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Zwischenbericht Christina

Seit Oktober vergangenen Jahres bin ich EFD-Freiwillige in Polen. Angefangen habe ich in Otwock, was eine kleinere Stadt 30 km (eine Autobusstunde) von Warschau entfernt liegt.

Die Einrichtung
Zusammen mit einer zweiten Freiwilligen aus Deutschland (Claudia) befand ich mich also im "Specjalny Osrodek Szkolno-Wychowawczy", einer Einrichtung bestehend aus einer Schule fuer geistig behinderte Kinder, einer Mittelschule mit verschiedenen Berufszweigen und einem Internat fuer Kinder mit sozial schwierigem Hintergrund, derzeit ca. 60 Bewohner. Claudia und ich waren im ersten Monat beide fuenf bis sechs Stunden vormittags in der Behindertenschule, spaeter arbeiteten wir abwechselnd in "Schichten", eine wie gehabt vormittags, jedoch inklusive fruehstuecken mit einer Gruppe Internatskinder, die andere war vom Mittagessen bis zum Abendbrot mit in einer Internatsgruppe.

Wohnen...
Während all der Zeit wohnten Claudia und ich zusammen in einem Zimmer (entgegen der Projektbeschreibung, in der von Einzelzimmern fuer die Freiwilligen die Rede war) in eben jenem Internat. Unser Zimmer befand sich zuerst auf einem Gang mit mindestens 12 Maedchen und hatte ueber der Tuer eine fehlende Scheibe, akkustisch war also jedes auf dem Flur gesprochene Wort bestens zu verstehen, Fernseher und Party im Aufenthaltsraum durfte auch ungestoert zu uns hindurchdringen. Nach anderthalb Monaten zogen wir in einen frischrenovierten Internatsteil: in eine Gruppe mit acht Jungs. Auch dort wurde zwischen halb und um sieben Uhr morgens geweckt, ungefaehr gegen zehn Uhr abends gingen die Kinder ins Bett. Das Badezimmer teilten wir, wie in der Projektbeschreibung angekuendigt, mit den Kindern (Maedchen): ohne Duschvorhang, ohne Moeglichkeit, Bad oder Toilette abzuschliessen und mit staendig penetrierenden Kindern eher eine unertraegliche Situation.
Bekoestigt wurden wir wie die Kinder dreimal taeglich von der Internatskueche mit Kohlenherd, inzwischen ueberholten Hygienestandards, einem recht geringen Budget und offensichtlicher Lustlosigkeit an der ganzen Tätigkeit der Speisenherstellung. Claudia, die einzige Vegetarierin der gesamten Einrichtung, beschloss nach einigen Monaten, ueberhaupt kein Essen mehr von dort anzunehmen.
Die Wohnsituation, laut und ohne Rueckzugsmoeglichkeit und richtige Privatsshäre, habe ich schon recht zeitig versucht zu ändern/anzugehen durch Gespräche mit der Internatsleiterin, der koordinierenden Organisation in Warschau (FIYE) und Anfrage beim IFAP. Änderungen waren jedoch "nicht moeglich".
Übrigens fuhren die Internatskinder ueber das Wochenende immer nach Hause, so dass ich das Gebauede dann "für mich" hatte. Gegen Ende meines Aufenthalts wurde das jedoch noch unheimlicher, als ich erfuhr, dass wahrend meiner sechs Monate dort in unserem Stadtviertel drei Menschen umgebracht worden waren.

... und Arbeiten
Die Projektbeschreibung hatte noch in Deutschland bei mir den Eindruck erweckt, ich wuerde ausschliesslich mit Behinderten arbeiten und es würde eine Einarbeitung durch qualifiziertes Personal stattfinden, und sich so viele Lernmöglichkeiten in dieser Arbeit fuer mich ergeben. Das war alles nicht der Fall. Scheinbar hatte mein Projekt nicht nur keinerlei Vorstellung von dem, was es von einem Freiwilligen eigentlich erwartete; zunehmend wurde uns immer offensichtlicher, dass in der Behindertenschule eigentlich bis auf Essen und ein bisschen Alibi-ausmalen mit den Kindern fast nichts passierte. Sie entwickelten sich dort eher zurueck als vorwärts, während die sogenannten Lehrerinnen im Aufenthaltsraum Kaffeklatsch hielten. Ich habe in all der Zeit wenig getan. Habe versucht, mit den Kindern zu spielen, ihnen vorzusingen oder ihnen beim Anziehen oder beim Windeln zu helfen. Einerseits hat mir nie jemand wirklich gezeigt, wie man mit solchen Kindern arbeiten kann (auch sie können sehr viel lernen, wenn auch meist andere Dinge als Lesen und Rechnen!) Zum Anderen habe ich aber auch festgestellt, dass mir die Arbeit mit Kindern schlicht auf die Dauer nicht liegt. Auch das ein guter Zweck des EFD: Erfahrungen sammeln, und wissen, was man später mal nicht machen will.

