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Zwischenbericht Anne

Man glaubt es kaum, wie schnell die Zeit vergehen kann, aber irgendwie ist es doch möglich. Als ich mich vor etwa einem Jahr zu einem EVS entschlossen habe, war ich trotz meiner Entscheidung ziemlich skeptisch. Oder sagen wir es mal so: Ich hatte mir schlichtweg jegliches nachträgliche Grübeln untersagt. Es ist schließlich nicht gerade leicht, Familie und Freunde für etwa ein Jahr einfach so zurückzulassen.
Dennoch - ich habe mich beworben, mich durch die zahllosen Projektmöglichkeiten im Internet gekämpft, meine Favoriten gefunden und plötzlich - hatte ich die Zusage in der Tasche. Ich sage plötzlich, weil es wirklich dann ungewöhnlich einfach für mich ging. Denn genau dieses Projekt, wo ich nun seit dem 21. August 2003 arbeite, stand als erstes auf meiner Favoritenliste und wie der Zufall es wollte, hat die Peder Morset folkehøgskole (PMF) zu dem Zeitpunkt noch einen Volontär gesucht. Als mir dann auch noch die Finanzierung von der EU genehmigt wurde, hat mich dann allerdings doch eine kleine oder mittelgroße Panik ergriffen. Da war es schließlich endgültig!
Aber wenn ich jetzt im Nachhinein darüber nachdenke, dann war das alles ganz in Ordnung so. Ich hatte mich ja auch zu einem Auslandsjahr entschieden, damit ich mal etwas anderes sehe und vielleicht auch andere Werte schätzen lerne, nicht nur die gewohnten Umgebungen und Strukturen von zu Hause.
Jedenfalls ist die Frage, die vermutlich viele beschäftigt, die des Heimwehs. Ich persönlich kann darauf antworten, dass dieses mich in den vergangenen fünf Monaten eigentlich nie sehr stark eingeholt hat, einfach aus dem Grunde, dass man hier so viele neue Dinge lernt und sieht oder man so sehr beschäftigt ist, dass man kaum dazu kommt. Und wenn man doch mal das Bedürfnis nach Good Old Germany hat, dann finden sich auch Möglichkeiten, dem zu Hause einen Besuch abzustatten, beispielsweise in den Weihnachtsferien. Das habe ich nämlich auch gemacht und es war eine willkommene Abwechslung und Pause für mich. Und ich habe außerdem festgestellt: Es hat sich zu Hause nichts verändert. Wenn ich im Juni endgültig zurück komme, werde ich noch immer dieselben Freunde haben, mich über dieselben Dinge wie zuvor freuen und auch ärgern. Aber das ist ja auch so gesehen das Gute daran. Und nach den Ferien zu Hause habe ich mich auch gefreut, als ich im neuen Jahr zurück zur Schule kam, denn mit dem zweiten Halbjahr hat auch wieder ein neuer Abschnitt mit vielen Veränderungen für mich angefangen.
Doch zuerst möchte ich das Projekt im Allgemeinen beschreiben: Was für mich anfangs so ziemlich der einzige abschreckende Punkt war, ist die große Entfernung zur nächsten Stadt und somit die Abgeschiedenheit der Schule. Eine Stunde Fahrt mit dem Auto (das Volontäre sich hier zum Glück hin und wieder ausleihen dürfen) ist es bis nach Trondheim, eine halbe Stunde bis nach Stjørdal. Eigentlich sind dies aus deutscher Sicht betrachtet eher kleine Städte, für die Norweger ist aber zumindest Trondheim doch eine Metropole. Kein Wunder, bei einer Einwohnerzahl von gut 4 Millionen im ganzen Land.
Jedenfalls habe ich mir anfangs schon Sorgen darüber gemacht, ob denn dieses abgeschiedene Leben etwas für mich sei, zumal ich in Deutschland jedes Wochenende unterwegs war. Aber ich habe mich wirklich schnell daran gewöhnt. Ehrlich gesagt kommt es wirklich nicht oft vor, dass wir ausgehen, trotzdem ist es nicht so, dass es mir fehlen würde. Ich habe ja zuvor bereits von anderen Werten geschrieben, und das trifft meiner Meinung nach auch bei diesem Punkt zu. Es ist schließlich auch schön, abends gemütlich zusammen zu sitzen, sei es mit Schülern, Lehrern oder den anderen "Ausländern" hier an der Schule.
Und statt der Aussicht auf die Betonwand des Nachbarhauses darf ich, wenn ich von meinem Zimmer aus dem Fenster schaue, den Blick auf den wirklich wunderschönen Selbusee genießen oder mir jetzt im Winter vor meiner Haustür Skier unterspannen und loslaufen, ohne erst viele Kilometer bis ins nächste Skigebiet fahren zu müssen.
Insgesamt ist die Natur Norwegens etwas, das ich hier hervorheben möchte: Sie ist durch Berge, Täler, Fjorde und Seen nicht nur unglaublich vielseitig und atemberaubend, sondern bietet auch eine lange Liste an sportlichen Möglichkeiten, angefangen bei Kanu fahren und wandern bis hin zum Ski und Schlittschuh laufen.
Ich habe jedenfalls keine Sekunde bereut, mich für den kalten Norden anstelle des sonnigen Südens entschieden zu haben. Zugegeben - manchmal ist es doch sehr kalt, aber wenn man sich warm anzieht, die Thermosflasche dabei hat und sich draußen sowieso meistens sportlich fortbewegt, dann merkt man das kaum noch. Und die berühmt-berüchtigten -30°C, die in richtigen Ausnahmefällen hier wohl mal vorkommen können, habe ich jetzt zumindest bis Ende Januar noch nicht erlebt. Außerdem spürt man den Unterschied bei solchen Temperaturen sowieso kaum noch. Es ist also alles nicht so beunruhigend, wie es manchmal klingt. Übrigens würden sich auch nur sehr wenige Norweger bei derartigen Minusgraden hinaus wagen, sondern dann doch die warme Stube vorziehen.

