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Zwischenbericht

Am 08.09.2006 brach ich nach Portugal auf, um dort fuer rund zehn Monate einen EFD zu machen. Mein Projekt sollte in einem Kinder- und Jugenddorf fuer Kinder und Jugendliche aus sozial schwachen Familien stattfinden.
Bis zum Beginn unserer Projekte nahmen die beiden anderen Freiwilligen - zwei Maedchen aus Frankreich, von denen eine im selben Projekt wie ich arbeiten sollte - und ich an einem von meiner Aufnahmeorganisation ausgerichteten Workcamp teil. Nach Ende des Workcamps bezogen wir Freiwilligen eine Unterkunft in Granja do Ulmeiro. Nachdem sich diese von einem Freund unserer Aufnahmeorganisation zur Verfuegung gestellte Wohnung als wenig paesslich herausgestellt hatte, in der die von der Familie des Eigentuemers nicht mehr benoetigten Sachen untergestellt waren und neben aeusserst feuchten Waenden auch eine Maus zu finden war, wurde uns drei Wochen spaeter eine andere Wohnung zugeteilt.

Auch die genaue organisatorische Lage klaerte sich mir erst mit dem Beginn meines Projektes auf. Meine Aufnahmeorganisation und die Traegerorganisation meines Projektes waren nicht identisch. Waehrend sich meine Aufnahmeorganisation in Granja do Ulmeiro befand, befand sich mein Projekt im 21 km entfernten Coimbra. Die Traegerorganisation meines Projektes hatte ihrerseite drei weitere Freiwillige aufgenommen, die direkt im Projekt wohnten. Schon recht bald erschienen mir die aeusseren Gegebenheiten nicht sehr gluecklich. Waehrend ich sehr schnell begann, mich in meinem Projekt wohlzufuehlen, missfielen mir besonders die vor allem nachts recht grossen zeitlichen Abstaende zwischen den Zuegen zurueck nach Granja do Ulmeiro, wodurch ein flexibleres Arbeiten im Projekt erschwert wurde. Nach mehreren Dikussionen mit meiner Tutorin und meinem Anliegen, auf eigene Kosten nach Coimbra in die Naehe meines Projektes ziehen zu duerfen, kam es schliesslich zum Streit. Letzendlich wurde mir der Umzug jedoch gestattet, und ich zog nach drei Monaten nach Coimbra um.

Im Projekt selbst waren wir Freiwilligen im Grossen und Ganzen auf uns alleine gestellt, was die Arbeit mit den Kindern und Jugendlichen, in deren Familien zum Teil Gewalt herrschte, nicht leichter machte. Dennoch ging ich von Anfang an eigentlich gerne in das Projekt.

 

