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Endbericht Anja

Hallo ich bin Anja, 21 Jahre alt, aus Schwerin, dem schönen Norden Deutschlands. Seit ich denken kann, wollte ich für ein Jahr ins Ausland, um eine neue Kultur kennen zu lernen, eine andere Sprache zu erlernen und mal anders als in Deutschland zu leben. Am Anfang standen wie wahrscheinlich bei vielen für mich Länder wie Amerika, Australien oder Neuseeland ganz hoch im Kurs. Da meine Eltern sich ein Schuljahr im Ausland nicht hätten leisten können, bewarb ich mich für diverse Stipendien, wurde aber nie genommen. Damit wurde ein Austausch als Au Pair für mich immer wahrscheinlicher, obwohl das nicht ganz war, was ich mir vorstellte. Ich bin schon immer viel gereist und entdeckte mit wachsendem Alter die workcamps in aller Welt. Dadurch kam ich nach Italien und verliebte mich in das Land. Als meine größerer Schwester dann vom Europäischen Freiwilligendienst erfuhr und dann für ein halbes Jahr nach Estland ging, stand für mich fest, dass ich das auch wollte. In dem Jahr als ich mein Abitur machte fing ich dann an zu suchen und mich zu bewerben, dies war schwieriger als gedacht, da viele junge Leute diese Möglichkeit für sich entdeckt hatten und mehr freiwillige da waren als Projekte. Aber mit viel Ausdauer und Geduld schaffte ich es doch und kam sogar in mein Wunschland Italien!

Mein Projekt war in der Stadt Caserta in Süditalien, etwa 30 min von Neapel entfernt. Ich lebte mit einer französischen und einer holländischen Freiwilligen in einer riesigen Wohnung mit 3 Balkons, Riesenküche und Wohnzimmer, neben unseren eigenen Zimmern. Vom ersten Tag an kümmerten sich alle der Organisation liebevoll um uns. Luden uns ein, fuhren uns herum und zeigten uns alles. Es war jedoch recht schwierig und anstrengend, weil die meisten, obwohl sie Studenten waren, kaum Englisch sprachen. Abends ging es immer früh ins Bett weil ich Kopfschmerzen von den ganzen neuen Eindrücken, der fremden Sprache und dem riesigen Heimweh hatte...
Aber unser Tutor kam jeden Tag früh zu uns und gab uns Italienischunterricht. Nach der ersten Woche verbot er mir Englisch mit ihm zu sprechen, was echt hart für mich war, aber das einzig Richtige denn nach 3 Monaten sprach ich wenn auch nicht perfekt, aber doch fließend Italienisch! Und somit konnte ich auch mehr am sozialen Leben teilnehmen.
Es war schon das 9. Mal, dass meine Organisation Freiwillige aufnahm und deshalb wussten sie halt auch was das Beste für uns ist. Durch die Mitglieder der Organisation hatten wir bald einen festen Freundeskreis und klebten auch nicht mehr ständig zu dritt aufeinander, was mir sehr entgegenkam, da ich mit meiner holländischen Mitfreiwilligen überhaupt nicht zurecht kam. Ja und nach einem Monat, in dem unsere Arbeit daraus bestand, sich einzuleben, die Sprache zu lernen und allein zurecht zu kommen, begann die richtige Arbeit....