Aber zurück zu meinem Projekt:
"Folkehøgskole" bedeutet wörtlich übersetzt natürlich "Volkshochschule", ist aber nicht im Geringsten mit der Volkshochschule zu vergleichen, die wir in Deutschland kennen, sondern ein typisch skandinavisches Prinzip. Jugendliche ab 18 Jahren, die nach ihrem Schulabschluss sich ein Jahr ohne Noten und Leistungsdruck gönnen wollen, in dem sie viele neue Dinge ausprobieren und sich auf ihre Interessen konzentrieren können, kommen hierhin. Vorausgesetzt, sie können sich diesen "Luxus" leisten, denn so eine Schule ist zwar wirklich nicht günstig, bietet den Schülern nach Abschluss aber auch bessere Möglichkeiten bei der Bewerbung um einen Studienplatz. Die Peder Morset folkehøgskole selbst ist eine der wenigen integrativen dieser Schulen in Norwegen. Das bedeutet, sie bietet insgesamt 64 Plätze und ungefähr ein Drittel davon ist für Schüler mit Behinderungen reserviert. Das Motto hinter diesem integrativen Gedanken lautet "Bli den du er!", also auf deutsch: "Sei du selbst!"
Es gibt acht Wohnhäuser mit jeweils acht Einzelzimmern sowie Toiletten/Duschen, Küche und Wohnzimmer. Hier wohnen also alle Schüler mehr oder weniger gemeinsam - was dabei für Unterschiede aufeinander treffen, kann man sich leicht vorstellen. Herkunft, familiäre Situation, Temperament und natürlich auch Behinderung oder nicht Behinderung, sind manchmal so gegensätzlich, dass sich das Leben im Haus als spannend und unvorhersehbar erweist. Denn auch die Volontäre haben ihren Platz zwischen den Schülern in den Wohnhäusern, wobei es allerdings auch in jedem Jahr eine gemeinsame Volontär-Wohnung gibt, nicht um dort zu wohnen und zu leben, sondern als Rückzugsmöglichkeit. Die Arbeit eines Volontärs in seinem Wohnhaus gestaltet sich weitestgehend durch die Anwesenheit und Ansprechbarkeit, was bedeutet, dass manche Schüler - je nach Persönlichkeit natürlich unterschiedlich - viele Probleme haben und sie oft jemanden brauchen, um darüber zu reden. In meinem Wohnhaus speziell ist es so, dass ich phasenweise nachts von einer Schülerin aufgeweckt werde, weil sie mit mir über zum Teil doch recht belanglose Themen sprechen will. Das müsste ich zwar nicht erlauben, denn Grenzsetzung ist bei solchen Menschen oft gerade wichtig. Aber eine Vertrauensperson sollte man schon darstellen, soweit dies möglich ist. Für jedes Haus ist zwar auch noch ein Lehrer und ein Sozialarbeiter verantwortlich, doch die alltägliche Wohnsituation meistern die Schüler eben hauptsächlich alleine.
Zusätzlich gibt es noch zweimal in der Woche ein Treffen im Haus mit den dort lebenden Schülern und dem entsprechenden Personal. Bei diesen Treffen werden die Schüler einerseits über Schulangelegenheiten informiert, andererseits können sie auch selbst Kritiken anbringen, wenn sie zum Beispiel mit der Haussituation nicht zufrieden sind. Dann wird versucht, gemeinsam eine Lösung zu finden.
Außerdem sind diese zwei Tage der Woche auch Putztage, denn das ist natürlich auch ein fester Bestandteil im Alltag eines Internats. Jeder ist für sein eigenes Zimmer verantwortlich und muss sich zusätzlich auch noch im Wechsel um einen weiteren Teil des Hauses kümmern. Falls nötig, hilft auch ein Volontär in solchen Situationen mit, jedoch schaffen die Schüler dies in den meisten Fällen sehr gut selbst. Der Rest der Schulwoche besteht aus Linien- oder Wahlfachunterricht. Zwei Tage sind nur für die jeweilige Linie (also Fach) reserviert; die Schüler haben diese bereits zu Anfang des Schuljahres unter verschiedenen Möglichkeiten ausgewählt. Ob Pferde, Medien, Flexi (wie der Name schon sagt, unternimmt diese Gruppe einfach viele ganz unterschiedliche Dinge), Sport & Leben im Freien, Kunst & Handwerk oder Arbeitstraining... Je nachdem, wer sich wofür interessiert. Das Wahlfach ist dann am Ende der Woche die Chance für die Schüler, noch etwas ganz anderes auszuprobieren, sei es im handwerklichen oder sportlichen Bereich. Sogar Zeichensprache ist eines der Angebote. Mein Wochenverlauf hat sich nun im zweiten Halbjahr sehr verändert. Nachdem ich zuerst dienstags bei Flexi und mittwochs bei Media tätig war, bin ich jetzt zu Sport & Leben im Freien gewechselt. Das macht mir großen Spaß, denn so komme ich nicht nur häufig an die frische Luft, sondern bin durch die Bewegung auch ausgeglichener.
Dennoch hat meiner Meinung nach jede Linie ihren Reiz und wenn man sich dafür interessiert, dann ist eigentlich auch garantiert, dass es einem Freude bereiten wird. Schließlich ist zumindest das Ziel der folkehøgskole und ihrer Lehrer, den Schülern ein möglichst gutes Jahr bereiten, das ihnen so lange wie möglich in bester Erinnerung bleiben soll. Manche sprechen deshalb sogar von einem "PMF-Universum", denn ob dieser Platz hier dem entspricht, was man ansonsten von Norwegen erwartet, kann wohl niemand genau sagen. Das kühle Gemüt, das man Skandinaviern im Allgemeinen nachsagt, ist in dieser "kleinen Welt" auf jeden Fall einer ausgesprochenen Herzlichkeit gewichen. Dazu trägt sicherlich die Tatsache bei, dass man hier mit Behinderten zusammenlebt, die oft - wie ich immer wieder feststelle - eine ganz andere und vor allem positivere Einstellung zu vielem haben. Im Großen und Ganzen liegen die Behinderungen unserer Schüler im geistigen Bereich, wobei die Grenzen so fließend verlaufen, dass man schnell vergisst, wer eigentlich zu den Behinderten zählt und wer nicht. Jedenfalls muss man keine Berührungsängste haben. Der Umgang kann sich zwar manchmal etwas schwieriger gestalten, doch oft habe ich auch das Gegenteil erlebt: Besonders Schüler mit Down Syndrom oder einer ähnlichen Behinderung sind für gewöhnlich so herzlich, dass sie mir wirklich schon zahlreiche Male den Tag versüßt haben, wenn ich morgens zum Frühstück in den Essenssaal kam und mit einer Umarmung empfangen wurde.
Meine spezielle Erfahrung jedenfalls, die ich bisher gemacht habe und die ich auch als besonders wichtig beurteilen würde, ist, dass eigentlich alles von der eigenen Motivation abhängt. Viele fragen mich zum Beispiel: Was ist denn eigentlich genau deine Arbeit dort in Norwegen? Und auf diese Frage kann ich außer dem wenig aussagendem Begriff "Assistenztätigkeit" nicht viel antworten. Meine Arbeit liegt überall da, wo gerade irgendeine Form von Hilfe oder Unterstützung gebraucht wird, und wenn das nicht immer absolut der Fall ist, dann liegt eben meine Arbeit darin, schlicht und einfach "gut drauf" zu sein, andere zu motivieren und mitzureißen. Was gewiss nicht immer leicht ist, da man ja selbst auch nicht immer allerbester Laune ist. Die Arbeit ist auch nicht nachmittags um fünf vorbei und man geht nach Hause, sondern man bleibt und ist eigentlich immer da. Einen richtigen und endgültigen Feierabend gibt es in dem Sinne nicht. Wir Volontäre haben zum Beispiel auch Verantwortung für einige Freizeitangebote wie einen Videoabend oder die "Bomba" (das ist eine 1 ½-stündige Disco, die jeden Donnerstagabend im Schulgebäude stattfindet). Manchmal bin ich auch "Bademeisterin" in dem schuleigenen Schwimmbad. Oder ich habe relativ zu Anfang des Schuljahres einen "Jenteklubb" (also einen Club für Mädels) ins Leben gerufen, wo wir jede Woche etwas anders gemeinsam unternehmen und wo sich jetzt auch bereits eine beträchtliche Teilnehmerzahl angesammelt hat.
Und so kommt es eben, dass eine Woche wie im Fluge vergeht und auch der zumeist einzig freie Tag, der Sonntag, nicht länger dauert als einen Augenblick.
Anstrengend ist es bestimmt manchmal, und erschwert wird die Situation anfangs noch dadurch, dass man zwischen dem Alltag noch versuchen muss, eine fremde Sprache zu verstehen. Zwar ist es durchaus so, dass viele Ähnlichkeiten mit dem Deutschen zu finden sind, doch wer kann schon von sich behaupten, Norwegisch in einer deutschen Schule gelernt zu haben? Grundkenntnisse kann also im Vorhinein fast niemand aufweisen. Aber auch hier kann ich beruhigen: Die Schule hier ist an "Ausländer" wie uns gewöhnt, seit langem gibt es hier schon Volontäre, und eigentlich lacht niemand über die etlichen Grammatikfehler, die man zu Beginn und auch noch länger macht. Und wenn doch, dann lacht man eben mit und liest es später noch mal nach.
Zugegeben, einige haben hier ihre Freude daran, dass ich das "R" einfach beim besten Willen nicht rollen kann, aber verstanden werde ich trotzdem. :-)
Aber mal im Ernst: Es gibt ganz sicher viele Sprachen auf der Welt, die schwieriger sind als das Norwegische, man bekommt bis zu den Weihnachtsferien einen Sprachkurs und vor allem wohnt man hier ja sozusagen direkt vor Ort und hört den ganzen Tag über kaum etwas anderes.
Für mich zumindest war das "Sprachproblem" wirklich in kurzer Zeit verschwunden. Natürlich muss man sich auch hier Mühe geben und motiviert sein, aber das ist man vermutlich automatisch, da man ja ein schönes Jahr verbringen will.

