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Erfahrungsbericht Ruth

Um es schon mal vorne weg zu nehmen: Die Zeit auf Island war vielleicht das beste, was mir passieren konnte, auch wenn es nicht immer einfach war. Allerdings würde es jeglichen Rahmen sprengen, all die Eindrücke, Erlebnisse und Bekanntschaften hier wieder zu geben. Ausserdem muss ja jeder seine eigenen (persönlichen) Erfahrungen machen, wie wir wissen... .Darum werde ich mich hier hauptsächlich auf das Freiwilligenleben und mein Projekt beschränken.
Erst mal zur "Arbeit": Die Handwerkstatt Ásgardur -einer Projektstätte, die sowohl physisch wie auch psychisch Behinderten die Möglichkeit bieten will, sich (wieder) im sozialen Alltag einzugliedern. Für viele stellt sie die letzt Anlaufstelle dar, wenn es darum geht einen (Neu-) Anfang zu versuchen. Daraus läst sich schließen, dass unter den "Jungs" einige "Fälle" sind, die z.T. schon starke Enttäuschungen hinnehmen mussten, vor allem in Projekten, die ihrer Art von Behinderung nicht gerecht wurden. Àsgardur arbeitet nach Rudolph Steiners (Waldorf-) Philosophie und versucht in Anlehnung daran, jedem die beatmöglichen Entfaltungsmöglichkeiten zu bieten.
Hört sich alles sehr schwammig an?
Ok, nun ein paar Beispiele und was ich da eigentlich gemacht habe: Hauptsächlich haben wir mit Holz gearbeitet und daraus Kinderspielzeuge gefertigt. Vom Baumfällen in Großmutters Obstgarten bis hin zum Verkauf der fertigen Produkte am Tapeziertisch im Einkaufcenter haben die "Jungs" alles selbst gemacht. Und ich auch.
Noch nie an einer Bandsäge gearbeitet? -Macht nichts!
Vorher noch nie an einer Schleifmaschine gestanden? -Ich auch nicht! Keine Ahnung, wie man einen Kinderwagen zusammensetzt? -Die Jungs zeigen's dir.. !
Ach ja, und Isländisch...? Ich hätte nie erwartet, dass sogar die Jungs in der Werkstatt so gutes Englisch sprechen. Somit war die Verständigung auch kein grosses Problem (mit Isländisch an sich hat es eine ganze Weile gedauert, aber inzwischen verstehe ich zumindest einiges).
Da ich im Dezember angekommen bin, war ich rechtzeitig zur Weihnachtssternproduktion anwesend. Irgendwie bin ich von da an die "Blumen" nicht mehr losgeworden. Im Hinblick auf unsere bevorstehende Reise nach Schweden im Sommer (zu einem Rudolph Steiner Seminar für behinderte Jugendliche aus skandinavischen Ländern), wollte Thor Ingi ("the Big Boss" -Gründer von Àsgardur) verschiedene Arten von Blumen entworfen und "produziert" haben. Dies wurde zu einer meiner Hauptaufgaben: Formen ausdenken, auf's Holz zeichnen, aussägen, abschmirgeln, anmalen, zusammenleimen ... (ich glaub insgesamt waren es über 300 Stück), meiner Phantasie wurden keien Grenzen gesetzt. Wie die Blumen im Endeffekt aussahen war mir selbst überlassen. Nur ging es natürlich weniger darum eine bestimmte Anzahl zu erreichen, als die "Jungs" in den Fertigungsprozess mit einzubeziehen.
Am Anfang war ich mir nicht so sicher, wem ich welche Arbeit zutrauen konnte, habe aber sehr schnell rausgefunden, dass die Jungs sehr gut selber wissen, ob und wie sie eine Aufgabe lösen können... . So hatte Gummi seine Freude daran, immer die gleichen Blütenformen aufs Spanholz zu zeichnen; wenn Siggi gute Laune hatte (was ungefähr 5 mal am Tag für 30 min. vorkam), hat er in Rekordzeit 20 Blätter ausgesägt; gunnar konnte man zwar nur schwer davon überzeugen, dass es notwendig war in der Werkstatt auch mal zu arbeiten und nicht nur vor sich hin zu träumen, aber dann war er höchst konzentriert bei dabei...
Bei Àsgardur achtet man darauf, dass die Aufgaben so vergeben werden, dass sei den Fähigkeiten der Behinderten entsprechen und die persönliche Entwicklung fördern. ist doch selbstverständlich? Weiss ich nicht. Ich fand es nur bemerkenswert, dass für jeden "Angestellten" ein individueller "Plan" aufgestellt wurde, in dem vermerkt wurde, durch welche Aufgaben man seine geistigen und handwerklichen Fortschritt erzielen könnte. Darin wurden unter anderem auch Aufsteh- (also Arbeitsbeginn-)zeiten, Mittagsschlaf und Ruhezeiten berücksichtigt.

