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Erfahrungsbericht Corina

Seit dem 30.4.2004 ist mein Freiwilligenjahr nun schon wieder vorbei und ich habe Kauniainen verlassen. Da ich bereits in meinem Halbzeit-Bericht ausführlich Projekt und Ort beschrieben habe, beschränke ich mich nun auf die Schilderung meiner letzten 6 Monate in der Työväen Akatemia.

Nun, es war Winter und das wirklich die ganzen 6 Monate lang. Aber ich kann Entwarnung für alle zukünftigen Finnland-Freiwilligen geben: es ist alles halb so schlimm, wie immer behauptet wird. Es ist nicht wesentlich dunkler als in Deutschland, die Tage sind nicht wesentlich kürzer und der Winter an sich ist auch nicht wesentlich länger als in Deutschland. Natürlich ist es teilweise schon etwas kälter, aber da es ja so etwas wie lange Unterwäsche und Co. gibt, ist das auch alles erträglich. Dann gibt es natürlich noch ein ganzes Stück mehr Schnee als in Deutschland, aber das ist meiner Meinung nach keineswegs ein Nachteil.

Gearbeitet habe ich die letzten 6 Monate wie erwartet ausschließlich in der Bibliothek. Dabei habe ich das Computerregister-Programm erlernt und durfte alle Romane (umfangreichster Bereich - in jeder Bibliothek) in das Register einschreiben und mit Aufklebern versehen. Das klingt nicht wirklich spektakulär, aber mir hat die Arbeit am Computer Spaß gemacht und die letzten Monate sind damit wirklich sehr schnell vergangen. An einigen Abenden hatte ich wie gewohnt auch immer noch Aufsicht in Examen und das sogar sehr häufig in der letzten Zeit. Das fand ich auch immer sehr entspannend, aber für meine Nachfolger hoffe ich, dass sie gern lesen oder schreiben, um sich die Stunden im Examen vertreiben zu können. Meine jetzige Nachfolgerin (auch ein deutsches Mädchen), mit der ich in gutem Kontakt stehe, hatte gemeint, sie kam sich in den ersten Examen extrem blöd vor, da man dort sozusagen den Lehrer spielt und das für Leute, die im gleichen Alter wie man selbst sind oder teilweise sogar noch älter. Aber keine Panik: die Schüler der Akatemia sind es gewöhnt, dass "wir Freiwilligen" bei ihnen in den Examen sitzen und mit der Zeit gewöhnt man sich auch selbst an die Rolle. Das einzige Problem bei diesen Examen: die Finnen sind wirklich extrem fleißig und in 98% der Fälle brauchen sie auch immer bis zum Schluß!

Ich habe in den letzten Monaten wirklich sehr viel über die Arbeit in einer Bibliothek gelernt. Ich glaube, jeder Freiwillige lernt viele persönliche Dinge im Laufe der Zeit, aber dass man auch praktische Dinge lernt, ist wohl eher selten und darum finde ich die Työväen Akatemia ist wirklich ein sehr gutes Projekt - zumindest für solche, die ein wenig an Büchern interessiert sind und auch vor Gartenarbeit nicht zurückscheuen, denn von Mai-Oktober hat man jeden Tag auch mehr als genug Unkraut um die Ohren. Das einzige, was ich mir hin und wieder gewünscht hätte, wären ein paar Aufgaben, die wirklich aus dem Alltag herausspringen. Meine jetzige Nachfolgerin darf zum Beispiel bei einer Ausstellung über die Nazi-Zeit in Deutschland mitarbeiten und das hätte mir auch sehr viel Spaß gemacht. Aber zu meiner Zeit waren solche Dinge leider nicht vorgesehen. Wer aber kein Problem damit hat, vor Leuten zu sprechen, der kann sich auch eigeninitiativisch in den Unterricht der Akatemia einbringen lassen und dort im Deutsch- und/oder Englischunterricht etwas erzählen. Da ich vor so etwas aber schon zu meiner Schulzeit ein Grauen hatte, habe ich solche Aktivitäten doch lieber gelassen. Aber wem so etwas liegt, der hat viele Möglichkeiten, auch ein paar Sonderaufgaben auszuführen.