Zum Abschluss möchte ich noch etwas zu der EVS-Organisation an sich schreiben, was meiner Meinung nach für einen nächsten Bewerber interessant sein könnte:
Gut ist in jedem Fall, dass man als Volontär in Norwegen nicht alleine ist. Direkt zu Beginn des freiwilligen Dienstes findet ein einwöchiges Seminar statt, wo man alle anderen Volontäre aus ganz Europa kennen lernt, die dann über das ganze Land verteilt in verschiedenen Projekten arbeiten werden. Hier lassen sich gut Kontakte knüpfen und man kann die Ferien, die man hier an unserer Schule eigentlich oft hat, dazu nutzen, sich zu besuchen und so auch andere Teile Norwegens kennen zu lernen. Außerdem gibt es ungefähr nach der Hälfte der Dienstzeit ein dreitägiges Seminar in Oslo, bei dem man nochmals alle wiedertrifft. Außerdem bekommt man bei diesen Seminaren Gelegenheit, sich über seine eigenen Ziele klar zu werden und zu hören, wie es anderen Freiwilligen in ihren Projekten ergeht.
Die organisatorischen Dinge sind hier bisher jedenfalls außerordentlich problemlos abgelaufen. Dennoch möchte ich noch eines zu dem Thema "Mit-Volontäre" sagen.
Bevor ich nach Norwegen kam, hatte ich mich eigentlich am meisten darauf gefreut, andere Menschen aus ganz Europa und auch Deutschland kennen zu lernen. Dabei war ich immer der festen Überzeugung, man werde sicherlich großen Spaß zusammen haben, schon deshalb, weil man sich in einer so ähnlichen Situation befindet.
Ich habe jedoch leider lernen müssen, dass dies nicht unbedingt stimmt, denn gerade zu der anderen Freiwilligen aus Deutschland hier im Projekt habe ich ein eher negatives Verhältnis. Das finde ich zwar schade, es lässt sich aber nicht ändern, und es ist auch eine Erfahrung wert, dass man nicht jedermanns bester Freund sein kann. Das soll niemanden abschrecken, aber dennoch vor Augen führen, dass auch in einem Auslandsjahr nicht alles perfekt laufen kann, sondern immer Probleme dieser Art auftreten können. Mein Jahr wird dadurch aber nicht schlechter, ich habe hier viele tolle Menschen kennen gelernt und genieße diese Erfahrung in vollen Zügen.

