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Erfahrungsbericht Jana

Im Februar 2003 sollte es endlich soweit sein. Ich sollte sechs Monate meines Lebens in Queluz, einem Vorort von Lissabon, verbringen und dort mit Kindern arbeiten. Ich konnte weder die Sprache noch wusste ich, wo ich untergebracht werde oder was genau mein Aufgabenfeld sein würde. Ich habe keine großen Erwartungen gehabt oder besser gesagt mit dem Schlimmsten gerechnet, damit ich keine bösen Überraschungen erlebe. Im Nachhinein, denke ich, war das, das Beste was ich machen konnte, denn es kam alles besser.
Am Flughafen in Lissabon stand ich erstmal und wartete. Ein junger Mann, der sich mit dem Namen Diogo vorstellte, kam dann auf mich zu. Er meinte, meine Mitarbeiterinnen stünden im Stau und würden gleich kommen. Er konnte gut Englisch. Als die Anderen eintrafen, wurde mir erklärt, ich würde in einer Familie wohnen. Die 25 jährige Tochter Carla war auch schon dabei.
Wir fuhren dann nach Queluz. Mir wurde mein Arbeitsplatz gezeigt, so wie die Hauptstelle der Organisation "Olho Vivo". Alle konnten gut Englisch. Dann ging es kurz zu meiner neuen Wohnung. Ich hatte ein eigenes Zimmer sowie ein eigenes Bad. Dann wurde besprochen, wie das mit dem Essen geregelt wird. Da ich mich vegetarisch ernähre, wollte ich für mich selbst kochen. Carlas Mutter hatte damit keine Probleme. Abends ging es dann nach Lissabon. Der Bahnhof lag fünf Minuten von meinem Haus entfernt und die Bahn braucht 20 Minuten nach Lissabon, direkt ins Zentrum.
Dort habe ich gleich eine Menge Leute kennen gelernt. Es war etwas komisch, wenn alle portugiesisch gesprochen haben und man selber nichts versteht. Alle waren aber bemüht, sich mit mir auf Englisch zu unterhalten. Meine Gastschwester Carla kam auch noch, denn sie ist mit meiner Mitarbeiterin befreundet. Ich kam spät ins Bett und war sehr geschafft und auch sehr durcheinander durch die vielen neuen Eindrücke. Am zweiten Tag hatte ich eine Besprechung mit meiner Chefin. Sie erklärte mir, dass mein Projekt erst später starten würde und ich erstmal in der Hauptzentrale arbeiten müsste. Mein Geld würde ich auch erst am Ende des Monats bekommen, wie jeder Arbeitnehmer. Nur das Essensgeld bekam ich schon. Auch hatte sie noch keinen Portugiesischlehrer für mich.
Carla kümmerte sich sehr um mich. Sie nahm mich immer mit, wenn sie ihre Freunde sah. Ich verstand mich sehr gut mit ihr. Einer ihrer Freunde hatte auch am gleichen Tag Geburtstag wie ich. Er war Ende Februar. Also hatte ich auch gleich eine Gelegenheit meinen Geburtstag zu feiern.
Mein erster Arbeitstag kam dann auch. Er sollte um 9 Uhr beginnen. Ich war natürlich pünktlich. Das Problem war nur, es war keiner da. Also stellte ich schnell fest, dass Portugiesen sehr unpünktlich sind. Ich hatte nicht viel zu tun und surfte viel im Internet. Später würde ich dann mit Laura und Sonía zusammenarbeiten, die auch beide 25 sind und Psychopädagogin sowie Psychologin sind. Laura war meine Koordinatorin. Sie erzählte mir auch, wie sie sich die Arbeit vorstellt. Sie hatte sehr gute Ideen. Sie fragte mich, was ich gerne mit den Kindern machen würde. Es gab nämlich mehrere portugiesische Freiwillige, die verschiedene Projekte von "Fotoatelier" bis "Handpuppen anfertigen" mit den Kindern vorhatten. Ich entschied mich etwas mit Musik zu machen, da ich selbst einige Instrumente spiele. Ich wusste nur noch nicht, wie mein Musikprojekt aussehen sollte. Also hatte ich nun eine Aufgabe. Es war aber recht anstrengend jeden Tag von 9 bis 18 Uhr zu arbeiten und nicht wirklich viel zu tun zu haben. Das zog sich dann einen ganzen Monat hin. Auch einen Portugiesischlehrer bekam ich erst nach drei Wochen. Ich hatte große Schwierigkeiten Portugiesisch zu lernen. Erstens konnten alle Englisch und zweitens sind Sprachen nicht meine Stärke. Mein Portugiesischlehrer brachte mir dann auch nur Dinge bei, die ich schon konnte. Er konnte mir nur acht Stunden geben, da das bereitgestellte Geld nicht für mehr Stunden reichte. Jedenfalls meinte das meine Chefin. Zum Glück bot mir mein Lehrer an, an seinem Portugiesischkurs teilzunehmen. Der war zweimal die Woche vormittags. Dort haben Timoresen Unterricht, die aber schon längere Zeit in Portugal leben. Ich weiß nicht, ob ich dort viel gelernt habe. Ich habe aber sehr gute Freunde gefunden.
