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Erfahrungsbericht Ute

Ich arbeitete von August 2002 bis Mai 2003 im Rahmen des Europäischen Freiwilligendienst an der Peder Morset Folkehögskole in Norwegen. Dies ist eine neunmonatige Internatsschule, die junge Erwachsene besuchen, nachdem sie ihren regulären Schulabschluss absolviert haben. Von den insgesamt 64 Schülern sind 40 geistig behindert. Sie weisen viele unterschiedliche Behinderungen auf, deren Grad sehr verschieden ist. Die Jugendlichen besuchen diese Schule um selbstständig zu werden, den Alltag eigenmächtig zu bewältigen und sich vom Elternhaus abzulösen. Außerdem wollen sie mit anderen Behinderten Zeit verbringen, Spaß haben und schöne Augenblicke erleben sowie das Zusammenleben mit 24 nicht behinderten Jugendlichen erfahren. Diese jungen Erwachsenen besuchen die Schule, um die Situation kennen zu lernen, mit Behinderten zu leben, zu wohnen, den Unterricht gemeinsam zu besuchen und ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen.

Für mich war es eine völlig neue Erfahrung, mit Behinderten in einer Gemeinschaft zusammenzuleben und eine freundschaftliche Beziehung zu ihnen aufzubauen, da ich vor meinem Aufenthalt in Norwegen keinen engeren Kontakt zu Behinderten hatte. Nach anfänglichen Berührungsängsten, gewöhnte ich mich schnell an das Zusammenleben mit ihnen und baute zu vielen eine enge Beziehung auf.

Meine Aufgaben an der Peder Morset Folkehögskole bestanden unter anderem darin, mich um meine fünf behinderten Mitbewohner zu kümmern. Insgesamt befinden sich acht Häuser auf dem Schulgelände, in denen jeweils fünf behinderte und drei nicht behinderte Jugendliche leben. Für ein Haus ist immer ein Lehrer und ein Sozialarbeiter zuständig, die jedoch nicht auf dem Schulgelände leben. Ich wohnte in einem der Häuser und unterstützte die Schüler im Alltag (z.B.: Wäsche waschen, putzen, wecken usw.). Außerdem stand ich ihnen bei anstehenden Problemen (z.B.: Heimweh, Krankheiten und Streitigkeiten) zur Seite. In meinem Zwischenbericht erwähnte ich schon, dass ich auch als Assistentin in der Linie Friluftsliv arbeitete. Diese beinhaltet alle sportlichen Außen- und Innenaktivitäten. In der zweiten Hälfte meines Aufenthalts gingen wir wöchentlich Ski fahren und schliefen dreimal mehrere Nächte in abgelegenen Hütten. Diese besaßen keine Toilette, kein Strom und kein Wasser. Daher wuschen wir uns mit Schnee, bauten uns ein Außentoilette und schliefen in Zelten, da in den Hütten nicht genügend Platz für uns alle war. Auch baute die ganze Gruppe zwei Iglos, in denen wir ebenfalls übernachteten. Neben Ski fahren gingen wir wandern, spielten Eishockey und nütze die Turnhalle für Innensportarten (z.B.: Volleyball, Handball, Tanzen usw.). Als Assistentin kümmerte ich mich besonderes um die jungen Frauen der Gruppe. Ich versuchte mit ihnen in Gespräch zu bleiben und sie durch Aufmunterungen zu unterstützen. Viele Aktivitäten des Faches Friluftsliv waren für mich völlig neue Erfahrungen und ich musste mich oft Herausforderungen stellen. Jedoch hat es mir sehr viel Freude bereitet und oft denke ich an das abenteuerliche Leben in den Hütten zurück.

In meinem Zwischenbericht erzählte ich bereits, wie sich das Wochenprogramm an der Peder Morset Folkehögskole gestaltete. Nachfolgend möchte ich nun näher auf den Ablauf der Samstage eingehen. Jede Woche fand ein anderes Projekt am Vormittag statt. Entweder veranstalten wir ein Sportfest, gingen wandern, besuchten Museen in Trondheim, öffneten unsere Schule für die Bevölkerung oder hatten viel Freude mit anderen Projekten.
Samstagabend fanden meistens verschiedene Feste statt. Diese wurden entweder von Schülern oder Lehrern organisiert. Der Speisesaal wurde jedes Mal aufs Neue geschmückt. Auch wurden köstliche Gerichte zubereitet. Das Besondere jedoch war, dass jeder Samstagabend unter einem besonderen Motto stand, zu dem auch ein passendes Unterhaltungsprogramm gestaltet wurde. Mein Haus organisierte zum Beispiel im Februar einen Abend, der unter dem Thema "Liebe" stand, da eine Woche zuvor Valentinstag war. Nach einer erlebnisreichen Woche war jeder Sonntag frei. Diesen Tag nützte ich zum langen Ausschlafen und zum Joggen. Oft verbrachte ich auch einige Stunden alleine auf meinem Zimmer, um mich von dem Trubel und den vielen Eindrücken der letzten Tage zu erholen.