Wenn ich jetzt an den Abschluss des Schuljahres im Mai denke, wird mir schon ein wenig mulmig zu Mute. Auf dem Weg dahin haben wir noch zwei Mal Ferien, die alljährliche Reise mit der ganzen Schule (deren Ziel in diesem Jahr Gran Canaria heißt...) und unsere Theatertour nach Oslo. Das werden noch jede Menge ganz besonders spannende Erfahrungen, nicht zuletzt, weil auch ich in einem norwegischen Theaterstück in Oslo auf der Bühne stehen werde...
Viele Gründe jedenfalls, die bewirken, dass das Schuljahresende plötzlich da sein wird. Und ich bin sicher, dass das sehr traurig sein wird.
Ich empfehle auf jeden Fall jedem, der die richtige Einstellung und Motivation mitbringt, die Chance zu nutzen und sich so ein Jahr zu gönnen, nicht zuletzt, weil man richtig viel Spaß haben wird.

Anne

Erfahrungsbericht Anne

Gerade habe ich noch einmal meinen Zwischenbericht gelesen, den ich vor beinahe einem halben Jahr - zu dem Zeitpunkt natürlich noch in Norwegen - geschrieben habe. Ich will schließlich nicht alles doppelt schreiben. Dabei habe ich festgestellt, dass ich die meisten wesentlichen Fakten zum Alltagsverlauf in meinem EVS-Projekt damals bereits dargestellt habe, so dass hoffentlich in dieser Hinsicht bereits ein guter Eindruck entstehen konnte.
Deshalb habe ich mich gefragt, was euch Leser sonst noch interessieren könnte und habe mich dazu entschieden, den Schwerpunkt in diesem Bericht anders zu legen - nämlich nicht auf konkrete Erlebnisse oder Fakten, sondern auf meine persönliche Weiterentwicklung während des Dienstes. Und das ist schließlich auch wichtig (auch wenn ich nur von meinen subjektiven Empfindungen berichten kann und diese Erfahrung letztlich jeder für sich selbst machen muss), denn dass man etwas dazulernt, ist sicherlich ein wichtiges Ziel des EVS.

Ich wundere mich aber, wie weit das Erlebte bereits von mir weggerückt ist. Natürlich ist nichts vergessen und beim Lesen meines eigenen Berichtes sind auch wieder viele schöne Erinnerungen geweckt worden. Ich will damit nur ausdrücken, dass es wirklich nicht so schwer ist, wie ich selber oft geglaubt habe, sich nach einem Jahr Auslandsaufenthalt wieder zu Hause einzuleben. Selbst wenn man unzählige neue und tolle Erfahrungen gemacht, liebe und interessante Menschen kennen gelernt und einen Einblick in eine andere Lebensweise bekommen hat, glaube ich, dass man zu Hause immer wieder gut zurechtkommen kann. Wenn man auch mit einem weinenden Auge die neue Umgebung verlässt.

Seit Ende Juni bin ich wieder in Deutschland, obwohl mein Projekt selbst bereits einen guten Monat zuvor beendet war. Es ging also nur über den Zeitraum eines Dreivierteljahres. Bis zur endgültigen Heimreise hatte ich noch die Möglichkeit, durch Reisen mehr von einem unglaublich beeindruckenden Land zu entdecken.
Allein, nur mit Zelt, Rucksack und Fahrrad ausgestattet, bin ich eine Woche in den Norden auf die Lofoten gefahren. Wem das kein Begriff ist: Unbedingt im Atlas nachschlagen und selbst mal dort Urlaub machen. Lohnt sich wirklich!
Danach haben mich meine Eltern mit einem geliehenen Wohnmobil besucht, schließlich mussten sie sich auch angucken, wo ich das letzte Jahr verbracht hatte.
Wir hatten dann noch zwei Wochen Zeit, um uns die Fjordlandschaft im Westen des Landes anzuschauen und natürlich sind wir auch hier unendlichen Weiten faszinierender Natur begegnet. Aber ich werde nicht versuchen, das in Worte zu fassen.
Ein Fjord vor steilen, schneebedeckten Felswänden, in dessen Wasser sich die Sonne spiegelt - das muss man sich schon selbst angucken. Oder die Mitternachtssonne auf den Lofoten! Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass mich jemals wieder ein anderes Land so sehr beeindrucken kann.

