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Zwischenbericht Agnes

Nun bin ich schon wieder drei Wochen hier seit meinem Norwegen-urlaub und Stockholm-Seminar, da könnte ich so langsam mal wieder was schreiben.
Als Zwischenbeurteilung meines Projektes gibt es folgendes zu erzählen:
Die Arbeit in meinem Projekt, die ja vorher nicht genauer festgelegt war und jetzt so gut wie 100%ig in der Schule stattfindet (ausser Jugenzentrum ab und zu), ist sehr gut. D.h. ich habe meine Aufgaben in der Schule, fuer die ich verantwortlich bin, die ich erfuellen kann und die mir Spass machen. Meine drei Lehrerkollegen wissen zu schätzen, dass ich eine gute Arbeit mache und lassen mir auch viele Freiräume in meinen Bereichen. Ich arbeite hauptsächlich mit einzelnen Kindern zu regelmässigen Zeiten, was ich sehr angenehm finde.
Ich kann inzwischen auch recht gut schwedisch, so dass die Kinder sich auch an mich wenden und mir zumindest alles erklären können, wenn ich was aufs erste mal nicht verstehe/ Wörter nicht kenne (auch eine sehr gute Uebung fuer die Kinder...). Ich hab die Kinder auch gerne und bin gern in der Schule.
Vom Wohnen her ist das Projekt auch absolut nobel- eigene Wohnung, ist mir inzwischen sogar lieber als eine WG mit Anne (Mitfreiwillige), weil wir uns auf die Dauer schon nerven. Das ist auch das Problem. Wir verstehen uns im Prinzip ja schon recht gut, aber wir können beide nicht nur eine Freundin haben, mit der man auch noch viel zu viel Zeit verbringt, sondern wir brauchen beide einfach mehr Leute um uns herum, mit denen man sich mal treffen könnte.
Die Leute im Jugendzentrum sind fast nur dort und treffen sich nie mal bei jemand zu Hause, zu zweit oder so. Und im Jugendzentrum entwickeln sich solche individuellen Freundschaften nicht so. Wir haben auf dem midterm-seminar viel ueber schwedische Freundschaften geredet, und alle waren sich einig, dass es sehr schwer ist. Die Schweden sind oberflächlich sehr nett, im Prinzip aber sehr zurueckhaltend, um ja nicht aufdringlich zu wirken, obwohl sie selbst vielleicht auch mehr Kontakt wollten. Die Schweden untereinander werden daher ganz schön einsam. Keiner beschwert sich aber, weil die Schweden gleichzeitig ein sehr weiches, zufriedens Völkchen sind.
Meine Stadt ist zudem halt noch sehr klein und langweilig, da hat man kaum Chancen Leute kennenzulernen.
Auf dem Midterm-seminar haben sich dafuer ganz gute Freundschaften entwickelt, an meinem Geburtstag habe ich schon Besuch aus Stockholm bekommen, und andere Besuche werden bald stattfinden. Das Seminar habe ich wirklich so genossen, mal wieder unter Freunden zu sein!
Ich glaube das ist ein ganz guter Ueberblick, wie es mir so geht- Arbeit super, Freizeit langweilig.
Insgesamt gefällt es mir aber trotzdem sehr gut, es ist einfach so schön, sich jetzt in einem fremden Land zurechtzufinden und wirklich dort zu leben. Und ausserdem kommt jetzt der Fruehling und bald der Sommer!! -warm, hell...was will man mehr...

Agnes

Erfahrungsbericht Agnes

Mein Bericht gliedert sich in vier Bereiche:

