zurück zur Übersicht Entsendungen
Erfahrungsbericht Pauline

Nach langem Warten hatte ich endlich die Antwort! Ich würde für 7 Monate nach Sizilien gehen, um dort mit sozial benachteiligten Kindern zu arbeiten. ich hatte keine Ahnung, was mich erwartete. Ich wußte nicht wireklich woraus meine Arbeit bestehen sollte, wo und mit wem ich wohnen würde und unter Sizilien stellte ich mir eine arme, trockene Insel vor und ich fragte mich , was es wohl mit der Mafia wirklich auf sich hatte.
Der Ort, an dem ich arbeiten sollte hieß Gela, doch zuerst erwartete mich eine sehr lustige Woche in Palermo, der bunten und chaotischen Hauptstadt Siziliens. Dort hatte ich zusammen mit 4 anderen Freiwilligen, die queer über Sizilien "verteilt" waren Einreiseseminar. Es war schön Kontakte zu knüpfen und nicht gleich "ins kalte Wasser" geschmissen zu werden. Unsre EFD-Coordinator, Rosario Rossi, der während des ganzen Freiwilligendienstes immer für uns da war (auch von weit weg), erklärte uns dort, dass unsere Aufnahmeorganisation Arci-Sicilia, ein in ganz Italien aktive Organisation sei, die sich im kulturellen und sozialen Bereich besonders für Kinder und Jugendliche einsetze und auf Sizilien viele Anti-Mafia-Projekte leite. Diese bestünden hauptsächlich in Aufklärungsarbeit in Zusammenarbeit mit Schulen, und darunter Kinder und Jugendliche von der Straße zu holen. Arci sei erstmals aus einer Bewegung der kommunistischen Partei entstanden, bei der sich die Menschen in s.g. "Volkshäusern" trafen, um über soziale Ungerechtigkeiten zu sprechen. Sie sei aber mittlerweile kein Teil mehr der kommunistischen Partei, da sie unabhängig sein wollten. Wir sprachen auch über unsere Erwartungen, Vorurteile und Bedenken, konnten Fragen stellen und uns schon mal an das Temperament der Sizilianer gewöhnen, denn während der Einführungswoche wohnten wir in einer 12er WG von Zivis, die bei Arci in Palermo arbeiteten. Die unglaubliche Wärme und Freundlichkeit der Menschen, die keineswegs aufgesetzt wirkte, führte dazu, dass ich mich vom ersten Tag an sehr Wohl fühlte. In Palermo lernte ich auch Nele aus Belgien kennen, die mit mir im gleichen Projekt arbeiten würde und, wie sich später herausstellte, waren wir ein sehr gutes Team und verstanden uns während der ganzen Zeit sehr gut, auch wenn wir nie "beste" Freundinnen wurden, weil wir doch sehr verschieden waren.
Ein sehr beeindruckendes Erlebnis war der Besuch des "Roma-Camp" in Palermo. Dort lebten Zigeuner streng aufgeteilt in orthodoxen und muslimischen Glauben am Rande der Stadt in Blechhütten und Wohnwagen, inmitten von Feuerstellen und Müllbergen am Rande der Stadt. Wir spielten dort mit den Kindern unter der Anleitung von 2 Mitarbeiterinnen von Arci, die versuchten Kinder beider Glaubensrichtungen zu vereinen. Der Anblick der Kinder mit Goldzähnen und zwei verschiedenen paar Schuhen hat mich vorallem deshalb so gerührt, weil sie trotz allem so unglaublich lebensfroh und offen uns gegenüber waren.