Dennoch: Kaum wieder zu Hause, hat mich der Alltagsstress direkt eingeholt. Bewerbungen schreiben, Verwandte und Freunde wiedersehen, arbeiten, Taschen auspacken, Papierkram erledigen, Ärzte abklappern usw. Eben all die Dinge, die unbedingt erledigt werden wollen, nachdem man so lange Zeit nicht da war.
Kurz gesagt: Der Alltag holt einen so schnell wieder ein, dass man es kaum mitbekommt. Sicherlich gibt es Phasen, in denen ich denke: "Ach, könntest du doch einfach wieder zurückfahren und den ganzen Kram hier liegenlassen". Man könnte es fast als Heimweh bezeichnen - schließlich habe ich in diesem kleinen Dorf in Mittelnorwegen neun bedeutsame Monate meines Lebens verbracht und auch viel zurückgelassen. Aber das gehört nun einmal dazu. Leider.

Ich möchte kurz das Projekt beschreiben, in dem ich in Norwegen gearbeitet habe, auch wenn ich mich dadurch doch wiederholen werde.

Die Peder Morset folkehøgskole (PMF) ist eine Internatsschule, die junge erwachsene Schüler ein Jahr lang besuchen können. Von den sogenannten folkehøgskolen gibt es allein in Norwegen knapp 80 verschiedene, so dass den Jugendlichen ein breite Auswahl geboten wird. Die Schwerpunktsetzungen und Fächerangebote sind oft sehr unterschiedlich und viele der Schulen sind für etwas Besonderes bekannt - sei es Musik, Medien, Kunst oder Sport. Außerdem ist die zweite wichtige Komponente einer folkehøgskole, sofern sie mit Unterbringung in Internaten verbunden ist, natürlich das soziale Zusammenleben. Ist die Schule eine integrative, wird darin sogar ein Schwerpunkt gesetzt. Was das betrifft, ist PMF so etwas wie ein Vorreiter. Sie ist zwar eine von vielen integrativen Institutionen in Norwegen, doch gibt es, soweit mir bekannt ist, nirgendwo anders die sogenannte "Umgekehrte Integration".
Dieses Prinzip beinhaltet ganz einfach, dass eben nicht - wie allgemein üblich - eine Handvoll Behinderter in eine zahlenmäßig dominierende Gruppe gesunder Schüler integriert wird. Sondern in der Peder Morset folkehøgskole ist das eben andersherum. Ungefähr 40 geistig vorwiegend leicht Behinderte leben und lernen gemeinsam mit nur etwa 24 Schülern ohne Behinderung.
In meiner ersten Zeit im Projekt ist mir gar nicht bewusst geworden, wie innovativ und interessant diese - nennen wir es Ideologie, eigentlich ist. Ich habe es zwar wahr genommen, aber es von Anfang an als selbstverständlich akzeptiert. Vielleicht, weil ich mich zuvor einfach wenig mit solchen Dingen beschäftigt hatte. Gut, da waren mehr Behinderte als andere - und? Das war kein Problem, zumal ich sowieso darin meine Hauptaufgabe als Volontär sah und die Grenzen von behindert zu nicht behindert sowieso oft fließend verlaufen. Zum Beispiel habe ich in diesem Jahr erlebt, dass eine schwere Kindheit und ein sehr schwacher sozialer Hintergrund bei Jugendlichen ebenfalls zu einem Verhalten führen können, das leicht zu verwechseln ist mit einer der unendlichen Ausprägungen des Wortes "behindert".
Denn was bedeutet das schon? Gerade für jemanden wie mich, als ich im August letzten Jahres an diese Schule kam ohne jegliche Vorerfahrung im Umgang mit, ich nenne es mal, "anderen" Menschen. Zusätzlich verfügte ich über keinerlei Norwegisch-Kenntnisse, wodurch ich anfangs natürlich noch weniger verstehen konnte.

In meinem Haus wohnte ich neben weiteren zusammen mit einem Mädchen, das Down Syndrom hatte. Damit weiß man ja etwas anzufangen - davon hat man gelesen und gehört, das kann man in eine Kategorie einordnen. Als ich sie kennen lernte, war deshalb auch mein erster Gedanke: "Aha - die hat bestimmt Down Syndrom." Sie war eben klein, dick und hatte diesen typischen Augen.
Wenn ich jetzt darüber nachdenke, finde ich das ganz schön schlimm. Wie man Menschen völlig automatisch einordnet, direkt beim ersten Treffen. Tut man bei Behinderten nicht anders als bei allen anderen auch - wie eine Art Vorurteil. Nur, dass man bei Behinderten oft irgendeine Behinderung sieht, und man differenziert gar nicht weiter. "Der ist eben behindert", habe ich auch während meiner Zeit in Norwegen oft genug als Erklärung für ein gezeigtes Verhalten gehört und sicherlich auch selbst gesagt. Das ist nicht negativ gemeint, dennoch zeigt es entweder Unkenntnis oder mangelndes Interesse, wenn man sich so ausdrückt.
Ich habe jedenfalls gelernt, dass eine Behinderung absolut nicht ist wie die andere. Manchen ist es leicht anzumerken, wie etwa den Jugendlichen mit Down Syndrom an der Schule, die Probleme anderer habe ich erst nach langer Zeit erkannt und verstanden. Schließlich sind auch Behinderte individuelle Menschen mit eigenen Persönlichkeiten. Das habe ich nur früher oft vergessen und bin überzeugt, dass es anderen Unwissenden ebenso geht.
In einem Prospekt der Schule habe ich einmal ein Zitat einer ehemaligen nicht-behinderten Schülerin gelesen. Ich finde, es bringt auch meine Erfahrungen auf den Punkt:

"Am Anfang des Schuljahres zog in das Zimmer neben mir ein Junge mit Down Syndrom. Nach neun Monaten und einem beendeten Schuljahr wohnte dort Jonas."

