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Erfahrungsbericht Fiona

Bevor Sie oder du meinen Abschlussbericht lesen/liest, muss ich klarstellen, dass es mir gut geht und der Europäische Freiwilligendienst trotz all der Probleme, die er mit sich bringt, eine tolle Erfahrung war.

Meine Arbeit im Projekt an der Sprachschule Villaverde:
Ich habe nach dem spanischen Schulkalender immer nachmittags in der offiziellen Sprachschule gearbeitet, das heißt, dass ich Ferien hatte, wenn spanische Schulkinder auch Ferien hatten (und das ist viel) und ansonsten alle Tage von 16.00 bis 20.00 oder 21.00 Uhr in der Schule war.
Die Arbeit hat mir sehr gut gefallen und ich habe mich wohl dabei gefühlt. Ich habe Konversationsunterricht vorbereitet und gegeben, Unterrichtsstunden gemacht, in denen die Schüler hauptsächlich sprechen mussten und Vorträge über deutsche Bräuche und Kultur gehalten. Außerdem habe ich kleine Arbeiten im Fachbereich Deutsch erledigt. Die Arbeit war sehr interessant für mich und nicht nur die Schüler haben (hoffentlich) viel in meinem Unterricht gelernt sondern auch ich selbst. Heute bin ich weniger nervös, wenn ich vor einer Klasse sprechen soll und benutze die deutsche Sprache bewusster.
Mein Projekt fing Anfang Dezember an, was der denkbar schlechteste Moment für einen Projektstart war, weil Weihnachten vor der Tür stand und damit die Ferien. Im Januar habe ich mir hauptsächlich den Ablauf der Unterrichtsstunden angeschaut und mich mit der Ausstattung (Lehrwerke, Videos Bücher,...) des "Departamento de Alemán", meiner Arbeitsstelle vertraut gemacht. Ab Februar habe ich mit der gesamten oben genannten Arbeit angefangen.
Am Anfang fiel es mir schwer, nicht zu schnell mit den Schülern zu sprechen und einfache Wörter zu benutzen. Da meine Spanischkenntnisse nicht erwähnenswert waren, stand ich oft vor der Frage, wie ich dieses oder jenes denn nun erklären sollte. Mit den beiden Deutschlehrerinnen, die an der E.O.I. arbeiten, habe ich mich gut verstanden und sie haben mir geholfen, aus meiner Sprachmisere herauszukommen.

Seminare während des Projekts:
Mein Einreiseseminar hatte ich Mitte Januar in der Nähe von Barcelona, also anderthalb Monate nach meiner Ankunft hier in Madrid. Das Seminar war toll (und zum Glück nicht wie angekündigt auf Catalan), der eigentliche Sinn wurde jedoch verfehlt, da ich nach anderthalb Monaten schon mit den wichtigsten Dingen vertraut war und das dank meiner Mitbewohnerin und nicht dank meines Tutors Arturo.
Das Mid-Term-Meeting in Toledo war eine schöne Erfahrung und wir hatten eine tolle Woche dort. Es war erleichternd zu hören, dass andere Freiwillige ähnliche Probleme hatten und wir aus unserer Aufnahmeorganisation Espacio Europa Joven nicht die einzigen Freiwilligen ohne Tutor waren.

Die Unterbringung:
Leganés, die Stadt, in der wir wohnen, eine südliche Vorstadt von Madrid, ist ehrlich gesagt nicht schön. Ein treffendes spanisches Wort für diese Art von Stadt ist Schlafzimmerstadt - ciudad dormitorio. Außer Schlafen kann man in Leganés auch nicht viel machen. Madrid ist aber mit verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen.
Unsere Wohnung hat keine Heizung, was im Winter wirklich unangenehm war und alles andere als gesundheitsfördernd und ökonomisch, weil wir die 75 m² große Wohnung mit kleinen elektrischen Heizlüftern geheizt haben.
Anfangs wohnten auf diesen 75m² drei Freiwillige, dann kam ich Anfang Dezember in die WG dazu und Anfang Februar kam eine weitere Freiwillige mit einem dem EFD ähnlichen Programm zu uns in die Wohnung. Genau gesagt standen also am Ende allen exakt 15m² Fläche in einer Wohnung aus der Zeit Francos zu. Diese miserable Wohnsituation lässt sich auch mit den hohen Mietpreisen in Madrid nicht erklären, weil die Wohnung 311 pro Monat kostet, das macht ca. 62 Miete pro Person. Die Wohnung hat keinen festen Gasanschluss, weswegen wir Probleme mit Gasgeruch in der Küche und dem Neubestellen und Bezahlen von Gasflaschen hatten, was auf die Dauer sehr lästig war.
Das Unglücklichste an der Unterbringung war allerdings, dass die Zusammenstellung von Charakteren in unserer Wohnung nicht gelungen ist. Dadurch habe ich gelernt, dass es nicht immer die richtige Lösung ist, Toleranz für alles zu zeigen, aber eine schöne WG-Erfahrung wäre mir lieber gewesen. Mit zwei meiner Mitbewohnerinnen habe ich mich außerordentlich gut verstanden, mit den anderen beiden nicht. Da man sich räumlich nicht aus dem Weg gehen konnte, haben wir unseren Tagesablauf aufeinander abgestimmt und uns auf diese Weise wenig gesehen oder gestört. Die WG war, wie man leicht sehen kann, nicht mein Rückzugsort sondern meine Arbeit.