Während der Woch nahm Saro mich und Nele einmal bei Seite, um mit uns über Gela zu Sprechen. Er sagte uns, dass Arci in Gela ein Projekt leite, welches aus der "Carovana Anti-Mafia" entsprungen sei. Die "Carovana Anti-Mafia" sei eine Iniziative, bei der eine Gruppe von Arci durch ganz Sizilien reise, um Kinder und Jugendliche durch Spiele, Straßentheater und Diskussionsforen über die Mafia aufzuklären. So wurde in Gela ein Projekt lokal weitergeführt. Es war eine Art Hort, die "Ludoteka", wo Kinder zwischen 5 und 13 Jahren nach der Schule oder dem Kindergarten spielten und betreut wurden, damit sie nicht auf der Straße "rumhingen" oder zu Hause sein mußten, wo oft sehr schwierige Verhältnisse herrschten. Gela sei sehr arm, eine Industriestadt mit 100000 Einwohnern direkt am Meer. Sie habe jedoch nicht den Charakter einer größeren Stadt, kaum Angebot an kulturellen oder sozialen Einrichtungen und kaum einer spreche Englisch. Arci habe dort sehr viele Probleme. Diesen Winter sei in die Ludoteca bereits 5 Mal eingebrochen worden. Es werde nie etwas geklaut, sondern nur zerstört - Computer aus den Fenstern geschmissen, mit Feuerlöschern rumgesprüht etc. Man wüßte nicht wer die Verantwortlichen seien, doch man könne es sich denken.
Nach diesem Gespräch schluckten wir erstmal, und dann gleich nochmal, als wir einige Tage später auf das graue Meer von Häusern und die hohen Fabriktürme zufuhren.
Unsere Tutorin aus Gela und Concetta, die einzige Arci-Mitarbeiterin in unserem Alter, holten uns vom Bahnhof ab und brachten uns in eine Pension, in der wir die ersten 3 Tage schliefen, da sie noch keine Wohnung gefunden hatten. Weihnachten verbrachten wir bei der Familie unserer Tutorin und so auch die restlichen Tage bis zum 2. Januar, als wir dann endlich unsere Koffer in unserer neuen Wohnug auspacken konnten. Wir bekamen jede ein Zimmer in der Wohung einer 33jährigen Frau, die lzufor alleine dort gelebt hatte und um die Ecke ein Reisebüro besaß (das erwies sich immer wieder als sehr praktisch). Da sie es gewohnt gewesen war alleine zu leben und sich auf einmal drei Leute die Wohnung teilten, gab es anfangs kleine Reibereien wegen Nichtigkeiten, doch alles in allem klappte das Zusammenleben doch sehr gut und die Wohnung lag auch sehr zentral und war sehr gemütlich. Nach den Feiertagen gingen wir das erste Mal zur Ludoteca, welche sich in den Kellerräumen einer Kirchengemeinde befand. Dort unten war es relativ dunkel und kalt und die Spuren der Einbrüche und der Zerstörungswut mancher Kinder machten sich überall bemerkbar. Unsere Kollegen waren alle sehr sehr nett und bei der Arbeit herrschte immer eine sehr lockere und lustige Atmosphäre, doch anfangs wurden wir von unserer Chefin weder rumgeführt, noch wurde uns irgendetwas erklärt. So waren wir vortan einfach nur für drei Stunden am Tag dort und eine konkrete Aufgabe schien keiner zu haben. Wir wußten nicht, ob die fehlende Aufmerksamkeint und das mangelnde Interesse seitens der Leiter von Arci-Gela aus den vorhandenen Verständigungsproblemen entsprang, oder einfach daraus, dass es im Moment eben größere Probleme zu lösen gab, denn die Ludoteca würde so bald wie möglich umziehen müssen. Wegen all der Einbrüche war oft das Fernsehen oder die Zeitung bei uns, und da waren ich und Nele dann plötzlich sehr gefragt. Wir waren als Europäische Freiwillige eine graße Attraktion und manchmal kam es uns ein wenig so vor, als seien wir nur deshalb ins Projekt geholt worden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Denn die Organisation schien weder Interessiert zu sein, noch gab es wirklich Arbeit für uns und es schien auch keiner auf unsere Ankunft vorbereitet gewesen zu sein. Die Tätigkeiten, die laut unserer Projektbeschreibung vormittags hätten stattfinden sollen, gab es gar nicht, und als wir versuchten mit unserer Tutorin darüber zu sprechen zeigte sie wenig Verständnis dafür, dass wir uns scheinbar über "mangelde Arbeit" beklagten. Leider haben wir während der ganzen Zeit kein sehr gutes Verhältnis zu dieser Tutorin, noch zu der Leiterin von Arci-Gela aufbauen können, da diese uns trotz mehrerer Versuche unserer Seits und auch seitens Saro, nie wirklich in die Projekte miteinbezogen, und uns scheinbar auch wegen der vielen Geldprobleme eher als Last zu empfanden. Denn die Finanzierung für unser Projekt kam erst 2 Monate nach Beendigung unseres Aufenthaltes bei Arci an, so dass es oft große Probleme gab, da wir nie pünktlich unser Taschen- und Essensgeld bekamen und die letzten 4 Monate dann nur noch Geld für Essen, da Arci das Geld nicht länger vorstrecken konnte. Aufgrund all dessen waren ich und Nele anfangs etwas enttäuscht, doch dann begannen wir selbst mehr Initiative zu ergreifen. Denn z.B. verstanden wir uns super gut mit Concetta, die unser Ansprechpartner während der ganzen Zeit wurde und immer für uns da war. Auch mit unseren Kollegen verstanden wir uns sehr gut und natürlich auch mit den Kindern!