Durch meinen Abschlußbericht für das Projekt habe ich noch erreichen können, dass zukünftige Freiwillige einen eigenen Fernseher in ihrem Zimmer haben werden (meine Nachfolgerin hat sich sehr gefreut, dass da ein Fernseher in ihrem Zimmer auf sie wartete) und dass man die Freiwilligen nun auch den Studenten (zumindest einem Teil von ihnen) vorstellt. Das wurde bei mir damals nicht gemacht und ich fand es sehr lästig, dass wirklich bis zu meinem letzten Tag Leute zu mir kamen, mich auf Finnisch anredeten und ich immer das gleiche "I don't speak Finnish" runterleiern durfte. Kurz gesagt: die Leute wußten einfach nicht, wer ich bin und was ich dort tue. Das habe ich im Abschlußgespräch mit dem Direktor auch bemängelt und meine Nachfolgerin haben sie dann auch gleich ganz brav zumindest den Studenten in ihrem Wohnhaus vorgestellt. Ansonsten gibt es aber nichts negatives über das Projekt zu berichten und ich glaube, jeder wird sich dort auf Anhieb wohlfühlen, vor allem weil die Leute auch so nett sind, die dort arbeiten und es ja auch immer einen zweiten Freiwilligen gibt, mit dem man die Köpfe zusammenstecken kann. Die Studenten hingegen sind da schwieriger handzuhaben. Ich habe es nicht geschafft, irgendwelche Bekanntschaften zu schließen und meine Nachfolgerin hat es auch schon aufgegeben, weil sie niemand zurückgrüßte, wenn sie gegrüßt hat. Okay, die Finnen sind allgemein etwas schwieriger, aber ich möchte das nicht verallgemeinern und packe nur die Studenten, die zu meiner Zeit in der Akatemia waren in einen Topf. Von meiner Vorgängerin weiß ich, dass die Studenten davor ganz anders waren und sie sich mit vielen gut verstanden hat. Also nicht den Mut verlieren und einfach am Ball bleiben, dann wird das schon und man kann sich mit den Finnen anfreunden und wenn man sie erst einmal besser kennt, wird jeder merkten, dass sie einfach sensationell sind. Jedenfalls ich habe noch kein putzigeres und liebenswerteres Völkchen als die Finnen getroffen und darum bin ich auch glatt hier geblieben. Mittlerweile wohne ich mit meinem Freund (Finne) zusammen in einer hübschen, großen Studentenwohnung in Tampere. Wenn jemand von den zukünftigen Finnland-Freiwilligen also einmal einen Kontakt in Tampere braucht oder generell in Finnland: ich bin hier! indianajonesfi@yahoo.de

Was kann ich euch sonst noch für Tipps geben? Für den Sommer würde ich mir auf jeden Fall ein Mittel gegen Mücken mitbringen (aus meiner Erfahrung wirken die Sprays am besten). Es ist mit diesen Biestern zwar nicht so schlimm, wie man immer hört, aber in der Nähe von Wasser und inmitten unberührter Natur (und das gibt es hier ja nicht gerade selten) findet man schon einmal einen größeren Schwarm (mir nur einmal zum Juhannus-Fest passiert, als wir Freiwilligen ein Ferienhaus mitten im Wald und an einem kleinen Fluß gemietet hatten). In der Stadt gibt es genauso wenig Mücken wie auch in Deutschland, aber wer eben draußen arbeiten sollte in seinem Projekt, der wird auch schon den einen oder anderen Mückenstich ertragen müssen (und finnische Mücken sind größer und aggressiver!). Für den Winter empfehle ich wirklich gutes Schuhwerk oder man sollte sich Nägel durch die Schuhsohlen schlagen (bitte in die richtige Richtung, sonst könnte es leicht schmerzhaft werden), denn es kann verdammt glatt werden! Vor allem in der Akatemia führt der Weg vom Wohnhaus zu Bibliothek und Hauptgebäude bergab und da ist eine mehr oder weniger lustige Rutschpartie vorprogrammiert.
Ansonsten: viel rumreisen, wenn ihr einmal hier seid. Das Land ist so wunderschön, dass man gar nicht genug davon sehen kann! Nutzt also die Gelegenheit und bleibt mit den anderen Freiwilligen in Kontakt, die ihr im On-Arrival-Training kennenlernt und die ihr dann besuchen fahren könnt. Seid nicht so schüchtern und quatscht einfach ein paar Finnen an, um Kontakte zu knüpfen, denn von allein kommen sie in den seltensten Fällen (außer mit genug Alkohol im Blut). Und vielleicht noch ein letztes: genießt die Zeit, die ihr hier haben werdet, es ist eine einmalige und unvergessliche Zeit! Nach England, Frankreich und in den Süden kann ja jeder gehen, aber ganz ehrlich - wir Finnland-Freiwilligen sind eindeutig die Coolsten! In diesem Sinne wünsche ich allen Zukünfigen einen wunderschönen EVS hier oben im hohen Norden!

Und natürlich auch noch einmal ein ganz dickes Dankeschön und Lob an den IFAP dafür, mir das überhaupt alles ermöglicht zu haben!

Corina