zurück zur Übersicht Entsendungen
Erfahrungsbericht V. P.

Als ich mich Anfang 2003 für ein Europäisches Freiwilligen Jahr bewarb, war für mich nur mein Einsatzgebiet wichtig, unbedingt wollte ich in der Natur und körperlich arbeiten. Das Land war eher zweitrangig und so nahm ich das erste Angebot an: Tschechische Republik, ein kleines einfaches Dörfchen recht isoliert im Adlergebirge. Mein Projekt war ein Verein für experimentelle Archäologie, die Hauptarbeit fand im Freilichtmuseum über das Mittelalter statt: Führungen, Rekonstruktion von Häusern, Arbeit auf dem Feld und Garten, außerdem mit Schülern töpfern, weben und Brot backen, und dreimal im Jahr Organisation von internationalen Workcamps.

Als ich im August mein EVS begann, waren noch vier andere Freiwillige da, außerdem ein Zivi, eine Angestellte und natürlich unser Chef. Die ersten Monate waren sehr schön, weil wir alle zusammen wohnten und so gleich "Familienanschluss" hatten. Wir Freiwilligen haben viel zusammen in der Sonne auf dem Feld gearbeitet, zusammen gekocht und tschechisches Bier probiert. Für die Arbeit bekam ich wenig Erklärungen, mein Chef spricht nur tschechisch und war viel unterwegs, und auch die anderen handelten eher nach dem learning by doing-Prinzip. Am Anfang war ich fasziniert, dass trotzdem irgendwie fast alles zu funktionieren schien. Auch unsere Freizeit war abwechslungsreich: Wir fuhren auf Festivals, Seminare und besuchten andere Projekte.

Dann kam der Winter, mit ihm sechs Monate Schnee und nur die Tierversorgung als Arbeit draußen. Nach und nach war für drei Freiwillige ihr EVS zu Ende, der Zivi hörte auf und die Angestellte war schon vorher weggezogen. Unser Chef war selten zu Hause und so waren meine Mitfreiwillige und ich sehr oft alleine, orientierungslos und dementsprechend frustriert. Ideen für eigene Projekte hatten wir genug, allerdings bekamen wir keine Unterstützung, auf die wir wegen unserer Abgeschiedenheit und Sprachproblemen immer noch angewiesen waren. Weil kaum Kommunikation mit unserem Chef stattfand, wussten wir nicht welche Arbeit zu tun war, welche Erwartungen er hatte, lernten nichts und bekamen kein Feedback. Getane Arbeit nach learning by doing-Prinzig stellte sich immer öfter als sinnlos heraus, aus meiner Faszination wurde Unzufriedenheit.
In Gesprächen mit meinem Chef wies er alle Verantwortung ab, doch ohne seine Hilfe konnte ich nichts an der Situation ändern. Von meinen Erwartungen - Arbeit draußen, im Team, aktives Lernen, Ideen einbringen, durch sinnvolle Arbeit helfen, selbstständig sein zu können,.. - wurde keine mehr erfüllt, und so habe ich mich nach vielen durchdachten Nächten entschieden, mein Projekt nach neun Monaten zu verlassen. Ich war sehr sehr traurig so zu gehen.

Dies ist nun fünf Monate her, und seitdem habe ich mein Projekt noch mal für zwei Wochen besucht. Trotz meinem traurigen Abschied ist es immer noch ein Stück zu Hause, und meine Herzensverbindung zu Tschechien, zu den Bergen des Adlergebirges, zu tschechischer Kultur und tschechischen Menschen, Feuergeruch, tschechischem Bier und tschechischem Sammeltick wurde nicht getrübt.

V. P.