  • Arbeit
  • Wohnen
  • Betreuung
  • Soziales, Umfeld

Arbeit
Die Kirchengemeinde, für die ich arbeitete, hatte viele Projekte im sozialen Bereich- eines davon war eine Dorfgrundschule, die vor einigen Jahren vom Staat geschlossen und dann von der Gemeinde als Privatschule wiedereröffnet wurde. An dieser Schule habe ich und meine deutsche Mitfreiwillige Anne gearbeitet.
Die Grundschule hatte ungefähr 50 SchülerInnen, die in zwei Klassen aufgeteilt waren. Die eine Klasse, mit der ich hauptsächlich zusammen war, war in eine Vorschulgruppe von Fünf- und Sechsjährigen und in eine Gruppe der Sieben- bis Neunjährigen gegliedert. In "Annes Klasse" gingen die Zehn- bis Zwölfjährigen.
Für Privatschulen muss man in Schweden kein Schulgeld zahlen, sondern das Geld kam zum Teil vom Staat und zum Teil von der Gemeinde. Die Schule hatte ein starkes Profil, das nicht religiös, sondern pädagogisch geprägt war. Der Unterricht geschah kaum durch Frontalvorträge, sondern hauptsächlich durch selbständige Arbeiten, z.T. in kleinen Gruppen und in sehr kreativen Formen.
Durch die vielen LehrerInnen an der Schule war auch die Betreuung eines kleinwüchsigen Schülers sowie meherer hyperaktiver Kinder möglich, z.T. mithilfe spezieller, individueller Lernprogramme.
Meine Aufgaben in der Klasse waren nicht von Anfang an bestimmt, sondern haben sich erst mit der Zeit ergeben und auch wieder geändert, da vor mir und Anne nur eine Freiwillige statt zweien an der ganzen Schule war und diese Erfahrung damit noch nicht vorhanden.
Zu Beginn des Schuljahres habe ich viel zugeschaut, da ich noch kein schwedisch konnte. Durch den Sprachunterricht und das reine Dabeisein in der Schule lernte ich jedoch sehr schnell, und nach und nach konnte ich immer mehr mit den Kindern reden und ihnen mit ihren Aufgaben helfen. Dabei war es auch faszinierend zu sehen, wie sich die Kinder daran gewöhnten, dass ich absolut seltsame Wortkonstellationen von mir gab, die ich für schwedisch hielt; und wie sie mir oft Dinge erklärten, die für sie und alle anderen doch so selbstverständlich waren.
Die Atmosphäre in der Schule war sehr liebenswürdig und herzlich, was es mir einfach machte, mich einzuleben und wohlzufühlen. Dazu trug auch die Pädagogik der Lehrerinnen bei, mit denen ich zusammenarbeitete.
Es faszinierte mich immer und immer wieder, wie kompetent sie alle mit den Kindern umgegangen sind. Bei einem Streit wurde mit allen beteiligten Kindern zusammen gesprochen und dann herausgefunden, wessen Handeln in welcher Weise nicht in Ordnung war. Danach entschuldigte man sich und versuchte, sich zu bessern (was wegen der tollen Streitschlichtung noch lange nicht funktionierte).
Ich habe viel von dieser Art, mit Kindern umzugehen, gelernt und schätze dies sehr. Ich hatte lange Zeit nicht die sprachlichen Fähigkeiten, selbst so einzuschreiten. Sobald ich einigermaßen verstehen konnte, konnte ich jedoch zumindest zuhören und trösten. Ich hatte natürlich auch nicht die gleiche Autorität wie die Lehrerinnen, aber sie alle unterstützten in jedem Fall immer meine selbständigen Entscheidungen betreffend den Kindern und somit meine Autorität.
Mit der Sprache kamen dann auch festere Aufgaben, nach denen ich mich mit der Zeit schon gesehnt hatte. Mit einzelnen Kindern der ersten und zweiten Klasse übte ich regelmäßig Mathe, einige Kinder begleitete ich bei ihren Schwedischübungen am Computer. Mit einem geistig schwachen und langsamen Schüler machte ich täglich Konzentrations- und Buchstabentraining. Bei den Vorschülern war ich eine Stunde am Tag zur Spielaufsicht. Dabei kam es immer wieder zu Konflikten, da einige der wirklich anstrengenden Jungs bis zum Schluss nicht auf mich hörten.
Ansonsten war ich einfach bei den Aktivitäten der Klasse dabei- bei der Pause auf dem Schulgelände, beim Mittagessen, bei den zahlreichen Ausflügen, beim Sportunterricht, bei dem man in eine andere Schule fahren musste und beim Musikunterricht. Vor Weihnachten war ich eine Zeit lang die Flötenlehrerin und hatte sogar einen Auftritt beim Krippenspiel.
Der Unterricht für meine Altersstufe endete um 13Uhr, am Nachmittag konnten die Kinder unter Aufsicht noch an der Schule bleiben. Dort half ich einer anderen Pädagogin jeden Tag noch zwei Stunden. Die meiste Zeit verbrachten wir draußen auf dem weitflächigen Schulgelände, nur bei sehr schlechtem Wetter waren wir drinnen zum Spielen. Nachmittags bekamen die Kinder eine Zwischenmahlzeit, die ich mitausgab.
Insgesamt hat mir die Arbeit sehr viel Spass gemacht, obwohl ich auch anstrengende Grenzerfahrungen machen musste, was meine Autorität angeht. Die Schule war mein vertrautes Gebiet, wo ich von SchülerInnen und LehrerInnen gemocht und geschätzt wurde. Außerdem habe ich durch die Schule sehr viel schwedische Kultur kennengelernt, da alle Festlichkeiten des Jahres ausgeprägt gefeiert wurden. Meine Arbeitszeiten waren jeden Tag von 9Uhr bis 15Uhr, danach konnte ich beliebig das Internet in der Schule nutzen (bis um 17Uhr der Letzte gegangen ist...).