Ich habe es ähnlich erlebt. Mittlerweile ist das Mädchen, von dem ich bereits erzählt habe - ich nenne sie jetzt einfach Lisa - weitaus mehr als "das Mädchen mit dem Down Syndrom" für mich. Ich erinnere mich gut daran, welche Dinge ich an ihr gern hatte und habe, aber genauso wenig habe ich vergessen, was mich an ihrem Verhalten manchmal zur Weißglut hätte bringen können. Wie bei jedem anderen Menschen auch. Natürlich, sie ist behindert. Aber in erster Linie ein Mensch und über einen langen Zeitraum meine Mitbewohnerin gewesen.

Dieses natürliche Verhältnis, was ich also durch mein EVS-Projekt zu Behinderten aufgebaut habe, bedeutet mir viel. Es ist auch nicht nur das, sondern die Menschen selber bedeuten mir auch sehr viel. Oft werde ich gefragt, ob ich denn in Norwegen viele Freunde gefunden hätte. Diese Frage ist nicht so leicht zu beantworten, denn Freunde, wie ich sie hier zu Hause als solche bezeichnen würde, habe ich in den neun Monaten maximal eine Handvoll kennen gelernt. Es sind aber auch andere Umstände gewesen, da sich meine wenige Freizeit und natürlich auch der Alltag fast ausschließlich auf die Schule beschränkt haben - schließlich ist die auch eine Stunde Autofahrt von der nächsten größeren Stadt entfernt. Aber gestört hat mich das nie - denn vielleicht habe ich zu einer neuen Einstellung und somit auch eine neue Art von Freunden gefunden. Vielleicht ist es nicht bei allen zwischenmenschlichen Beziehungen die Hauptsache, sich auf dem gleichen geistigen Niveau zu befinden, sondern es zählen andere Werte. Herzlichkeit, Offenheit, Freundlichkeit zum Beispiel. Selten zuvor habe ich so viel von diesen Werten erfahren wie während meines Freiwilligendienstes. Außerdem habe ich besonders zu meinen fünf bis sechs Mitbewohnern ein richtiges Verantwortungsgefühl aufgebaut, damit einhergehend eine ungeheure Wärme, egal, wie ich mich manchmal über sie aufgeregt habe.
Als sich Michael am letzten Schultag von mir verabschiedete, bin ich in Tränen ausgebrochen. Wenn ich an Johanna denke, fehlt sie mir richtig, obwohl ich nie zuvor mit einem so anstrengenden Menschen in Kontakt gekommen bin. Ich frage mich, wie sie jetzt wieder alleine zurechtkommt und bin betrübt, dass ich ihr bei den vielen Problemen ihres Lebens nicht mehr helfen kann. Lisa würde ich einfach gern mal wieder drücken und ihr durch die kurzen Haare wuscheln. Von mir aus mich auch - wie so oft - von ihr durchkitzeln lassen. Oder mich mit Susanne streiten. Das gehörte eben auch dazu.

Na gut, ich gebe es zu, ich werde jetzt ein wenig melancholisch. Ich habe keine Ahnung, ob diese Gedanken für euch zukünftige Freiwillige irgendeine Bedeutung haben, aber vielleicht zeigen sie, wieviel dieses Jahr mir gegeben hat. Heute erst habe ich eine Postkarte von einer behinderten Schülerin erhalten. Da habe ich mich gefreut, denn das zeigt, dass ich auch nicht einfach vergessen werde!
Jedenfalls wird mir auf diesem Weg auch selbst bewusst, dass sich doch vieles bei mir verändert hat. Ich merke deutlich, dass ich zum Zeitpunkt meines Zwischenberichtes noch viel weniger von alledem verstanden habe, obwohl seitdem nicht einmal ein halbes Jahr vergangen ist.

