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Erfahrungsbericht Kerstin

Ich war ein Jahr lang in der Camphill Comunity Tapola in Finnland. Das erste halbe Jahr habe ich Vormittags zusammen mit anderen Mitarbeitern und Dörflern (so werden die behinderten Menschen in den Camphills genannt) in der Kerzenwerkstatt gearbeitet und war Nachmittags in dem Haus zu dem ich gehört habe arbeiten. Im zweiten Halbjahr war ich dann immer den ganzen Tag im Haus, dreimal in der Woche habe ich gekocht Vormittags, und an den anderen Tagen kam eine Köchin ins Haus, dann konnte ich andere Dinge erledigen, Zimmer putzen, aufräumen, Wäsche machen oder einkaufen gehen. Eine paar mal habe ich auch einer Ex EVS-lerin bei ihrem Future Capital geholfen, einem Theaterstück mit den Dörflern. Mir hat die Arbeit meist Spaß gemacht, es war relativ abwechslungsreich (im Vergleich zu anderen Arbeiten) und da mich niemand "kontrolliert" hat, konnte ich mir meine Arbeit ganz frei einteilen. Es war auch schön, dass ich Morgens mit zwei Dörflerinnen zusammengearbeitet habe, dadurch hat alles viel mehr Spaß gemacht, besonders die Välipala (kleine Vesperpause Morgens) war immer ganz lustig.

Auch sonst habe ich mich in meinem Haus mit den Dörflern die dort gewohnt haben sehr wohlgefühlt, es war aber trotzdem schön, dass noch ein deutscher Zivi mit mir im Haus war, dann waren die Abende in denen wir manchmal noch eine Weile nach dem Abendessen mit den Dörflern im Haus sein sollten (so von 18 bis 20 Uhr) nicht ganz so langweilig. Schade war, dass ich mich nicht sehr gut mit meiner Hausmutter (die Frau die mit ihren Kindern zusammen mit den Dörflern im Haus gelebt hat und ihnen so eine Art Ersatzmutter sein sollte) verstanden habe. Sie hat das ganze Jahr nebenher eine Ausbildung gemacht (machen müssen, da sie davor noch keinerlei Pflegeausbildung absolviert hatte) und außer in den paar Monaten in denen sie Pause hatte, war sie immer den ganzen Tag entweder in der Schule oder bei einem Praktikum. Und wenn sie dann Abends nach Haus kam, war sie müde und wollte alleine (bzw. mit ihren Kindern) sein und ist entweder schnell in ihrer abgetrennten Wohnung verschwunden oder noch weggefahren.

Dadurch hatte sie so gut wie gar nicht an der Haus- und an der Dorfgemeinschaft teilgenommen, das war ziemlich schwierig für mich und den Zivi, wir konnten ja beide nicht gerade perfekt Finnisch und standen oft alleine vor Problemen die wir nicht lösen konnten, wir kamen uns oft mehr wie die Hauseltern vor als unsere Hausmutter.

Aber es hatte teilweise auch gute Seiten, wir hatten ziemlich viel Freizeit und konnten viel selbstständiger in unserem Haus mit den Dörflern sein, aber es war eigentlich schon zu viel Verantwortung, und ich glaube vor allem die Dörfler haben schon darunter gelitten keine so ganz feste Bezugsperson zu haben. Ich kann nur hoffen, dass sich diese Hausmutter vielleicht ändert nächstes Jahr wenn sie nicht mehr so viel mit ihrer Ausbildung zu tun hat. Wir waren auch nicht die einzigen, die Probleme mit ihren Hauseltern hatten, fast alle anderen Freiwilligen und Zivis hatten auch mindestens einmal so eine Phase in denen es nicht sehr gut lief, aber ich glaube das letzte Halbe Jahr hatte sich jeder ganz gut eingefunden, und alle anderen hatten ein einigermaßen gutes bis wirklich gutes Verhältnis zu ihren Hauseltern.

Ich denke dass ist auch nicht einfach für diese Leute die teilweise schon so lange in einer Gemeinschaft leben, wenn wir jungen Freiwilligen kommen, viel weniger Pflichten und Verantwortung, und außerdem noch viel mehr Freizeit haben. Das war aber die Sache die es für mich am allerschönsten gemacht hat im Camphill zu leben, dass ich mit so vielen (am Schluss waren wir 10) anderen Jugendlichen zusammenleben und zusammenarbeiten konnte, wir haben uns alle so gut verstanden und so viele schöne Sachen gemacht; wir sind nicht wirklich oft weggegangen in die nächstgrößere Stadt oder haben Fernsehen geschaut (es gibt nur einen im Gemeinschaftssaal), es hat uns gereicht uns (fast) jeden Abend mit den Leuten die Lust hatten irgendwo zu treffen und zu reden, spielen, in die Sauna zu gehen, und im Sommer waren wir oft an den tollen Seen in der Umgebung baden oder in Tapolas Sommerhaus feiern.

Wir hatten auch alle viel Urlaub da wir jede Woche unseren zweiten freien Tag ansparen mussten, und haben ziemlich viel gesehen von Finnland und viele andere EVS-ler besuchen können. Ich glaube im Camphill lernt man auch relativ leicht finnisch, einfach durch das Zusammenarbeiten mit den Behinderten, die so eine einfache Sprache haben teilweise und einen immer verstehen egal wie falsch man etwas sagt. Leider hatten wir am Schluss (etwa die letzte drei oder vier Monate) keinen Finnischunterricht mehr, da die Frau die davor immer zweimal die Woche kam um uns zu unterreichten, keine Zeit mehr hatte (sie war keine Lehrerin sondern Landwirtin und musste dann auf ihrem Hof helfen). Ich war schon ziemlich faul was das hinsetzen und lernen betrifft, und wir konnten ja auch so viel Deutsch sprechen, aber soweit gelernt dass ich mich in Finnisch im Notfall irgendwie verständigen kann habe ich schon.

Ich habe jedenfalls ein wirklich schönes Jahr gehabt und viele nette Leute kennen gelernt und getroffen, ich kann jedem nur Finnland und Camphills empfehlen, so ein Jahr bringt einen wirklich weiter.

Kerstin