Nach einem Monat fing meine wirkliche Arbeit an. Ich arbeitete vormittags mit 15 Kindern und nachmittags mit 15 Kindern. Die Kinder sind zwischen sechs und dreizehn Jahre alt. Es war sozusagen eine Betreuung vor bzw. nach der Schule für Kinder, die sehr arm sind, und von denen sich die Eltern eine bezahlte Betreuung nicht leisten können.
Viele Eltern sind drogen- oder alkoholabhängig, haben keine Arbeit und wohnen oft zu zehnt in einer Zweizimmerwohnung ohne Strom und fließend Wasser.
Die Eltern haben also genug Probleme und nicht die Kraft sich um die Kinder zu kümmern. Die Kinder verbringen die meiste Zeit auf der Straße, klauen und betteln. Sie sind schlecht in der Schule und viele haben schon Klassen wiederholt. Sie sind daher sehr aggressiv und wissen nicht, wo ihre Grenzen sind.
Es ist also sehr schwer mit ihnen zu arbeiten. Wir waren also zu dritt. Leider kamen die anderen Freiwilligen so gut wie nie und Sonía und Laura haben sich lange dagegen gewehrt, die Arbeit eines Erziehers zu übernehmen. Sie waren sehr überfordert mit den Kindern und waren frustriert, dass sie nicht mehr Unterstützung von der Organisation bekamen. Leider haben sie den Frust an mir ausgelassen. Ich konnte ihnen kaum etwas Recht machen. Sie halfen mir auch nicht, da sie selbst zu beschäftigt mit den Kindern waren. Ich kam mir etwas fehl am Platz vor. Da ich nie genau wusste, wie ich helfen kann und auf Unterstützung nicht hoffen konnte. Als ich dann mit meinem Musikprojekt startete und die Kinder schnell die Konzentration verloren, halfen mir die beiden auch nicht, sondern standen in der Ecke.
Ich fand es schade, dass sie mir nur zeigen wollten, wie hilflos sie sich immer vorkommen und das auf Kosten der Kinder ging. Ich hatte dann einige Probleme und war etwas depressiv, was meine Arbeit nicht förderte. Ich dachte mir dann aber, dass das nicht so weitergehen kann und hatte ein Gespräch mit den beiden. Ich stellte dabei fest, dass sie andere Vorstellungen von Erziehung haben und ich auf ihre Unterstützung wirklich nicht zählen kann. Jedenfalls wusste ich dann wie sie denken und konnte besser damit umgehen. Ich fand dann meinen eigenen Weg, habe das Musikprojekt Musikprojekt sein lassen und habe den Kindern bei den Hausaufgaben geholfen, mit ihnen Brettspiele gespielt und mich viel um einen Jungen gekümmert, der oft ausgerastet ist und andere Kinder vom Spielen abgehalten hat. Somit war dann die ganze Gruppe ruhiger.
Durch die Kinder habe ich dann auch etwas Portugiesisch gelernt. Viele Leute, die ich kannte, wollten aber Englisch reden um dieses zu verbessern. Ich habe in den sechs Monaten den Grundwortschatz gelernt. Es hat für das öffentliche Leben gereicht, aber anspruchsvollere Unterhaltungen kann ich noch nicht führen. Ein guter Weg, um die Sprache zu lernen, ist das Zeitung lesen sowie Fernsehen.
Im Juli hatte ich dann größtenteils frei, da die Kinder Ferien hatten. Das war meine beste Zeit. Ich habe auch sehr gute Freunde in Portugal gefunden, viele erst in den letzten Monaten. Ich denke, dass sechs Monate zu kurz sind. Da ich mich am Ende erst eingelebt hatte und ich gern länger geblieben wäre.
Ich habe mir auch viel von Portugal angesehen. Man sollte das auf jeden Fall ausnutzen. Die Transportmittel sind auch nicht sehr teuer. Meine Unterkunft war sehr gut. Auch wenn ich vielleicht nicht so selbstständig geworden bin, wie ich es wollte. Da ich halt immer eine Mutter hinter mir hatte.
Ich habe in den sechs Monaten sehr viel gelernt und gute wie schlechte Erfahrungen gemacht, aber es sind halt Erfahrungen.
Ich habe eine neue Kultur und Sprache kennen gelernt. Ich habe auch mehr über mein eigenes Land und sehr viel über mich selbst erfahren. Da ich auch Freunde aus Timor sowie Litauen fand, habe ich nun ein größeres Interesse in Bezug auf das Geschehen in der ganzen Welt. Ich habe mich in dieser Zeit allgemein mit Menschen aus der ganzen Welt unterhalten.
Ich dachte immer, ich wäre weltoffen, aber es gibt so viele Dinge, die ich noch gar nicht weiß und ich werde jetzt etwas dagegen tun. Für mich war es die richtige Entscheidung am Europäischen Freiwilligendienst teilzunehmen. Ich würde mich immer wieder dafür entscheiden.

Jana