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Zwischenbericht C.E.

24 September 2006 - Ankommen.
Mit verheulten Augen, beachtlichem Schlafmangel und fast ohne jede Idee was mich erwartete stand ich also am 24 am Flughafen Marseille-Provence 2. Meine neuen Mitbewohnerinnen kannte ich nur von einigen emails und einem Foto. Beide sympathisch. Claudia, eine Italienerin war in Italien und Maria aus Spanien kam mich abholen. Allerdings am Bahnhof, nicht am Flughafen.
Nach 10 angestrengten Minuten war dann auch der Satz "Un ticket à la gare Saint-Charles, s'il vous plaît" zusammengebaut. Ich hatte 6 Jahre Französischunterricht, war fähig Texte von Zola und Sartre zu interpretieren, und verstand die ersten Wochen in Marseille - nichts. Mittlerweile spreche ich mehr oder weniger problemlos mit spanisch-italienisch-deutschem Akzent, aber das wird auch schon besser, da nun auch noch ein Franzose bei uns wohnt, Pierrick.

Die Arbeit
Meine Organisation heißt "Compagnons Bâtisseurs Provence". Wir renovieren Wohnungen mit den darin wohnenden Familien zusammen. Das Prinzip heißt "Auto-réhabilitation accompagné" (begleitete Autorehabilitation) und ich halte es für eine hervorragende Idee. die Menschen haben die Möglichkeit ihre Situation selbst zu verbessern, sie erkennen dass sie durchaus mehr können als sie dachten, wenn sie es einfach mal versuchen. Einen Satz, den mir eine allein erziehende Mutter von 3 Kindern mal sagte, werd ich wohl immer im Kopf behalten: "Ihr wart es die mich motiviert haben! Ihr habt mir den Mut gegeben". Damit meinte sie Claudia und mich. Ich glaube die Leute können ihre schlechte Situation wirklich selbst verbessern, nachdem sie gesehen haben wozu sie fähig sind. Wenn ihnen ihre Wandfarbe nun nicht mehr gefällt, wissen sie dass sie einfach neu streichen können. Das hat einen hübschen symbolischen Wert find ich.
Alle 2 Wochen findet außerdem das "atelier bricolage décoration" und die "animation collective" statt. Eingeladen werden alle Familien bei denen ein chantier stattgefunden hat (chantier wird mit Baustelle übersetzt, was es nicht so ganz trifft, ich bleib also beim Französischen). Normalerweise sind die "Familien" in Marseille alleinerziehende Mütter (ich habe bisher in 2 Familien mit Mann gearbeitet), die Treffen werden also häufig eine art Kaffeekränzchen, was auch eins der Ziele ist. Das andre ist es allerdings den Anwesenden eine bestimmte Technik beizubringen (zB. Lampen selber zu bauen, Regale sicher befestigen, Fliesen zu legen) und zu informieren. Ich habe mit Claudia und Maria auch schon 2 solcher Treffen vorbereitet und durchgeführt, mit den Themen Weihnachtsdeko und Wandbemalung mit Vorlagen (das korrekte Wort wäre "pochoirs").
Meine Organisation hat u.a. eine Partnerschaft mit einer andren Association, "Arts et Developpement", die in verschiedenen Vierteln Marseilles und außerhalb "ateliers de peinture de la rue" veranstaltet. Malen mit Kindern auf der Straße. Zwei mal pro Woche arbeite ich mit dieser Association zusammen, in den etwas (bzw. ziemlich) schwierigen Vierteln "les Crottes" und "Kallisté". Wir bringen Papier, Stifte, Farben und wechselnde Utensilien zum malen mit (Bürsten, extra lange Pinsel, abstrakte Vorlagen, Pappe…) und die Kinder können, nachdem sie sich in der Liste eingetragen haben, malen. Wie, was und womit sie wollen. Die verschiedenen Teams für "les Crottes" und "Kallisté" bestehen beide aus etwa 6-9 Personen, 3-4 davon Freiwillige. In jedem Team gibt es außerdem eine/einen Künstler/in, die verschiedene Projekte beginnen und für den künstlerischen Aspekt der Organisation zuständig sind. Die verschiedenen Aufgaben (Einschreibung, Farben ausgeben, über den Platz wandern und Kinder beaufsichtigen etc) werden vor den Ateliers im Team aufgeteilt. Ich habe herausgefunden dass ich es am tollsten finde mich die ca. 2 Std, die das Atelier dauert, nur um eine kleinere Anzahl Kinder zu kümmern, dafür aber fast meine ganze Zeit mit ihnen zu verbringen. Es ist irre zu beobachten wie ein kleiner Junge, der zu Anfang gar nicht spricht, plötzlich zu mir gelaufen kommt, sich neben mich setzt und zu malen beginnt und am Ende sogar sagt was er gemalt hat. (bunte Wolken, die aber normalfarbigen Regen regnen (er mag Regen) und Bäume mit verschiedenfarbigen Äpfeln, sowie einen Schrank mit Namen darin. (er kann noch nicht schreiben)). Oder dass einige Kinder nun meinen Namen kennen und mir letzte Woche ein Mädchen entgegengelaufen kam und mir eine gelbe Blume geschenkt hat.
Die 2 Viertel haben mich zu Anfang jedoch wirklich erschreckt. Drogenhandel direkt neben den Kindern, Jugendliche die nichts zu tun haben und deshalb auch mal Autos abbrennen, riesige Hochhäuser, Müll und nicht allzu viele Perspektiven. Es hat mich traurig gemacht zu sehen in welchem Umfeld die Kinder aufwachsen und zu überlegen was wohl mal aus ihnen wird... Mittlerweile hoffe ich einfach dass ihre Persönlichkeiten stark genug sind/werden um ihren eigenen Weg gehen zu können, oder dass sie umziehen.