In der zweiten Hälfte meines Aufenthalts unternahm ich nicht nur in Norwegen, sondern auch in anderen Ländern Europas viele Reisen. Im Folgenden werde ich darüber berichten.

Im Februar hatte die ganze Schule eine Woche Winterferien. Daher beschlossen Rebekka (eine andere Freiwillige) und ich für ein paar Tage nach Stockholm zu reisen. Wir fuhren mit dem Nachtzug und schliefen in einer Jugendherberge. Es ist eine wunderschöne Stadt und zu diesem Zeitpunkt war sie fast komplett von Eis umgeben. Wir verbrachten schöne fünf Tage und genossen die Ruhe.

Anfang März flogen wir fünf Volontäre (zwei Deutsche, ein Belgier, ein Italiener und eine Französin) für sechs Tage nach Oslo. Dort trafen wir alle Freiwilligen, die zu diesem Zeitpunkt ihren Dienst in Norwegen ableisteten. In diesem Midterm - Seminar spielten wir zusammen, tauschten Erfahrungen aus und lernten mehr über die Kultur Norwegens. Es waren sehr schöne Tage und für mich war es sehr interessant, mit den anderen Freiwilligen über ihre Projekte zu sprechen. Ich realisierte, wie viel Glück ich hatte, dass ich an der Peder Morset Folkehögskole den Europäischen Freiwilligendienst ableisten konnte. Nach dem Seminar blieben wir fünf Freiwilligen noch zwei weitere Tage in Oslo, um uns die Stadt anzuschauen.

Ende März flog ich mit zwölf Schülern und zwei anderen Lehrern für zehn Tage nach Rumänien. Die Rektorin der Schule kennt dort einen Priester, den sie jedes Jahr mit einer Schülergruppe besucht. Neben unseren eigenem Koffer, nahm jeder eine weitere Tasche mit. In denen befanden sich Kleider und Spielsachen, die wir armen Familien in Rumänien überreichten. Vor der Reise wusste ich nicht, dass in dem Land so viele Menschen unter der Armutsgrenze leben. Außerhalb der Großstädte, befinden sich zahlreiche Dörfer mit matschigen Straßen und zerfallenen Häusern. Viele besitzen keine Heizung und die Menschen haben nicht genug zu essen. Einige Familie besuchten wir zu Hause. Sie empfingen uns jedes Mal freudig und waren sehr dankbar über unsere mitgebrachten Kleider.

Die Frau des Priesters ist Ärztin und leitet ein Heim für Behinderte, das wir ebenfalls besuchten. Dort leben in einem Raum von ca. 30 m² zehn Menschen eng zusammen. Sie verlassen das Zimmer nur, um zu essen und auf die Toilette zu gehen. Viele teilen sich auch ein Bett zu zweit, da das Heim überfüllt ist. Behinderte in Rumänien werden nicht so gefördert, wie in unserer Gesellschaft. Meistens werden sie von ihrer Familie nicht akzeptiert und in Heime abgeschoben. Dort leben sie wie in einem Gefängnis und dürfen das Haus nicht verlassen. Es war eine schreckliche Erfahrung für uns alle, dieses Heim zu besuchen. Besonders die Behinderten aus unserer Gruppe haben sehr gelitten, da sie realisiert haben, wie gut es ihnen in Norwegen geht. Auch besuchten wir mehrere Städte und besichtigten Kloster. Bei unserer Ankunft verbrachten wir einen Tag in Bukarest. In den zehn Tagen sammelte ich viele neue Eindrücke und ich bin froh, dass ich die Gelegenheit hatte, das Land besuchen zu können. Mitte April besuchten mich meine Eltern und mein Bruder für zwei Wochen. Zuerst reisten wir gemeinsam und anschließend verbrachten sie noch fünf Tage während des normalen Unterrichts an der Peder Morset Folkehögskole. Ich habe mich sehr über ihren Besuch gefreut, da ich ihnen endlich zeigen konnte, unter welchen Gegebenheiten ich in den letzten neun Monaten gelebt habe und sie nun besser meine Erzählungen verstehen können.

