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Erfahrungsbericht Johanna

Anfang September packte ich meine zwei Koffer und machte mich auf den langen Weg in meine zukünftige Heimat- die Österreichische Kulturmetropole und Hauptstadt Wien. Erschöpft angekommen am Wiener Westbahnhof wurde ich von einer "Grenzenlos"- Mitarbeiterin abgeholt und in meine neue Wohnung gebracht. In meiner neuen WG teilte ich mir Küche und Badezimmer mit drei anderen Freiwilligen- einem Rumänen, einem Holländer und einer Italienerin. Da ich als Letzte eintraf, musste ich mich mit dem kleinsten und unmöbilisiertesten Zimmer zufrieden geben, das sich jedoch nach einer Grundrenovierung als annehmbar und gemütlich herausstellte. Gleich am nächsten Tag fuhr ich zu dem "welcome" Seminar, das für die neuen EVS TeilnehmerInnen in Österreich veranstaltet wurde. Auf diesem viertägigen Seminar traf ich auf andere Freiwillige aus ganz Europa. Wir teilten unsere anfänglichen Ängste und Erwartungen und ließen uns von der guten Küche und dem sehr schönen Ambiente des Seminarhotels verwöhnen. Das war meine erste aufregende Woche in meiner neuen Heimat Wien. In dem folgenden Abschlussbericht werde ich zuerst von dem Freiwilligendienst bei amnesty international berichten und anschließend einen kurzen Einblick auf meine "Freizeit" während dieser 10 Monate geben.

An einem Montag morgen ging ich zum ersten Mal zu dem ai office, das ich, wie sollte es anders sein, nicht sofort ausfindig machen konnte. Freundlich begrüßt von meiner Kollegin gab sie mir eine Führung durchs Büro und ich bekam einen Schreibtisch mit Computer und Telefon in dem Empfangsbereich zugewiesen. Dies war mein Arbeitsplatz für die folgenden fünf Monate. In der "administration unit" bestanden meine Tätigkeiten im Telefonservice, dass beinhaltete Fragen beantworten, Stornierungen und Beschwerden aufnehmen, Gespräche weiterleiten; in der Bearbeitung von Materialbestellungen und Informationsanfragen, angefangen von der Aufnahme der Bestellungen bis zur Versendung des zusammengestellten Materials; in der Organisation und Durchführung von einem landesweiten thematischen Seminar zur "Frauenkampagne" und der Generalversammlung des Vereins sowie in vielen kleinen Hilfsarbeiten, einschließlich kopieren, faxen und die Beantwortung von Emails und Briefen. Meine Kolleginnen waren immer sehr aufgeschlossen und hilfsbereit und dadurch hatte ich ein angenehmes Arbeitsklima, was ich sehr zu schätzen weiß. Leider war die Arbeit meist nicht sehr anspruchsvoll und mir fehlten weitgehend neue Herausforderungen sowie die Möglichkeit einen persönlichen, kreativen Input zu geben. Eine persönliche Bereicherung war, dass ich die Möglichkeit hatte an einigen menschenrechtsrelevanten Seminaren teilzunehmen. Im Februar wechselte ich nicht nur den Schreibtisch, sondern auch meinen Aufgabenbereich. Von diesem Zeitpunkt an arbeitete ich in der "policy unit", die für die Öffentlichkeitsarbeit und die Umsetzung der inhaltlichen Arbeit von ai Österreich verantwortlich ist. Fortan bestanden meine Aufgaben vorwiegend darin Presse- und Kampagnentexte aus dem Englischen ins Deutsche zu übersetzen und Dokumente ( Antwortschreiben) in Englisch zu verfassen. Weiterhin war ich für das Pressearchiv verantwortlich. Daher habe ich täglich die "Clippingmappe" und den Pressespiegel erneuert und die Artikel stets an eine Pinnwand in der Küche gehängt. Ebenso gab man mir die Möglichkeit in inhaltlichen Besprechungen meine Sichtweise zu vertreten und ich hatte die Chance bei Interviews von Hörfunk, Printmedien und Fernsehen dabei zu sein. In meinem EVS- Zeitraum in der Presseabteilung habe ich für die ai Zeitung Artikel geschrieben und Interviews gemacht, was wohl der Höhepunkt meiner Tätigkeit darstellt. Viel Freude bereitete mir auch die Organisation der zwei Pressekonferenzen, für die ich mit der Pressesprecherin zuständig war. Weiterhin habe ich gelegentlich in der administration unit ausgeholfen und Aufgaben, wie das Dekorieren von Schaukästen in U-Bahnstationen und Theatern sowie das Auflegen von Informationsmaterialien in kulturellen Einrichtung und Bibliotheken, weiter betreut. Die zweite Hälfte meiner EVS Zeit bei Amnesty war durch den Aufgabenbereich interessanter und anspruchsvoller. Ich habe viel über Pressearbeit gelernt und einen guten Einblick in diesen journalistischen Zweig bekommen. Jedoch waren auch meine ersten fünf Monate hilfreich, denn dort lernte ich viele administrative Tricks und den Umgang mit Menschen, da ich für die Betreuung von Hilfesuchenden mitverantwortlich war. Daher kann ich meinen EVS bei ai Österreich als durchaus erfolgreiches Projekt beschreiben, währenddessen ich überwiegend positive Erfahrungen gemacht habe.