Wohnen
Ich wohne mit Claudia und Pierrick in einer sehr hübschen Wohnung im Viertel Belsunce, das wie der Rest von Marseille auch, hauptsächlich von Arabern bewohnt wird. Heute Morgen war ich auf dem (arabischen) Gemüse- und Obstmarkt, umgeben von Marktschreiern, "Bonjour Mademoiselle", 1000 verschiedenen Gerüchen, Geräuschen und Farben.
Mein Zimmer ist ein Zwischenstockwerk, das Zimmer teile ich mir mit Claudia. Leider wird sie nächste Woche auch weg sein, dann bewohn ich unsere 3 Zimmer Wohnung mit Pierrick allein. Wenn ich zurück nach Deutschland komme, will ich auf jeden Fall auch in einer WG leben, trotz Streitereien wer den Abwasch macht oder wer mehr putzt als die andren. Internationale WGs sind glaube ich die besten. Ich hab gelernt spanische Tortilla zu machen und dass Bolognese Soße nicht Hackfleisch in Tomatensoße ist und Sätze wie "Für dich ist das ein nicht so starker Kaffee, für mich dreckiges Wasser!" (Claudia) werde ich bestimmt auch nicht so schnell vergessen.

Marseille und ich
Wie schon gesagt, die Stadt der 1000 Farben, Formen, Kulturen, Gerüche und Geräusche... Unmöglich zu beschreiben. Anfangs ist es mir etwas schwer gefallen den ständigen Pegel von Angst vor Handtaschenklau und andrem, dummen Anmachen, Kriminalität und Dreck zu akzeptieren. Es war ein sehr komisches Gefühl als Exote ständig aufzufallen (arabische Frauen sieht man eher selten auf der Straße, und wenn doch dann haben sie normalerweise keine blonden Haare und sprechen fließend arabisch. Oder Französinnen eben französisch). Ich war außerdem daran gewöhnt den Menschen in die Augen zu sehn und mir niemals Sorgen um meine Tasche etc zu machen. Mittlerweile habe ich mir eine Mütze gekauft und mehrere Kapuzenpullis, kann fast akzentfrei kurze Antworten geben und habe einen Gesichtsausdruck gelernt mit dem man so gut wie nie auf der Straße genervt wird. Das mag jetzt etwas unsympathisch klingen, aber es gilt ja auch nicht für immer. Die Verkäufer auf dem Markt sind sehr sympathisch, ich kenne die Bäcker/Pizzabäcker in "unserer Bäckerei", Türsteher und Barmänner/frauen in einigen Bars und bin mittlerweile so selbstbewusst das ich mich nur noch selten des abschreckenden "Lasst mich bloß in Ruhe!-Blicks" bediene. Die Franzosen sind tatsächlich so wie "Wir sind Helden" in ihrem Lied "Aurélie" beschreiben und werfen mit Komplimenten nur so um sich. Trotzdem wirken sie dabei (fast) nie platt oder lächerlich. Ich denke das hat mein Selbstbewusstsein auch ganz gut gesteigert (wobei das vorher schon nicht allzu gering war).
Ich glaube auch dass ich unabhängiger geworden bin. Und ich hab weniger Angst mich mit Leuten zu unterhalten die ich nicht kenne, ich bin glaub ich weniger schüchtern als vorher. Französisch kann ich nun ziemlich gut und Fliesen legen auch. Außerdem bin ich geduldiger und entspannter als vorher. Das ist auch nötig um bei den ständigen Zankereien zwischen Claudia und Pierrick nicht auszurasten und dem Mitbewohner helfen zu können ohne zu erwarten dass er sich danach auch nach meinem Befinden erkundigt.