Wenn ich am Anfang geschrieben habe, dass es auf Island nicht immer einfach war, dass beziehe ich das hauptsächlich auf die Zusammenarbeit mit den "Jungs". Zwar gingen die meissten Anflüge von Siggi "I don't like you. I hate you. I never talk to you again!" so schnell vorbei, wie sie gekommen waren, aber auf Dauer wurden sie schon etwas belastend. Hinzu kam noch, dass die "Chefs" sehr beschäftigt waren, weil es darum ging ein neues zu Hause für die Handwerkstatt zu finden. 2001 war der ursprüngliche Standort abgebrannt und seit dem kämpft Àsgardur für einen neuen Platz, an dem sie sich etablieren können. Die Räume in denen wir bei meiner Ankunft gearbeitet haben, waren nur vorübergehend gemietet und sollten bis zum 1. April verlassen werden. Jedoch war es gar nicht so einfach einen Ort zu finden, der den Ansprüchen von Àsgardur gerecht wurde und zusätzlich von der Stadtverwaltung mitgetragen wurde. Das ständige Hin und Her und die zeitweilige Unsicherheit wie und ob es überhaupt weitergeht, hat bei einigen der Jungs zu Überreaktionen geführt: Atli kam fast gar nicht mehr zur Arbeit; Omar ist gekommen und gegeangen wann er wollte. Bei zweien hat der Stress zu extremen Reaktionen geführt: Óskar unser Koch (ein ehemaliger Alkoholiker) hat wieder angefangen zu trinken, was zur Folge hatte, dass er für drei Monate auf Entzug geschickt wurde und ich die hälfte des Tages in der Küche verbracht habe. (Eine Aufgabe die ich weniger interessant fande, vor allem dann, wenn sich die Jungs darüber beschwert haben, dass entweder kein Fleisch dabei war, oder sie das Gericht nicht kannten.)
Zweites Beispiel dafür ist Óle, der eigentlich nur mit seiner Kaffeetasse in der Werkstatt beschäftigt war, obwohl er physisch zu fast jeder Arbeit fähig gewesen wäre. Doch sobald man ihn darauf angesprochen hat, wurde er wütend. Normalerweise knallten dann nur Türen oder sämtlicher Kaffee wurde über den Fußboden verteilt. Doch Ende März bedrohte er Jakobina (eine von den Chefs) mit dem Messer. Zum Glück ist nichts passiert und eigentlich sind diese Reaktionen auch als Zeichen der Verbundenheit und Abhängigkeit der "Jungs" mit dem Projekt zu beurteilen. Eine Art Verzweifelungstat, denn wie bereits erwähnt, stellt Àsgardur für viele schon die letzt Möglichkeit dar, noch irgendwo unter zu kommen.
Im Februar kam dann noch ein zweiter (deutscher) Freiwilliger in mein Projekt; Tobias. Wir haben uns sofort gut verstanden, nach Ansicht unserer "Chefs" wohl etwas zu gut. Zumindest haben sie beschlossen keine zwei Volunteers mehr aufzunehmen, weil wir uns angeblich zu wenig in die Gruppe integriert hätten...
Zu unserer "Verteidigung" sollte ich vielleicht erklären, dass wir zu der Zeit selber nicht wussten, was wir denn nun tun sollten. Durch die Umzugzugs "-planung" (generell ein Fremdwort für Isländer) ging alles drunter unter drüber. Hieß es an dem einen Tag "Heut' werden die Kisten gepackt!", so hieß es am nächsten Tag "Wir bleiben noch 'ne Woche hier!". Also suchten wir uns selbst Beschäftigung, um nicht nur untätig rum zu sitzen. Wie auch immer, im nachhinein haben sie uns zugestanden, dass die Umstände nicht die günstigsten waren und sie unsere Anwesenheit und Mitarbeit doch zu schätzen wussten.
Neben dem Umzug haben die Vorbereitungen für den Schwedentrip ab März den "Alltag" kräftig auf den Kopf gestellt. Anstatt der gewöhnlichen Holzarbeit wurde nun auch kräftig für eine Theateraufführung geprobt. Von langweiliger Routinearbeit war also nie die Rede (mal abgesehen von den Tagen in der Küche). Überhaupt war die Umgangsweise in Àsgardur sehr "menschlich"; jeder hat mal einen schlechten Tag und mir gefällt die Ehrlcihkeit der Isländer dann nicht so zu tun, als wär alles in Ordnung. Ausserdem war es auch kein Problem für bestimmte Veranstaltungen wie Sprachkurs, Ausflüge, Volunteer-Camps oder sogar Reisen (z.B. Grönland!) ein paar Stunden/ Tage frei zu bekommen.