Sprachkurs...
Natuerlich bin ich auch in den Genuss eines Sprachkurses gekommen: Bei einer kompetenten Lehrerin einmal monatlich zwei Stunden zusammen mit den anderen FIYE-Freiwilligen und intensiver an sieben Tagen des FIYE-Midtermseminars. Am kleinen Basics-Sprachkurs während des FIYE-On-arrival-trainings habe ich nicht teilgenommen, weil ich später als die anderen Freiwilligen in Polen ankam. Zweimal wöchentlich hatte ich mit Claudia "Unterricht" bei einer vollkommen unqualifizierten und unmotivierten Muttersprachlerin.

...und Aufnahmeorganisation
Alles in allem kann ich vor allem von meiner koordinierenden Aufnahmeorganisation abraten. Sämtlichen anfangs neun FIYE-Freiwilligen (eine hat ihren Dienst abgebrochen, ich habe das Projekt, inklusive Organisation, gewechselt) haben starke Zweifel, was den Verbleib der EU-Mittel für die einzelne Freiwillige angeht. Diese Zweifel werden verstärkt, wenn man die dortige Unterstützung mit meiner jetzigen Lebenssituation, immer noch als EFD-Freiwillige in Polen, vergleicht.

Freizeit...
Was ich jenseits dieser Erfahrungen noch so gemacht habe? In der (reichlich bemessenen) Freizeit sang ich in einem polnischen Chor mit, traf mich v.a. mit den anderen Freiwilligen aus der Nähe von Warschau oder fuhr mit dem Bus nach Warschau, z.B. in Goetheinstitut oder um mir Sehenswürdigkeiten anzusehen.

...und Freiheit: Projektwechsel
Im Februar nahm ich am Mitterm-Seminar der polnischen Nationalagentur teil (mit dieser hatte ich mich übrigens schon vorher betreffs meiner bisweilen etwas unangenehmen Lebensumstände in Verbindung gesetzt). Einer der Trainer bot mir ein privates Gespräch an ("Deine Frage scheint ja weniger zu sein: Was kann ich in meinem Projekt veraendern? Als vielmehr: Was hält mich dort eigentlich noch?") Dieses Gespräch half mir sehr, meine Gedanken zu ordnen und schliesslich die Entscheidung für einen Wechsel zu treffen, eine Entscheidung, die von der polnischen Nationalagentur in meinem Fall ausdrücklich begrüsst wurde! Und jetzt wohne ich in Wroclaw zusammen mit anderen Freiwilligen im Edith-Stein-Haus, genannt "the palace", arbeite in der Stadtbibliothek und zweimal wöchentlich in einem Projekt für Jugendliche, die zu gesellschaftlichem Engagement angeregt werden sollen. Mir geht es hier gut!!!

Erfahrungen
Waehrend all der Zeit habe ich wichtige Erfahrungen gemacht: Wie es ist, als Ausländerin selbst die einfachsten Sprechsituationen als Hürden aufzufassen (und zunehmend besser zu bewältigen); was es ganz in unserer Nähe fuer völlig andere Lebenswirklichkeiten gibt (materiell, aber auch was z.B. den geringen Wissensstand der Kinder in unserem Internat angeht); was ich für materielle Bedürfnisse habe; aber auch den Drang zu überleben :)
Und während der ganzen Zeit habe ich nicht die Lust verloren, dieses EFD-Jahr zu "machen", mit Neugier das Leben der Menschen hier zu entdecken, Sprache, Lieder, Rezepte, Mentalität näher kennenzulernen, Menschen zu begegnen und sich den Horizont um einiges erweitern zu lassen!

Christina

Erfahrungsbericht Christina

Ich gehöre zu denjenigen Freiwilligen, die in der Mitte ihres EFDs noch einmal den Anfang in einem zweiten Projekt gesucht haben. Richtig, es gibt davon nicht allzuviele, zumindest habe ich persönlich noch keinen anderen dieser Wechsler getroffen.
Ich bin nach einem halben Jahr in Otwock bei Warschau, umgezogen. Ein Wechsel der von der polnischen Nationalagentur ausdrücklich begrüsst und auch unterstützt wurde. Ein Ausnahmefall, denn da könnte ja jeder kommen...
Ich hatte mich nach einigen Monaten im Projekt mit Schwierigkeiten auch an die polnische NA gewandt, vorher natürlich an Aufnahmeprojekt, koordinierende Organisation und Entsender. Ich hatte grosses Glück, denn als ich schliesslich der NA mitteilte, dass ich wechseln wolle, wurde mir gleich ein möglicher Platz in Wroclaw in Aussicht gestellt.