Drei Wochen vor Schulschluss flogen alle Schüler und ca. 20 Lehrer für eine Woche nach Mallorca. Dort wohnten wir in einem Hotel in Vierer - Appartements. Es lag direkt am Strand in einer wunderschönen Gegend. Wir veranstalteten gemeinsam verschiedene Turniere und organisierten ein Strandspiel. Unter anderem besichtigten wir La Palma und eine Tropfsteinhöhle. Auch hatten wir Zeit, am Strand und am Pool zu liegen. Ich fuhr wie die anderen vier Freiwilligen als Betreuer mit. Ich teilte mir mit zwei anderen Lehrer das Beaufsichtigen meiner Mitbewohner. Daher hatte ich auch Zeit für mich und konnte die Sonne und die Wärme nach den langen Wintermonaten genießen.

In meinem Zwischenbericht berichtete ich von unserem Theaterprojekt vor Weihnachten. Wir übten innerhalb von fünf Wochen das norwegische Musical "Trost i Taklampa" von Alf Pröysen ein und führten es an zweimal der Bevölkerung und den Eltern der Schüler vor. Die Folkehögskole engagierte für dieses Projekt eine professionelle Regisseurin des Theaters in Trondheim. Sie übte das Stück mit sehr großem Einsatz und Elan mit uns ein. Im Frühling ermöglichte sie uns, das Stück an zwei Abenden in Trondheim vorzuführen. Die Schüler entwickelten sich in den Proben im Frühjahr noch positiver, so dass sie im trönderlagischen Theater ein fabelhaftes Stück vorführten. Ich stand nach Weihnachten nicht mehr auf der Bühne, da mir die Proben am Nachmittag und am Abend neben meiner Arbeit zu anstrengend waren. Daher arbeitete ich nur im Backstage mit. Meine Aufgaben bestanden darin, die Schüler hinter der Bühne zu betreuen. Außerdem baute ich während der Aufführungen die Kulissen um. Ehrlich gesagt machte mir das Theaterprojekt nicht mehr so viel Spaß. Jedoch half ich bereitwillig mit, da mir die sonstigen Arbeiten und das Leben an der Peder Morset Folkehögskole Freude bereiteten.

In dem Bericht nach Weihnachten berichtete ich bereits von dem Norwegischkurs, der ein Lehrer der Schule führte. Wir alle haben die Sprache sehr schnell gelernt, da die meisten Behinderten kein Englisch sprechen. Nach dem Kurs lernte ich alleine weiter und lass viele norwegische Bücher. Meine Sprachkenntnisse haben sich in der zweiten Hälfte meines Aufenthalts noch sehr verbessert und ich konnte am Ende fließend sprechen. Nun schreibe ich mit meinen Freunden in Norwegen oder in anderen Ländern auf Norwegisch.

Am 15. Mai war der letzter Schultag, den wir alle mit großer Angst entgegen sahen. Wir lebten in den letzten Monaten wie eine große Familie zusammen. Den Alltag gestalteten wir gemeinsam und erlebten verschiedene Abenteuer. Auch haben wir sehr enge Freundschaften geschlossen. Jedoch war der letzte Schultag sehr schön, da wir mit allen Schülern und ihren Familien ein großes Abschiedsfest veranstalteten. Alle norwegischen Schüler reisten an diesem Tag ab, nur wir "Internationalen" blieben in der leeren Schule zurück. Wir verbrachten noch fast zwei weitere Wochen gemeinsam und konnten uns daher in Ruhe voneinander verabschieden. Wir gingen wandern, fuhren zweimal nach Trondheim, schliefen im Freien und führten viele interessante Gespräche. Ich verließ die Schule am 26. Mai und reiste für neun weitere Tage durch Südnorwegen. Ich fuhr mit dem Zug und schlief in Jugendherbergen. Zuerst verbrachte ich drei Tage in Oslo. Anschließend reiste ich weiter nach Bergen und Stavanger. Die Reise durch Südnorwegen hat mir sehr gut gefallen und ich hatte genügend Zeit mich alleine von dem Land zu verabschieden.

Die vergangenen zehn Monate waren ein großartiges Erlebnis für mich und ich bin sehr froh, dass ich mich dazu entschieden habe, nach dem Abitur für einige Zeit in einem anderen Land zu leben. Ich habe viele neue Erfahrungen und Eindrücke gesammelt, die mir in meinem weiteren Leben sehr viel nützen werden. Auch habe ich das Leid anderer Menschen erlebt und schätze daher nun meine Gesundheit viel mehr. Außerdem habe ich gelernt, Probleme im Alltag und in meinem weiteren Leben lockerer entgegenzutreten. Ich empfehle jedem diesen Schritt zu wagen.

Ute