Jetzt bin ich schon wieder seit einem Monat zu Hause, der letzte Schultag und somit der Abschied von den Schülern ist schon zwei Monate her (so lange schon!). Dadurch habe ich einen gewissen Abstand, der mich wohl in erster Linie positiv über alles denken lässt. Eigentlich weiß ich ja, wie viele schwierige Situationen und Erlebnisse ebenfalls diese Zeit geprägt haben, doch jetzt, wo ich diesen Bericht schreiben soll, sprudeln nur das Positive und die Dinge, die ich vermisse, aus mir hervor. Das gefällt mir. :-)
Trotzdem reiße ich mich nun zusammen und werde ein wenig neutraler über weniger erfreuliche Dinge berichten.
Da fallen mir spontan drei Bereiche ein, die mich zum Teil das ganze Schuljahr hindurch begleitet haben.
Anfangs standen ganz oben auf der Liste von Unannehmlichkeiten meine Differenzen mit einer zweiten deutschen Volontärin, die ebenfalls an der Peder Morset Folkehögskole arbeitete und eine Woche nach mir ankam. Wir haben uns einfach nie gemocht. Warum, kann und will ich hier auch gar nicht im Detail erklären. Eine sehr große Belastung ist das für mich vor allem kurz vor Weihnachten geworden, denn in der Zeit mussten wir viel zusammen arbeiten. Phasenweise fühlte ich mich regelrecht gemobbt, so dass es sogar zum Gespräch mit der Rektorin kam. Es kann wohl jeder nachvollziehen, dass dies nicht unbedingt zu den angenehmsten Erfahrungen der EVS-Zeit gehörte, zumal ich so etwas in keiner Weise erwartet hatte. Ich hatte mich vielmehr darauf gefreut, andere Menschen kennen zu lernen, die die gleichen Vorstellungen und Ziele haben wie ich, wenn sie sich schon für einen solchen sozialen Einsatz entscheiden. In diesem Punkt wurde ich jedoch schwer enttäuscht, denn zumindest hatten wir zwei völlig unterschiedliche Einstellungen und Motivationen. Deshalb nehme ich nun einen Punkt meines Zwischenberichtes erneut auf: Zwar kann ich nur ausdrücklich für mein Projekt sprechen und nicht zwingend vom EVS allgemein, aber ich möchte die Notwendigkeit erwähnen, sich absolut im Klaren darüber zu sein, worauf man sich mit einer solchen Entscheidung einlässt. Tut man es nur, um ein Jahr verstreichen zu lassen, da man sich noch nicht entschieden hat, was man studieren will oder einfach, um ein schönes Jahr zu verbringen oder von zu Hause wegzukommen, dann halte ich die Idee für falsch. Sicher gehörten diese Punkte auch zu meinen Beweggründen, doch standen sie niemals oben auf meiner Liste.
Ohne den Willen, sich für andere einzusetzen, den Wunsch, etwas Soziales zu leisten und die entsprechende Motivation dafür zu zeigen, bin ich überzeugt, dass ein solches Jahr nichts bringt, weder der Organisation noch einem selbst, am wenigsten Spaß. Das habe ich deutlich gesehen an der besagten anderen Freiwilligen auf PMF - doch eigentlich hat mich ihre Negativität nur noch mehr in meiner eigenen Einstellung bestärkt. Außerdem haben wir unsere Probleme nach Weihnachten in den Griff bekommen. Zwar wurden wir keine Freunde, aber den Wunsch hatten wir wohl beide nicht. Zumindest konnten wir auf einer toleranten, kollegialen Ebene miteinander umgehen und in diesem Sinne habe ich schon viel gelernt. Mit solchen Dingen musste ich mich schließlich zuvor nie auseinandersetzen, doch ich kann mir gut vorstellen, dass mir das im späteren Berufsleben noch öfter über den Weg laufen wird. Dagegen bin ich nun vorläufig gewappnet. :-)

Etwas anderes, was mich manchmal belastet hat, war die Zusammenstellung meiner Mitbewohner im Internat und vor allem die Wahl der Verantwortlichen.
Die Wohnsituation auf PMF sieht so aus, dass jeweils acht Personen in einem von acht Wohnhäusern zusammen leben. Zwei bis drei dieser Schüler sollten nach Möglichkeit nicht behindert sein. Zusätzlich gehören zu jeder dieser Wohngemeinschaften ein verantwortlicher Lehrer sowie ein Sozialarbeiter.
Die Sozialarbeiterin zu unserem Haus Nr. 5 allerdings hat viele Dinge eher erschwert, nicht erleichtert, wie es eigentlich ihr Job war. Niemand von den Schülern mochte sie, geschweige denn, wollte mit ihr arbeiten. Der erste Lehrer, der zu unserem Haus gehörte und zu dem ich über die Monate einen guten freundschaftlichen Kontakt aufgebaut habe, hat sich wegen ihr in einen anderen Arbeitsbereich versetzen lassen. Der zweite, der uns dann übernommen hat, war überhaupt der Einzige an der ganzen Schule, der noch mit ihr zusammen arbeiten wollte. Wieso? Nun ja, wenn einem alles gleichgültig ist und man die anderen einfach machen lässt, dann ist es ja auch nicht wichtig für ihn, mit wem er arbeitet. Fazit: Unser Haus hatte ein Problem. Schlimm genug, da ausgerechnet bei uns sowieso schon so schwierige Schüler wohnten, die sehr wohl eine Vertrauensperson gebraucht hätten. Das wurde zum Teil dann ich. Aber natürlich konnte ich als Nicht-Norwegerin und Nicht-Ausgebildete so eine Aufgabe für sieben Personen 100%ig und gut genug unmöglich neben meinen anderen Verpflichtungen erfüllen. So wurde der Wohnbestand unseres Hauses kleiner. Eine zog in ein anderes Haus, ein anderer verließ die Schule schließlich ganz. Schade, kann ich dazu nur sagen.
Und ständig musste ich mir die Klagen meiner Mitbewohner über unsere Sozialarbeiterin anhören, was wiederum eine dauerhaft gereizte Stimmung erzeugte, vor allem zum Schluss.
Ich muss also zugeben, dass ich in diesem Schuljahr teilweise durch Pech, teilweise durch freiwillige Wahl, so sehr gefordert wurde, dass ein Teil von mir schließlich doch froh war, als es sich dem Ende näherte. Außerdem - und das ist der dritte negative Punkt - dachte sich die Schule gegen Ende immer mehr Arbeiten für uns aus, die wenig mit unserem eigentlichen Dienst zu tun hatten - sei es Küchendienst an den wenigen freien Samstagen oder putzen. Irgendwann habe ich mir dann wirklich gesagt: Jetzt hast du genug umsonst und freiwillig gearbeitet! Ich wollte mich nicht ausnutzen lassen. Gerne habe ich rund um die Uhr für die schulischen Aktivitäten gearbeitet oder war für meine Schüler da, auch noch bis in die Nacht hinein. Aber warum ich plötzlich putzen sollte, das konnte ich einfach nicht nachvollziehen und habe somit auch kleinere Auseinandersetzungen mit der Schulleitung gehabt. Dadurch ist es wohl im Rahmen geblieben, denke ich, und es war keineswegs so schlimm, dass ich mich schlecht behandelt fühlen würde. Trotzdem war es nicht in Ordnung, und es war wichtig, den Mund aufzumachen und sich nicht herumschubsen zu lassen. Man kann nämlich auch zu lieb und freundlich sein.