Schlussbericht

Nachdem ich zu Beginn meines EFD vor allem mit der Wohnsituation zu kämpfen hatte (siehe Zwischenbericht), fand ich nach dem Umzug viel intensiveren Bezug zur portugiesischsprachigen Bevölkerung und meinem Projekt.
Mit der größeren Nähe zum Projekt wurde ich zwangsläufig stärker mit dem dortigen Leben vertraut. Dies war nicht immer ermutigend, wenn ich beispielsweise mitbekam, dass im portugiesischen Erziehungssystem Schläge oder verbale Beleidigungen längst nicht ausgerottet sind. Dennoch bereute ich zu keinem Zeitpunkt den Umzug, da ich selbst einen ganz anderen Bezug zu meinem Projekt und den dort wohnenden Kindern und Jugendlichen bekam.
Das wichtigste war von Anfang an, meinen Platz in dem Projekt zu finden; herauszufinden, wie ich mich einbringen konnte, wie ich das Leben der Kinder in irgendeiner Weise bereichern konnte, vor allem, weil längeres konzentriertes Arbeiten mit den Kindern sehr schwierig war und uns Freiwilligen keine feste Zeit für Aktivitäten mit den Kindern zugeteilt wurde. Diese kamen häufig erst um 17.00 Uhr aus der Schule, machten anschließend Hausaufgaben, aßen danach gegen 19.00 Uhr zu Abend und hatten nach dem Essen zum Teil noch Musikunterricht...
Vom ohnehin sehr knapp bemessenen Personal kam so gut wie keine Unterstützung. Dies bezog sich nicht nur auf organisatorische Hilfe bei Aktivitäten: Den Kleinbus beispielsweise zu fahren verbot man uns Freiwilligen. Das mir monatlich für das Projekt zur Verfügung gestellte Geld meiner Aufnahmeorganisation war äußerst knapp bemessen, so dass ich fast jeden Monat einen Teil meines Taschengeldes investierte, um den ein oder anderen gemeinsamen Ausflug mit den Kinder zu ermöglichen, und so der Aufteilung, die Freiwilligen sollten für Aktivitäten innerhalb, der dort arbeitende Animator für Ausflüge außerhalb der Wohngruppe verantwortlich sein, zu entkommen. Neben dem einschränkenden Umstand, dass für Aktivitäten innerhalb der Wohngruppe großer Mangel an Räumlichkeiten bestand (vor allem in den Wintermonaten), empfand ich Ausflüge stets auch als sehr bindungsstärkend in der Beziehung zu den Kindern und Jugendlichen.
Als ich zusammen mit einer anderen Freiwilligen versuchte, die Jugendlichen, die in der Wohngruppe öfters negativ auffielen (da ihnen unter anderem schlichtweg die Möglichkeit zum Austoben fehlte), mehr einzubeziehen und mit ihnen ein Spiel außerhalb der Comunidade zu machen, wurde uns dies vom Personal erschwert, wo es möglich war (Unter anderem ließ man uns entgegen vorheriger Vereinbarung nach dem Spiel an einem Park sitzen, so dass wir mit den erschöpften Kindern an einem heißen Tag hätten zurücklaufen sollen.)
Viel intensiver spürte ich den fehlenden Beistand einer Vertrauensperson, die ich mir zum Vorbild hätte nehmen können, im alltäglichen Umgang mit den Kindern. Die Spannung zwischen den Feldern Verantwortlicher und zugleich Freund der Kinder zu sein war immer wieder aufs Neue eine große Herausforderung. Mit Kindern, die zum Teil ernste psychische Probleme hatten, war dies bisweilen äußerst anstrengend. Jeden Tag an dem ich mich jedoch mit dieser Situation des Auf-mich-allein-gestellt-seins auseinanderzusetzen hatte, lernte ich besser mit der Lage umzugehen und mich selbst besser kennen. In dieser Situation war ich sehr froh um den Austausch mit den anderen Freiwilligen, zu hören, dass es ihnen gleich ging, oder was sie anders machten.
Insgesamt waren die Kinder und Jugendlichen an sich aber bis auf wenige Ausnahmen unheimlich nett. Es war wohl vor allem die große Freude, die es mir machte, mit ihnen die Zeit zu verbringen und von ihnen mit offenen Armen aufgenommen zu werden, woraus ich immer wieder den Hauptteil meiner Motivation zog, um weiter zu machen - auch wenn es unbestreitbar bei manchen eine Weile gedauert hatte, bis sie Vertrauen zu mir gefasst hatten. Das wichtigste was sie meiner Meinung nach alle brauchten, war Aufmerksamkeit; auch wenn ich mich mit dieser Ansicht, wie es mir häufig schien, vom dortigen Personal unterschied. Wenn ich mich abends beispielsweise zu den Kindern setzte, damit sie nicht alleine auf ihren Zimmern saßen, mit ihnen Brettspiele oder Karten spielte, ihnen vorlas, mich mit ihnen unterhielt oder mit ihnen sogar einfach nur fernschaute, hatte ich den Eindruck, dass dies bisweilen den Eindruck von Nichtstun erweckte. Meine Überzeugung ist bis heute, dass die Kinder und Jugendlichen mitunter genau dadurch Vertrauen fassten und immer wieder zeigten sie mir, dass sie sehr froh um diese gemeinsame Zeit waren. Durchweg waren sie glücklich über die Kameradschaft eines von außen Kommenden. Gleiches merkte ich, wenn ich als einziger Junge unter den Freiwilligen mit den Jungendlichen einfach "nur" stundenlang Fußball spielte.
Ich kann jedoch nicht bestreiten, dass auch ich irgendetwas "Greifbares" mit nach Hause nehmen wollte. So begann ich (erst gemeinsam mit den Kindern) Marionetten zu basteln, Kulissen zu malen und ein Theaterstück zu schreiben, um gemeinsam mit den Kindern ein Theater aufzuführen. Als sich dieses Projekt aufgrund der Langwierigkeit als schwer durchführbar erwies, investierte ich mehr Eigenarbeit, um es am Ende als Film mit den anderen Freiwilligen und nur ein paar Kindern aufzuzeichnen.
Ich glaube, dass ich in den elf Monaten unheimlich viel gelernt habe - schon angefangen, beim Verantwortlich-Sein für eine Wohnung und alle weiteren Teile des Lebens fernab von der eigenen Familie; von den zwischenmenschlichen Erfahrungen mit den Kindern und Jugendlichen ganz abgesehen. Und alles wahrscheinlich gerade deshalb, weil ich meinen EFD nicht abgebrochen habe...