Das leidige Thema Geld:
Eine Bezahlung von 300, die keine Bezahlung ist sondern ein Taschengeld, weil die Arbeit freiwillig ist, kann in Madrid wahrlich knapp werden! Das Geld ist ausreichend um zu überleben, aber eine gesunde Ernährung mit viel Gemüse, Fisch und Fleisch ist davon nicht zu bezahlen. Da der EFD in der Theorie für Jugendliche aus finanziell schwachgestellten Familien gedacht ist, würde ich einen Freiwilligendienst in Madrid nicht empfehlen, wenn man nicht ein bisschen Geld gespart hat oder schwarz arbeiten kann/will. Die genaue Aufteilung der 300 monatlich sah folgendermaßen aus: 150 Taschengeld, 30 für das Monatsticket und 120 für Verpflegung und Dinge wie Waschmittel, Klopapier und andere Haushaltsgegenstände. In der Praxis war es eher so, dass ich außer den 120 noch ca. ein Drittel meines Taschengeldes für Lebensmittel ausgegeben habe. Interessant ist auch die Bezahlungsweise, bzw. die Wege, die das Geld gegangen ist, um bei mir anzukommen. Es sollte eigentlich immer am Monatsanfang direkt vom Tutor bar an die Freiwilligen ausgezahlt werden, im Endeffekt habe ich das Geld zwei mal direkt von Arturo, meinem Tutor, bekommen und ansonsten ging das Geld durch die Hände von wer weiß wie vielen Freiwilligen, um zu mir zu gelangen, außerdem wurden wir immer erst am Monatsende bezahlt.

Betreuung während des Projekts:
Dieser Abschnitt könnte der kürzeste werden, weil ich von meinem Tutor Arturo so gut wie überhaupt nicht betreut wurde, es gibt aber zum Glück noch Lola, die Studienleiterin an der E.O.I. Villaverde, die mich während meiner Projektzeit betreut hat. Lola hat meine Zeit so angenehm wie möglich gemacht und die besagte kritische Anfangsphase mit Gesprächen auf Deutsch abgefangen. Im Krisenfall konnte ich mich also auf Lola verlassen und habe bei ihr Hilfe und Verständnis gefunden. Von Lola habe ich mich verstanden und angenommen gefühlt. Die Aufnahmeorganisation Espacio Europa Joven besteht im Grunde aus Arturo und den beiden Freiwilligen, die EFD-Plätze für spanische Jugendliche im Ausland vermitteln. Momentan ist Arturo also Tutor für 14 EFD-Freiwillige und vier Freiwillige des Civil Service, außerdem hat er einen Job als Lehrer in einem Colegio. Man kann sich denken, dass er nach seiner Arbeit als Lehrer nicht mehr viel Lust hat, sich um 18 kleine Probleme zu kümmern. Die Freiwilligen, deren Art es nicht ist auf andere Menschen mit ihren Problemen zuzugehen und um Hilfe zu bitten, bekommen Arturo nicht zu Gesicht und stehen ohne Betreuung da. Bei der wenigen Betreuung durch den Tutor, die ich hatte, fiel es trotzdem nicht schwer, zu erkennen, dass Arturo Lieblinge hat und solche Freiwillige als lästig abstempelt, die ihn mit ihren Sorgen belasten. Einen Elternersatz kann und soll ein Tutor nicht darstellen, aber mehr Einsatz und Interesse an den Freiwilligen sollte ein guter Tutor auf alle Fälle mitbringen.

Sprachunterricht:
In den ersten beiden Monaten hatte ich keinerlei sprachliche Ausbildung außer der Dinge, die eine Mitbewohnerin mir beigebracht hat oder die ich aufgeschnappt habe. Ab Februar habe ich einen Sprachkurs "Spanisch für Ausländer" an der E.O.I. Leganés besucht. Sehr effektiv war dieser Kurs nicht, aber es hat manchmal viel Spaß gemacht und dort habe ich nette Leute kennengelernt. Heute kann ich fast alles im Spanischen verstehen, wenn die Leute deutlich sprechen (langsam sprechen wäre von Spaniern zu viel verlangt) und Geduld mit mir haben.

Was habe ich noch gelernt?
Ich habe gelernt, dass man sich sofort beschweren oder Dinge klarstellen muss, wenn einen etwas stört oder seltsam vorkommt. Da ich in einer internationalen WG gewohnt habe, bin ich nun vertrauter damit, andere/unbekannte Handlungsweisen zu beobachten und zu akzeptieren. Ich interessiere mich heute mehr für andere Länder als vorher, weil ich mit einem Land eine Person verbinde und nicht nur einen Fleck auf der Landkarte. Durch das Zimmerteilen habe ich mehr Toleranz gelernt. Andere Erfahrungen waren,
- dass man etwas Ähnliches wie Kartoffelpüree erhält, wenn man kleine Kartoffeln ca. 50 Minuten lang kocht,
- dass Ungarisch die wahrscheinlich schwerste Sprache der Welt ist, aber einige Wörter dem Deutschen entnommen sind,
- dass toxische Gase in einem Kühlschrank gezüchtet werden können, und
- dass Spanien das Land der verschiedensten Gerüche ist.

Mein Gesamteindruck ist durchweg positiv und ich bin mir sicher, dass der EFD die spannendste, interessanteste, beeindruckendste, tiefschürfendste, großartigste, internationalste, kulturbildende Erfahrung meines bisherigen Lebens war. Er war nur leider viel zu kurz!

Fiona