Wie den Familien hat die Arbeit auch mir gezeigt dass die meisten handwerklichen Sachen gar nicht so schwer sind. Und es macht Riesenspaß zu sehn dass man ein Badezimmer fliesen kann, eine Lampe bauen (incl. Lichtschalter ins Kabel einbauen und Birnenfassung mit dem Strom verbinden) und wenn die Toilette nun ein Loch im Rohr hat kann ich das auch reparieren. Ich bin ein Jahr nach Frankreich gegangen um nach dem Abi meinen Traum von einer Reise zu verwirklichen und dieser aber einen "Sinn" zu geben (auch wenn reisen an sich schon ein Sinn ist). Und um mir sicher zu werden was ich eigentlich danach machen will. Letzteres hat leider noch nicht geklappt, ich bin mir eher unsicherer in meiner Entscheidung später Medizin zu studieren. Die Bewerbungen sind zwar abgeschickt, aber mittlerweile würde ich eigentlich viel lieber Fotografin werden. Vielleicht hat es mir in dieser Richtung geholfen ein Jahr lang Zeit zu haben. Und ich habe hier extrem viele Möglichkeiten Fotos zu schießen und genug Zeit mich mit Ausbildungen und Schulen im Bereich Fotografie zu beschäftigen.
Denn im Moment kann ich es mir gar nicht vorstellen nach dem Leben hier wieder nach Hause zu kommen und die folgenden 10 (!) Jahre hinter Büchern und in der Uni zu verbringen.

Fernbeziehung
Als ich beim Entsendeseminar in Apolda die Berichte der EFDs vor mir gelesen habe, hat mir in Allen das Thema gefehlt das mir in dem Moment die größte Angst gemacht hat - meinen Freund in Deutschland zu lassen und für ein Jahr mehr als 1000km entfernt zu sein. Sätze wie "Seh es als Chance" und "Wenn ihr das nicht aushaltet dann ist er auch nicht der richtige für dich" fand ich grässlich und dumm, ich wollte unsere 4monatige Beziehung nicht auf die Probe stellen. Aber auch nicht den Traum vom Ausland aufgeben. Mittlerweile bin ich über ein Jahr mit meinem Freund zusammen und - es klappt! Die dummen Sätze sind wahrscheinlich doch etwas wahr. Es war zwar ein paar Mal wirklich schwierig (was wohl auch passiert wenn man sich jeden Tag sieht), aber letztendlich… ja, klappts eben. Er hat mich 1x hier besucht und ich war 4x in Deutschland, für 3-5 Tage. Das nächste Mal werden wir uns im Juli sehn (nach 4 Monaten) und darauf freue ich mich schon wie verrückt. Übrigens: Ein Hoch auf skype! Kostet nix, kann man auch im Internetcafé in 2min runterladen und man kann sich sehn! Eine super Erfindung! Und Briefe zu schreiben ist etwas sehr schönes. Und alltägliche, gemeinsame Rituale zu haben.

Um also alles noch mal zusammenzufassen: Ich finds super hier und bin froh dass ich hier hingekommen bin!

C.E.