Da es keine Vorgaben für unsere Arbeit gab, spielten wir einfach irgendwas mit den Kindern, die immer sehr aggressiv wurden, wenn sie begannen sich zu langweilen. Anfangs war es schwer Spiele aus unseren Ländern zu erklären, oder mit Kindern zu reden, die z.B. irgendwas kaputt machten, denn es fehlten einfach noch die Worte und sie machten sich dann höchstens lustig über unsere "merkwürdige" Aussprache und rannten einfach weg. Doch viele nahmen uns auch täglich bei der Hand und führten uns durch sie Räume , um auf Gegenstände zu zeigen und deren Namen zu sagen, den wir dann solange wiederholen sollten bis wir uns ihn gemerkt hatten. So lernte ich meine ersten Wörter auf Italienisch und nach etwa einem Monat hatten wir unsere erste Italienischstunde bei einer Bekannten unserer Tutorin. Wir hatten von da an einmal die Woche Unterricht, und als Nele und ich dann noch damit aufhörten nur auf Englisch miteinander zu reden, machten wir richtig schnell Vortschritte in der neuen Sprache.
Doch Nele und ich hatten wirklich keine Lust den ganzen Vormittag in der Wohnung zu sitzen (in der Stadt gab es in diesem erstaunlich kalten und naßen Winter wirklich kaum etwas zu tun), da wir mit Menschen in Kontakt kommen und uns nützlich machen wollten. Also suchten wir nach Organisationen, die unsere Hilfe brauchen könnten, doch in Gela gab es nur ein Behindertenheim und ein Altersheim und beide hatten für uns "keine Verwendung", da sie nur ausgebildete Leute brauchten. Arci versprach uns jedoch, dass es schon bald viele neue Projekte geben würde - alles sobald sie neue Räume gefunden hätten. In dieser Zeit war ich besonders froh, dass ich nicht alleine war, sondern Nele hatte, die sich in der gleichen Situation befand. Manchmal zogen wir uns zwar auch durch gegenseitiges Verstärken von Heimweh und entäuschten Erwartungen ein wenig runter, doch meißtens bauten wir uns gegenseitig auf und organisierten Treffen mit den anderen Freiwilligen an den Wochenenden. So besuchten wir viele schöne Städte und nach ein paar Wochen kamen wir auf die Idee zur Schule zu gehen, denn dort hätten wir die Möglichkeit mit italienischen Jugendlichen in Kontakt zu kommen und unsere Sprachkenntnisse zu verbessern. Arci organisierte alles für uns, da der Umzug der inzwischen geschlossenen Ludoteca sich immer weiter hinauszögerte und wir nur noch ein paar Mal die Woche in Schulen bei Projekten mitmachten und einmal die Woche in einem Weisenhaus arbeiteten. So kam es, dass wir nun vormittags als große Besonderheit auf sizilianischen Schulbänken saßen (wir waren so etwas wie Gasthörer, da wir nur zu ausgewählten Fächern gingen-Naturwissenschaften und Sport vielen da weg- und auch keine Hausaufgaben machen oder Arbeiten mitschreiben mußten). Wir knüpften sehr schnell viele Kontakte und begannen nicht mehr nur noch im "Doppelpack" rumzulaufen. Ich muß auch sagen, dass die Freundschaften, die ich auf Sizilien schloß von ganz besonderer Art sind und mir die Menschen dort ungewöhnlich schnell und stark ans Herz gewachsen sind.