Gelebt habe ich in einer Gastfamilie (als eine von wenigen Freiwilligen). Mein älterer Gastbruder (Hannes, 20 Jahre) hat auch in Àsgardur gearbeitet. Als leichter Autist konnte er beispielsweise den Fahrdienst übernehmen. Mein jüngerer Gastbruder (15 Jahre) war ebenfalls behindert (Lernschwäche und Kommunikationsprobleme). Mein Gastvater war so gut wie nie zu Hause, meine Gastmutter eine sehr freundliche, zuvorkommende Frau. Trotzdem habe ich ne wirklich einen Bezug zur Familie aufbauen können (von meinem älteren Gastbruder war ich nach einigen Monaten eher genervt), was aber nicht weiter schlimm war. Während der Anfangszeit, als es auch noch so lange dunkel war, hat meine Gastmutter mir stricken beigebracht und ich hatte Zeit mich einzuleben uns Leute kennen zu lernen.
Ab dem ersten Treffen waren die anderen Freiwilligen nicht mehr wegzudenken: Die Weihnachtszeit haben wir gemeinsam im "Sommerhause" verbracht und von da an fast jede freie Minute miteinander verbracht- sie wurden quasi zu meiner Ersatzfamilie. Ich weiss nicht, ob dieser Zusammenhalt etwas besonderes ist. Vielleicht liegt es daran, dass Island so klein ist, aber es war genial! Ich glaube auch, das "Freiwillige" eine besondere Art von Menschen sind, denn es gab niemanden unter uns, mit der/dem wir überhaupt nicht ausgekommen sind. Natürlich war der Kontakt nicht zu allen gleich stark, allein schon deshalb, weil nicht alle (15-20) in Reykjavik gelebt haben. Immerhin hat es dazu geführt, dass ich jetzt zwei Mitbewohner und einen Dauergast "aus Island" habe!

Das Island selbst einzigartig und die Natur atemberaubend ist, muss ich ja wohl nicht näher beschreiben; Leider hatte ich nicht so engen Kontakt zu "richtigen Isländern", aber dafür habe ich Freunde (von) überall auf der Welt gefunden. Ich möchte diese Zeit nie missen und wünsche jeder/ jedem, die/ der dorthin fährt einen ebenso schönen Aufenthalt!

Ruth