Ich habe für eine Organisation gearbeitet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat Immigranten, mit all ihren Problemen zu helfen, wie eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, Arbeit und Wohnung zu finden und Kontakt zu Personen zu bekommen, die in der gleichen Situation waren. Die Organisation besteht nur aus Freiwilligen unter denen sich alle Professionen befinden. Beeindruckend fand ich das Engagement unsrer Anwälte und der Studenten die Italienisch-Unterricht für die Immigranten gaben. Auch ich half manchmal in diesen Bereichen mit, wie z.B. Anwaltsschreiben aus Deutschland zu übersetzen, oder Immigranten die nur Englisch konnten ein wenig zur Hand zu gehen. Allerdings lag meine Hauptaufgabe woanders. Wir (d.h. meine Französin, die Holländerin und ich) waren für die Aufklärung zuständig. Mit Hilfe meines Chefs und meines Tutors organisierten wie Projekte in den Schulen der Umgebung, um den Schülern andere Kulturen näher zu bringen, ihnen aufzuzeigen wie schwer es Immigranten haben und somit zu verdeutlichen, dass Rassismus dumm ist und im Gegenteil, die Menschen aus anderen Ländern all unsere Hilfe brauchen, um in einem neuem Land zurechtzukommen.
Dazu erzählten wir Geschichten, berichteten von unserem Leben in den Heimatländern und luden Immigranten ein, um zu erzählen.
Wir spielten Spiele aus aller Welt, ließen die Kinder Gedanken in Form von Bildern oder Theaterstücken ausdrücken und sahen uns Filme an. Des weiteren organisierten wir Planspiele, damit die Schüler am eigenen Leib erfahren konnten wie es den Einwanderern geht. Dies geschah manchmal in langfristigen Projekten - in diese Klassen kamen wir dann 4-6 mal, oder in einmaligen Aktionen.
Solche Projekte waren immer schwer zu organisieren, da die Lehrer einverstanden sein mussten und wir häufig erst mal Schulen finden mussten in denen wir noch nicht waren. Es konnte geschehen, das wir wochenlang nicht in Schulen waren und dann wieder eine Woche lang am Stück jeden Tag....

Für mich war die Arbeit als "Lehrer" fremd und am Anfang war ich recht schüchtern, da wir auch in allen Klassenstufen waren und die Kiddies schon ganz schön gemein sein konnten, aber mit der Zeit gewöhnte ich mich daran und fand auch sehr Gefallen an der Arbeit, was natürlich auch daran lag, das ich die italienische Sprache immer besser beherrschte und auch mal Klassen allein übernehmen konnte - das ist gut fürs Selbstbewusstsein, wenn man sich selbst durchsetzen muss und nicht immer Tutor oder Chef danebenstehen...

Der zweite Teil unserer Arbeit waren kleine Teilbibliotheken im Umland, die wir 3 mal die Woche betreuten. Es sind multikulturelle Abteilungen, die wir verwalten mussten. Dazu gehörte auch, neue Bücher, Cds oder Videos zu katalogisieren oder Werbung für die Bibo zu entwerfen. Des weiteren hielten wir auch Spielenachmittage ab, wo wir Kindern die Lust dazu hatten Spiele aus aller Welt vorstellten und mit ihnen spielten.
Das mag sich nach viel Arbeit anhören, aber im Grunde genommen wurden die Bibos leider nicht so angenommen, wie wir uns das wünschten und deshalb saßen wir unsere Stunden einfach nur ab und gingen später dazu über das immer nur eine von uns hinging. Somit hatten wir Tage, an denen wir nix zu tun hatten, und wieder andere an denen wir 24 h am Stück beschäftigt waren, das konnte manchmal schon belasten!
Aber alles in allem hatte ich dadurch auch sehr viel Zeit zum Reisen und konnte auch Freiwillige, die ich auf dem On Arrival- und Midtermseminar kennen gelernt hatte besuchen, sowie selbst viele Besucher empfangen.

Abschließend kann ich sagen, das das Jahr mit all seinen Höhen und Tiefen einen selbstbewussteren Menschen aus mir gemacht hat und ich mit vielen Situationen leichter umgehen kann.
Ich würde diese Erfahrung jedem empfehlen, denn man entwickelt sich unheimlich stark weiter und bekommt neue Sichtweisen.
Aber man sollte davon Abstand nehmen, sich so ein Jahr wie Urlaub vorzustellen, denn es gibt genauso oft Probleme wie in Deutschland und dazu kommen Sachen, die wir hier nicht erleben würden....
Wie überlebe ich Monate lang ohne Waschmaschine oder warmes Wasser? Wie mach ich Menschen ohne Englischkenntnissen klar was ich will? Wie bekomm ich mein Heimweh in den Griff? Warum gibt es hier verdammt noch mal kein vernünftiges Brot? ....

Aber hey! Das Leben ist dazu da auch mal was Neues auszuprobieren!

Ciao ciao
Anja