Zu meinen Erlebnisse während meines Freiwilligendienstes gehören selbstverständlich nicht nur die meines Arbeitsalltags bei amnesty international. Dieses EVS Jahr ermöglichte mir mich mit viel Zeit meinen eigenen Interessen zu widmen. Diese kostbare Zeit habe ich genutzt um Dutzende von interessanten Büchern zu lesen, einen Spanischkurs zu belegen, schwimmen zu gehen und insbesondere Österreich und die nahen osteuropäischen Länder zu bereisen. Bis auf Graz habe ich alle größeren Städte in Österreich besucht und die wunderschöne Umgebung von Wien erkundet. Budapest, Bratislava und Prag waren auch beeindruckende Städte die ich bereist habe. Ebenso hatte ich die Gelegenheit einige Wochenenden nach Hause zu fahren und während meiner langen Weihnachtsferien erfolgreich meine praktische Führerscheinprüfung zu absolvieren. Zum Ende meiner EVS Zeit ermöglichten es mir meine zahlreichen Überstunden, dass ich sogar noch eine Woche Urlaub im sonnigen Portugal verbringen konnte.

Die Freundschaften mit anderen Freiwilligen aus ganz Europa sind sicherlich ein weiterer positiver Aspekt dieses EVS. Hier in Wien waren bis zu 30 Freiwillige, mit denen ich die meiste Freizeit verbrachte. Wir waren zusammen tanzen und feiern, haben international gekocht und sind zusammen verreist. Leider hatten wir Freiwilligen wenig Kontakt zu ÖstereicherInnen, die nur gering Interesse an uns zeigten. Wir hatten allerdings viel Spaß zusammen und mit meinen besten FreundInnen werde ich sicherlich in Kontakt bleiben.

Wien als Wohnsitz ist einfach super. Die Stadt bietet jedem unendlich viele Möglichkeiten der vielfältigsten Freizeitgestaltung. Am liebsten waren mir dennoch die Theater-, Opern- und Konzertbesuche in wunderschönen, herrschaftlichen Gebäuden. Die verschiedenen Ausstellungen und das Kulturprogramm allgemein hat mich fasziniert und ich habe diese einzigartige Chance dank der günstigen Studententickets so oft wie möglich genutzt. Auch der traditionelle Cafébesuch gehörte zu einer meiner liebsten Beschäftigungen, besonders während der kälteren Jahreszeiten. Dennoch auf den Geschmack der Wiener Melange und des hochgerühmten Wiener Kaffees kam ich leider nicht während meines Aufenthaltes. Jedoch prägte die ausgezeichnete heiße Schokolade mit Schlagobers im Cafe Prückel meine winterlichen Lesestunden.

Ende Januar musste ich auf Grund der Wohnungskündigung, erwirkt durch die Lärmbelästigung meiner zwei männlichen Mitbewohner, umziehen. Da ich sowieso kein gutes Verhältnis zu diesen ruhestörenden, intoleranten Chaoten hatte, war ich nicht allzu traurig meine zentrale Wohnlage aufgeben zu müssen. Einem Glücksmoment ist es zu verdanken, dass ich eine super tolle Wohnung nicht ganz so zentral aber trotzdem in guter Lage gefunden habe. Mein kleines Zimmer unter dem Dach ist mir sehr lieb geworden und die Wohnung war mit zwei Badezimmern, zwei Balkons und einem großen Wohnzimmer vergleichsweise luxuriös ausgestattet. Meine zwei männlichen Mitbewohner ( ein Medizinstudent und ein Künstler) stellten sich als angenehme Mitbewohner heraus und mein Leben wurde stets durch das bunte Treiben der vielen Gäste bereichert.

Mein EVS bei amnesty international hat mir ein einzigartiges, spannendes und sehr schönes Jahr in Wien ermöglicht. Ich habe in diesen zehn Monaten viele neue Erfahrungen beruflich sowie privat gemacht und ich bin sehr dankbar, dass die EU dieses großartiges Programm ins Leben gerufen hat und dass ich an diesem Projekt teilnehmen durfte.

Johanna