Aber genug davon! Lieber zurück zu den positiven Aspekten, denn ich wollte noch kurz auf ein paar Ereignisse zu sprechen kommen, die ich bereits in meinem ersten Bericht angekündigt hatte. Ereignisse, die sich in der zweiten Hälfte des Schuljahres abgespielt haben und einen bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen haben. Da wäre in erster Linie unser Theaterstück, mit dem wir sogar auf Tournee u.a. ans "Norwegische Theater" in Oslo gefahren sind. Alle "Schauspieler", ohne Ausnahme, haben in der durchaus harten und anstrengenden Probephase eine tolle Entwicklung durchgemacht. Das konnte man jeden Tag aufs Neue sehen und es hat somit trotz dieses überdimensionalen Arbeitsaufwandes einen unglaublichen Spaß gemacht. Nicht zuletzt habe ich diese Entwicklung an mir selbst gesehen. : Ich hätte mir ja niemals träumen lassen, dass ich eines Tages in einem von Norwegens größten Theatern auf der Bühne stehen würde, noch dazu singend und sprechend im ärgsten Dialekt einer fremden Sprache! Ich! Aber genau das habe ich eben gemacht und finde es immer noch unfassbar, dass ich eine solche Gelegenheit geboten bekommen habe. Und nicht nur ich, sondern eben auch jeder Schüler, der Lust hatte. Egal, ob behindert oder nicht. Das Beste ist, dass wir gemeinsam zum Schluss eine wirklich gute Aufführung gezeigt und das Publikum begeistert haben. Die Leute hatten uns sicherlich viel zugetraut, aber eben doch nicht so viel.

Ein weiterer Höhepunkt des Jahres war die Schultour, deren Ziel in diesem Jahr Gran Canaria war. Das hatten die Schüler in ihrem Schülerrat und durch Abstimmungen selbst entschieden. Ebenfalls für mich kaum zu fassen, dass all dies für mich auch noch inklusive war! Natürlich war die Reise für mich kein Urlaub - im Gegenteil. Mir wurde sogar eine ziemlich große Verantwortung aufgetragen und zwar hieß die Johanna, das komplizierteste Mädchen meines Lebens, von dem ich zuvor schon einmal erzählt habe. Sehr liebenswert und quirlig, aber geplagt von Stimmungsschwankungen, Kaufsucht usw. ohne Grenzen. Zurückblickend wurde ich in dieser Woche wunderbar auf Trab gehalten, war aber letztendlich froh, als der Urlaub zu Ende war und dann auch die letzten zwei Wochen des Schuljahres anbrachen. Außerdem denke ich, dass ich es im Großen und Ganzen geschafft habe, für Johanna die Schultour zu einem schönen Erlebnis zu machen, trotz all der Ärgernisse, die sie grundsätzlich magisch anzieht. Und das ist schließlich die Hauptsache. Im Allgemeinen sind viele der Schüler auf Gran Canaria richtiggehend aufgeblüht, denn ein wenig Sonne nach dem langen norwegischen Winter tut einfach allen gut und wirkt sich positiv auf die Laune aus. Nicht zuletzt entstehen auf so einer Fahrt auch neue Sympathien für Menschen, mit denen man bis dahin kaum in Kontakt gekommen war. Ein Aspekt, der den Abschied so kurz darauf nicht leichter gemacht hat. Nur ein Wort: Es war eine Trauerfeier und da möchte ich auch gar nicht mehr zu sagen, denn wahrscheinlich war ich noch die Traurigste von allen. ;-)

Zwar sagt man, dass man aufhören soll, wenn es gerade am schönsten ist, doch ich bin noch nicht bereit dazu. Es ist zwar gut, den Sommer zu Hause in Deutschland verbringen zu können, doch im September möchte ich noch einmal zurück an die Peder Morset folkehøgskole, um mir dort einen Traum zu erfüllen. Nicht mehr freiwillig arbeiten, nein. Das habe ich vorerst genügend getan.
Aber ich habe mich für ein Future Capital beworben, in dessen Rahmen ich ein Buch über die "Umgekehrte Integration" schreiben möchte, um auch Deutschland im besten Falle "auf den Geschmack" zu bringen. Ich bin nämlich der Meinung, dass unser Sozialsystem besonders im Bereich der Behindertenpädagogik bedenkenlos noch neue Anregungen gebrauchen kann. Und das Thema liegt mir wirklich am Herzen!
Natürlich würde ich mich auch einfach freuen, die vielen Menschen wieder zu sehen, die ich dort zurücklassen musste und ein neues Schuljahr mit völlig neuen Schülern (von denen ich bereits einige treffen durfte und gerne besser kennen lernen würde) zu erleben. Sicherlich aus einer anderen, herausfordernden Perspektive. Im Moment bin ich sehr gespannt, denn es dürfte sich nur noch um wenige Tage handeln, bis ich erfahre, ob ich diese Chance bekomme oder nicht.

(Anmerkung d.R.: Anne bekam die Chance. Ihr Buch "Diagnose Mensch - Umgekehrte Integration als Modell für die Zukunft" ist beim Wagner Verlag erschienen. Hier gehts zur Buch-Homepage: www.anne-.com)

Abschließend hoffe ich, dass dieser und auch mein erster Bericht im Gesamtbild einen Einblick in mein Projekt sowie meine persönlichen Erfahrungen und Bereicherungen aus dieser Zeit vermitteln konnten. Ich kann mir kaum vorstellen, dass ich jemanden abgeschreckt und indirekt vom EVS abgeraten habe, obwohl ich versucht habe, alle Seiten, auch die weniger guten, zu beleuchten. Insgesamt bin ich selbst viel zu begeistert und überzeugt von der Bedeutung so eines Dienstes, vorausgesetzt, man hat wirklich Lust dazu.

Anne