Osterferien dorthin zurück um die Zeltplätze auf ihr Abenteuerpotential zu testen. Dabei möchte ich nur kurz erwähnen, dass eine Autoreise in Spanien absolut empfehlenswert ist, denn das spanische Eisenbahn- und Busnetz ist leider nicht dazu ausgelegt, idyllische kleine Orte problemlos zu erreichen. Das Fahrrad wäre natürlich auch noch eine (ökologische)Variante. Wer allerdings den Fahrstil spanischer Autofahrer kennt, würde dies auch als frühen Freitod bezeichnen...

Wenn nicht auf Reisen, dann ließ sich aber auch das Leben in Castellón ganz gut aushalten. Das Meer - 6 km vom Zentrum entfernt - fand in mir einen wahren Freund, Verehrer und Barfussbummler. So verbrachte ich einige Stunden spazierend, schwimmend und starrend in Sand und Meer. Es gibt viele Leute, die Castellón als hässliche, aber wunderbar bewohnbare Stadt beschreiben und es kursiert der Mythos, dass Architekturstudenten aus Barcelona anreisten, um zu betrachten, wie eine Stadt nicht gebaut werden sollte. Tatsächlich reihen sich merkwürdige Quadrathäuser an spanische Wohnhäuser, diese wiederum an verwahrloste Bruchbuden und Autos an Autos in dieser Stadt. Fahrräder gibt es kaum. Das Merkwürdige dabei ist, dass sich das Verhältnis Fahrradladen zu Fahrrädern nahezu 1:1verhält. Außerdem hatte ich anfänglich das beunruhigende Gefühl, Fahrradfahrer in Castellón seien mindestens genauso abenteuergeil und lebensmüde wie Loveparade-Gänger in Berlin - was allerdings eher an den spanischen Autofahrern, als an dem Fahrvermögen der Radler lag. Nachdem dann auch noch irgendwelche Chaoten mein Fahrrad zerstörten und ich immer wieder Geld beim Fahrradhändler lassen musste, war der Ruf als trostloses Fahrradland für mich klar. Hinzu kamen ähnliche Erfahrungen aus anderen Orten...
Na, war ja nur Geld - und das haben Freiwillige doch zugenüge. Um genau zu sein: 330€ im Monat. Klingt viel, ist viel und reicht doch kaum bei unserem westlichen Lebensstandard. Das lag vielleicht an meiner DVD-Sucht, denn es gab eine wahnsinnige Auswahl an preiswerten Independent-Filmen. Nur leider machen viele preiswerte Filme + Fahrrad + Reparaturen + Kurztrips + weitere kuriose Dinge leider auch diesen Geldbeutel schnell leer. Dazu kamen dann noch Tapas-Nächte, die sich in Castellón ganz gut verbringen ließen. Es gab ein paar schöne Cafés, Bars, Pubs und für 8 Monate war es schon gut auszuhalten (ja, auch wenn man aus Berlin kommt). Im Endeffekt ist es glaube ich das Wichtigste, tatsächlich Menschen zu finden, mit den man gern ein Bier trinkt, Oliven isst, tanzen und am Strand spazieren geht.
Für mich hatte Castellón seinen ganz eigenen Charme. Ich lief gern an den verwahrlosten Gebäuden, an den schön dekorierten Wohnhäusern oder an den zahlreichen Obst- und Gemüseläden vorbei. Für mich besaß die Stadt vor allem während der Siesta-Zeit eine magische Stimmung. Alle Läden waren dann geschlossen, die Straßen menschenleer und die Stadt schien wie ausgestorben.

Die letzten 4 Monate flogen mir nur so um die Ohren. Schneller und schöner wurde es. Die Dinge veränderten sich nicht, nur mein Bewusstsein und das innere Gleichgewicht. Als Segel schenkte sich mir letzten Endes die Zeit. Je gelassener ich die Dinge anging, desto leichter fiel das Vorwärtskommen, sich treiben lassen.
UND - Spanien ist nicht nur das touristisch-überflutete Reiseziel der Nordeuropäer. Es hat einen Charme, der mich dieses Land tatsächlich lieben lässt.