Von da an verging die Zeit meines aufenthaltes wie im Flug. Ich habe festgestellt, dass egal wie häßlich oder langweilig die Stadt ist, in der man lebt, es wirklich immer drauf ankommt, was man selbst draus macht. Denn mit netten Menschen und Eigeninitiative kann man überall viel Spaß haben und was auf die Beine stellen.Der lange "Winter" verging, wir fuhren mit Arci auf die nationale Friedensdemo nach Rom und hängten gleich noch ein paar Ferientage dran (Arci nahm das mit den abgezählten Ferientagen nicht so ernst), machten viele Ausflüge durch das wunderschöne Sizilien, begannen ein neues Projekt zusammen mit Concetta, bei dem wir mit 13jährigen Mädchen arbeiteten, die kurz davor waren frühzeitig die Schule zu verlassen. Wir machten viele Improvisations- und Selbstbewußtseinsübungen mit ihnen, sowie viele creative Sachen und betreuten sie bei den Hausaufgaben. Die Ludoteca gab es nicht mehr, doch Arci hatte neue Räume gefunden, in denen viele Veranstaltungen stattfanden. Inzwischen waren wir überall bekannt, wurden auf der Straße von allen Seiten gegrüßt und ehe wir uns versahen leiteten wir unser eigens Projekt in Zusammenarbeit mit einer Kirchengemeinde (Arci hatte immer noch nichts für uns). Dort leiteten wir selbsständig eine Gruppe von Kindern zwischen 5 und 13 Jahren mit denen wir viele tolle Projekte machten (z.B. eins über Mülltrennung und Recycling, denn davon hatten die Menschen in Gela nicht viel Ahnung - sogar an Weihnachten wurde von Plastiktellern gegessen!). Bei diesen Projekten konnten wir all das einsetzten, was wir aus den anderen Projekten und von den anderen Betreuern gelernt hatten. Mittlerweile gaben wir sogar Nachhilfe in Englisch und nahmen Gitarrenunterricht bei einem Mitarbeiter der Gemeinde, mit der wir dann im Sommer arbeiteten. Diese Gemeinde war sehr groß und sehr gut organisiert. Auf Sizilien bieten die Kirchengemeinden im Sommer für alle Kinder sehr viel Freizeitangebot an, und so konnten wir uns als Betreuerinnen bei Strand- und Fahrradausflügen (oft mit über 350 Kindern!) oder bei Bastel- und Theaterworkshops nützlich machen.
Und nach sieben Monaten arbeitete ich in so vielen tollen Projekten, hatte so viele liebe Menschen kennengelernt, und fühlte mich in den heißen und staubigen Straßen Gelas so "zu Hause", dass es mir sehr schwer viel am Ende der Zeit meine Koffer zu packen. Sizilien, diese wunderschöne und kontrastreiche Insel in "Nordafrika", wie es die Sizilianer immer zu sagen pflegten, und die Menschen dort sind mir sehr ans Herz gewachsen und zu einer Art zweiten Heimat geworden. Ich muß sagen, dass sieben Monate zu kurz waren, da man auch eine Weile braucht, bis man sich eingelebt hat, und dann sollte man nicht gleich wieder gehen müssen. Die Zeit auf Sizilien war wirklich eine der schönsten und aufregensten Zeiten meines Lebens und ich habe dort nicht nur eine neue Kultur und Sprache kennengelernt, sondern ich habe auch mich ganz neu kennengelernt. Ich denke ich bin wesentlich tolleranter und offener geworden und habe gelernt Initiative zu ergreifen. Auch das fröhliche Temperament der Sizilianer hat nach 7 Monaten echt auf mich abgefärbt. Etwas an das ich mich wirklich gewöhnen musste, war dass in Gela alles eben etwas langsamer und unorganisierter ablief, als z.B. in Deutschland, aber dadurch lernte ich auch Geduld zu haben, ohne passiv oder desilusioniert zu werden. Es war eben nicht alles so durchgeplant und an die "EFD-Richtlinien" gebunden, wie ich mir das vorgestellt hatte, doch das war auch nicht schlimm, schließlich hab ich daraus viel gelernt und manchmal muß man ein wenig improvisieren können. Deswegen rate ich allen, die mit ihrem EFD beginnen nicht zu hohe, bzw. festgelegte Erwartungen zu haben, sondern ganz offen an das Projekt ranzugehen, weil man in den meißten Fällen echt flexibel sein muß.

Pauline