In Wroclaw wurde ich Freiwillige des Angelus Silesius Hauses (ASH) und einer Filiale der öffentlichen Stadtbibliothek.
Das ASH ist eine Jugendbegegnungs- und Bildungseinrichtung mit Übernachtungskapazität für ca. 30 Personen. Dort war ich am Langzeitprojekt "Zaangazuj sie", (Engagier' dich!) beteiligt. Dessen Ziel war es Jugendliche dazu zu motivieren, sich in der (lokalen) Gesellschaft zu engagieren und sie zu diesem Zweck mit Wissen und Methoden auszustatten. Die Teilnehmer waren 25 17-18jährige Mädchen und Jungen aus Wroclaw.
Einerseits habe ich selbst "teilgenommen" an dem Projekt und dadurch die Informationen neu erhalten wie unsere Jugendlichen, z.B. über die Konzipierung und Realisierung eigener Projekte. Andererseits war ich an der Planung, Organisation und Leitung der Treffen beteiligt. Zuerst habe ich vor allem zugesehen, später, mit zunehmend besserem Polnisch, konnte ich mich dann selbst an Diskussionen beteiligen, und am Ende wurde ich dann zum "Art Director" zweier Multimedia Presentationen, die ich zusammen mit den zwei Leitern für die Teilnehmer gestaltete.

In der Bibliothek half ich mit bei den täglich anfallenden Arbeiten: Bücher alphabetisch ordnen, Karteikarten nach Nummern und alphabetisch ordnen, Bücher einstellen und in den Regalen ordnen, Bücher verleihen und entgegennehmen und schliesslich habe ich auch Bücher in den neuentstehenden elektronischen Katalog aufgenommen.
Zeitweise gab es, vor allem in der Bibliothek, nicht sehr viel für mich zu tun, wodurch ich mir wenig hilfreich vorkam, (wobei natürlich ein Ort mit vielen Büchern und Internetanschluss für mich ein guter Platz für Aufgabenlosigkeit ist). Dennoch habe ich mich sowohl im ASH als auch in der Bibliothek gut gefühlt mit den Leuten, denen ich dort begegnet bin, was ich besonders stark in den letzten Wochen gespürt habe. Ich bin dort auf Leute getroffen, mit denen ich mich unterhalten konnte; ein entscheidender Vorteil war natürlich, dass ich durch das halbe Jahr in Otwock schon Polnisch konnte.

Durch die Arbeit habe ich auch Leute für die Freizeit getroffen. Integration passierte natürlich zu einem grossen Teil auch dadurch, dass ich im Edith Stein Haus, "The Palace", zusammen mit anderen internationalen Freiwilligen lebte (aber Einzelzimmer und Privatbadezimmer!).

Was soziale Kompetenzen und interkulturelle Fähigkeiten angeht, so habe ich während des EFD eine Menge gelernt. Sowohl im Kontakt mit Polen als auch zu meinen internationalen Mitbewohnern konnte ich am eigenen Leib erfahren, wie unterschiedlich Menschen aus verschiedenen Ländern die gleiche Sache wahrnehmen und bewerten können (z.B. Lebensrythmus, Pünktlichkeit, Arbeitseinstellung). Dennoch hängt auch vieles von der individuellen Persönlichkeit ab. Während meines EFD konnte ich erleben, wie unterschiedlich Menschen sein können, und dieses Wissen ist für mich eine Bereicherung. Ich glaube, das Verständigung einfacher ist, wenn man Trennendes und Unterschiede auch im Blick behält. Ich bin froh, mit Menschen aus verschiedenen Ländern in Kontakt treten zu können, und darüber, dass daraus auch Freundschaften beginnen konnten.

Der EFD war für mich gute Gelegenheit mich in verschiedenen Rollen ausprobieren zu können, z.B. Teil des Leitungsteams oder Kinderbetreuerin zu sein. Dadurch habe ich mich wohl selbst besser kennengelernt, eigene Talente sind klarer geworden, aber auch welche Tätigkeit mir wohl nicht so sehr liegt.
Gerade durch den Projektwechsel war es mir möglich, zwei völlig unterschiedliche Gesichter Polens kennenzulernen: die manchmal ziemlich traurige Realität in der Einrichtung in Otwock und die engagierte, motivierte und professionelle Arbeit im Angelus Silesius Haus. An beiden Orten, Otwock und Breslau, habe ich viel gelernt.

Ich bin froh, diese Erfahrungen gemacht zu haben. Ich bin auch froh, dafür mein Studium für zwei Semester unterbrochen zu haben. Jetzt werde ich zu meinem Soziologiestudium "Fachübersetzen Polnisch" hinzunehmen.

Christina