Wohnen
Meine Wohnsituation war sehr luxuriös, ich hatte eine Einzimmerwohnung mit Küche, Bad und Balkon in einem Wohngebiet. Im Haus nebenan hatte Anne die gleiche Wohnung, so dass wir uns oft treffen konnten. Die Schule war zehn Minuten mit dem Fahrrad von der Wohnung entfernt. Das Fahrrad war auch für die weitläufige Stadt und die Umgebung absolut notwendig.

Betreuung
Mein Tutor war sehr beschäftigt und hatte nie viel Zeit für uns. Es war immer anstrengend mit ihm etwas geregelt zu bekommen. Die wichtigsten Dinge haben aber funktioniert.
Ich haben jeden Monat pünktlich mein Taschen- und Essensgeld bekommen, was mehr als ausreichend war.
Sprachunterricht bekam ich von Anfang an zusammen mit Anne bei einer Privatlehrerin, die schwedisch als Fremdsprache und deutsch unterrichtete. Der Unterricht hat viel Spass gemacht und war sehr effektiv. Allerdings hatten wir nur 20 Stunden, die wir deshalb sparsam von September bis Weihnachten verteilten. Es hätte mir viel fürs Schwedisch gebracht, mehr Unterricht zu bekommen.
Ich hatte zwei Seminare in Stockholm, eins im September und eins im Februar. Die Seminare waren sehr schön und haben mir wichtige Erfahrungen und Kontakte gegeben.
Nach dem zweiten Seminar habe ich in die Wege geleitet, dass wir uns regelmäßig zu einem Tutorengespräch mit einer Sozialpädagogin der Gemeinde treffen konnten. Das hat gut funktioniert, es war dann leider nur schon etwas spät, um noch viel für uns zu ändern. Wir konnten ihr aber einfach viel erzählen, sie war eine gute Zuhörerin, und jetzt ist sie Tutorin für die neuen Freiwilligen.

Soziales, Umfeld
Die naheliegendste Freizeitbeschäftigung lag in der Gemeinde, die viele Aktionen anbot und ein belebtes Jugendzentrum betrieb. In diesem Jugendzentrum habe ich an einigen Wochenenden abends Süßigkeiten zusammen mit einem der schwedischen Jugendlichen verkauft.
Ich konnte dort jedoch keinen Anschluss finden, da die wenigsten Schweden am Anfang englisch mit mir gesprochen haben und der ganze Freundeskreis nicht besonders offen und interessiert war.
Da es dort oft langweilig war, zog ich es meistens vor, meine Zeit mit Anne zu verbringen. Mit ihr habe ich mich zwar gut verstanden, aber für uns beide war klar, dass uns das an privater Freundschaft nicht ausreichte. An manchen Abenden war es durchaus auch sehr nett im Jugendzentrum, aber das war für die Schweden anscheinend kein Grund, dass wir Freunde wurden. Ich habe immer und immer wieder Enttäuschungen erlebt, da ich mir nach einem netten Abend Hoffnungen auf Freundschaft gemacht habe, aber beim nächsten Treffen von deren Seite alles wieder vergessen war. Auf dem Zwischenseminar habe ich dann erkannt, dass es nicht an mir liegt, sondern dass die Schweden im Allgemeinen so sind und ich habe mich damit abgefunden, wenn ich es auch immer noch traurig finde.
Außerhalb der Gemeinde war man ja noch unbekannter und hatte in einer schwedischen Stadt von 22.000 Einwohnern zwar zum Glück Bibliothek, Kino und in unmittelbarer Nähe wunderschöne Natur, aber keine Chance Freunde zu finden. Dieser Mangel an Freunden war das entscheidende Defizit in meinem Jahr.
Dass es trotzdem ein tolles Jahr war, liegt eindeutig an der Schule!

Agnes